Stand: 14.03.2016 14:17 Uhr

Gräberfund macht Gevensleben 200 Jahre älter

von Tino Nowitzki

Da staunte der Baggerfahrer nicht schlecht, der eigentlich gerade dabei war, auf dem Gartengrundstück des Bürgermeisters von Gevensleben (Landkreis Helmstedt) etwas Erde zu schaufeln. Was er dabei freibuddelte, ändert die Geschichte des kleinen Dorfes vollkommen. Zunächst sah es nur nach ein paar alten Knochen aus, die tief in der Erde verscharrt waren. Doch spätestens nach dem Sensationsfund der Schöninger Speere vor ein paar Jahren schaut man hier im Süden des Landkreises Helmstedt genauer hin. Und auch in diesem Fall war es ein archäologischer Volltreffer. Hastig herbei geeilte Archäologen bestätigten: Es handelt sich um 53 Gräber aus dem frühen Mittelalter, der Zeit um 800 bis 1.000 nach Christus.

Gräberfund verdirbt Geburtstagsfeier in Gevensleben

Die bisher ältesten entdeckten Gevensleber

Damit sind sie die bisher ältesten entdeckten Gevensleber, denn eigentlich wollte der Ort im übernächsten Jahr sein 1.000-jähriges Bestehen feiern. Nun scheint man den Punkt um 200 Jahre verpasst zu haben. Die Archäologen sind begeistert von dem Fund: "Wir haben so was hier in der Gegend zwar erwartet, aber nicht in der Größenordnung", sagte Kreisarchäologin Dr. Monika Bernatzky. Bisher habe es nur vereinzelte Punkte mit kleinen frühgeschichtlichen Gräbern gegeben. Hier in Gevensleben habe man nun einen uralten Friedhof vor sich, der wohl 200 Jahre genutzt wurde.

Gräber sind in Gruppen angeordnet

Bei den Ausgrabungen, die seit Kurzem laufen und bei denen auch Studenten der Georg-August-Universität Göttingen mitarbeiten, fiel vor allem eins auf: Die Gräber sind in Gruppen angeordnet. Laut Bernatzky handelt es sich sehr wahrscheinlich um Familienbeisetzungen - häufig Mütter und ihre Kinder. Außerdem wurden die Menschen in west-östlicher Richtung bestattet, was ein üblicher christlicher Ritus war. "Ob sie auch schon Christen im Herzen waren, wissen wir aber nicht", so die Archäologin. Genauso denkbar sei es, dass die Art der Beisetzung vom örtlichen Adel angeordnet wurde. Der Fund bestätigt das Bild, das die Experten vom Frühmittelalter in der Region haben: So sei besonders auf Lössböden, wie es sie im Südkreis Helmstedt gibt, schon damals die Besiedlung recht dicht gewesen - Dörfer hätten aus bis zu zehn Hofstätten mit 80 Einwohnern bestanden. Bernatzky: "Wir hatten erwartet, dass hier etwas liegen musste, wir wussten nur nicht wo."

1.000-Jahr-Feier findet trotzdem statt

Schon vor rund einer Woche transportieren die Archäologen die Knochen ab. Zunächst werden sie gewaschen und dann in Magazinen untergebracht und weiter untersucht. Die Gartenarbeiten auf dem Bürgermeister-Grundstück können indes weiter gehen. Erst wenn auf benachbarten Grundstücken gebuddelt wird, muss wieder genau hingeschaut werden, sagt Kreisarchäologin Bernatzky. Auch auf die 1.000-Jahr-Feier im Jahr 2018 habe der Fund keinen Einfluss. Laut Bernatzky zähle bei so einem Jubiläum schließlich die Ersterwähnung eines Ortes. "Es kann aber gut sein, dass dann irgendwo in Klammern steht: Um 800 ging es hier schon los mit dem Dorfleben." Schon jetzt sei aber geplant, die Knochen und die zukünftigen Erkenntnisse der Archäologen bei den Feierlichkeiten auszustellen. Und die könnten damit zu einem riesigen Familientreffen werden. Monika Bernatzky: "Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die jetzigen Gevensleber direkte Nachfahren der Toten sind."