Stand: 07.02.2016 10:24 Uhr

Handy am Steuer: Letzte Nachricht vor dem Crash

von Eva Werler
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Mit einem übergroßen Mobiltelefon wirbt Verkehrssicherheitsberater Jörg Arnecke für sicheres Autofahren ohne Handy.

Wenn Jörg Arnecke an einer Schule auftaucht, dann hat er zwei Dinge im Gepäck: ein überdimensionales Smartphone und eine tragische Geschichte. Das mannshohe Mobiltelefon dient ihm als Türöffner, um mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen, die gerade ihren Führerschein gemacht haben. Ihnen erzählt er dann die Geschichte von einem 17-jährigen Unfallopfer, das ungebremst in ein vorausfahrendes Auto fuhr. Im Fußraum des zerstörten Fahrzeugs fand die Polizei später das Handy des jungen Mädchens. Ihr letzter Eintrag auf Facebook lautete: "Ich bin in Höhe Göttingen." Jörg Arnecke ist Verkehrssicherheitsberater der Polizei Göttingen und leistet Aufklärungsarbeit an Schulen. Denn die Zahl der Unfälle, die durch ein Handy am Steuer verursacht werden, steigt.

SMS-Schreiben ist wie volltrunken fahren

"Wer bei 100 Kilometern pro Stunde nur für eine Sekunde aufs Handy schaut, fährt 30 Meter im Blindflug", sagt Arnecke. Diese Sekunde könne entscheidend sein. Wer während der Fahrt eine SMS schreibe, vergrößere sein Unfallrisiko um das 32-fache. "Die verminderte Reaktionsfähigkeit wirkt sich aus, als würde man volltrunken Auto fahren", so Arnecke. Dem ADAC zufolge gehen zehn Prozent aller Unfälle mit Toten und Verletzten auf Ablenkung zurück - und die entsteht besonders häufig durch Handynutzung. 420.000 Ordnungswidrigkeiten wurden 2015 in Flensburg wegen Telefonierens am Steuer geahndet. Zwei Jahre zuvor waren es noch 385.000. Bereits seit 15 Jahren wird es als Ordnungswidrigkeit geahndet, wenn ein Verkehrsteilnehmer ein Mobiltelefon auch nur in die Hand nimmt. Ein Ertappter muss 60 Euro Strafe zahlen und bekommt einen Punkt in Flensburg.

Ausrede: Das Handy diente als Ohrenwärmer

Richter Oliver Jitschin verhandelt am Amtsgericht Göttingen oftmals solche Ordnungswidrigkeiten. Die Handynutzer wurden entweder von Zivilstreifen ertappt oder sie wurden mit überhöhter Geschwindigkeit oder beim Überfahren einer roten Ampel geblitzt und hatten zufällig das Handy auf dem Beweisfoto in der Hand. "Was die Menschen dann zu ihrer Entschuldigung vorbringen, ist teilweise abenteuerlich", sagt der Richter. Etliche Männer sagten, sie hätten sich während der Fahrt rasiert. Eine ertappte Frau gab vor Gericht zu Protokoll, sie hätte Ohrenschmerzen gehabt. Das Handy habe sie benutzt, um ihre Ohren zu wärmen, berichtet Jitschin. Wenn ein junges Mädchen treuherzig zu Richter Jitschin sagt, sie habe doch gar nicht telefoniert, sondern nur eine Nachricht auf Facebook geschrieben, dann stimmt ihn das nachdenklich.

Bei schweren Straftaten werden Handydaten ausgewertet

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Kommt ein Fahrer auf unerklärliche Weise in den Gegenverkehr und fügt dadurch anderen Schaden zu, dann sei es möglich, das Handy als Beweismittel zu beschlagnahmen, sagt Jitschin. Bei einer schweren Straftat wie fahrlässiger Tötung sei das auf richterliche Anordnung ein durchaus probates Mittel. Die Daten werden dann laut Jitschin ausgewertet und es wird nachverfolgt, ob der Unfallverursacher kurz vorher telefoniert oder Nachrichten geschrieben hat.

Unfall mit zwei Toten: Fahrer postete auf Facebook

Nur selten sind die Indizien so eindeutig wie bei einem schweren Lkw-Unfall bei Garbsen: Im November 2013 fuhr auf der A 352 ein Lastwagen ungebremst in ein Stauende. Zwei Autoinsassen wurden getötet. Die Auswertung der Handydaten ergab, dass der Lkw-Fahrer nur Sekunden vor dem Aufprall eine Facebook-Nachricht abgesetzt hatte. Liegen solche gesicherten Daten nicht vor, könne man allerdings nur spekulieren und nichts beweisen, so Jitschin. Nicht nur aus strafrechtlicher, auch aus zivilrechtlicher Sicht besteht ein großes Interesse, das Handy als Unfallverursacher zu überführen. Versicherer mindern beispielsweise ihren Versicherungsschutz, wenn ein Mitverschulden vorliegt. Bei der Nutzung des Handys am Steuer sei das durchaus der Fall.

Vier Punkte für die Sicherheit

Verkehrssicherheitsberater Arnecke gibt den Fahranfängern zum Abschluss stets vier Punkte mit den auf den Weg, damit sie mit dem Auto sicher ans Ziel kommen: beide Hände ans Steuer, Zeitdruck vermeiden, keine Geräte während der Fahrt bedienen und mit den Gedanken beim Fahren bleiben. Es sind nur vier Punkte. Doch sie sind für einige Verkehrsteilnehmer anscheinend nur schwer umzusetzen.