Stand: 19.02.2016 14:40 Uhr

Die Krähe: Nicht Hand-, sondern Schnabelwerker

von Jürgen Jenauer

Geradschnabelkrähen haben es Christian Rutz von der schottischen St. Andrews Universität angetan. Denn die Krähen, die wegen ihrer Herkunft von der Südseeinsel Neukaledonien auch Neukaledonienkrähen genannt werden, benehmen sich für Vögel reichlich ungewöhnlich. "Die Neukaledonienkrähe ist der einzige Vogel, der Werkzeuge zum Nahrungserwerb baut und benutzt", sagte der in Wolfenbüttel geborene Forscher. Rutz hat mit seinem Team erstmals beobachtet wie das funktioniert. Die Wissenschaftler haben Mini-Kameras entwickelt - und sie an den Schwanzfedern der Vögel befestigt. Auf dem Jahreskongress der Verhaltensbiologen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz am Deutschen Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen präsentierte Rutz die Ergebnisse.

Eine Krähe hält einen kleinen Ast im Schnabel. © Jolyon Troscianko & Christian Rutz Fotograf: Jolyon Troscianko & Christian Rutz

Krähen basteln sich ihr Essbesteck

Mithilfe von an den Schwanzfedern befestigten Mini-Kameras haben Göttinger Forscher die erstaunliche Fähigkeit der Neukaledonienkrähe ans Licht gebracht: Werkzeuge basteln.

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Genetisches Grundprogramm zum Werkzeugbau

Die Linse der Kameras guckt unter dem Bauch der Tiere hindurch. In dieser Perspektive können die Forscher beobachten, wie die Vögel aus Ästen und Pflanzenmaterial Werkzeuge bauen, um zum Beispiel an Larven heranzukommen, die hinter der Borke eines Baumes leben. "Die Neukaledonienkrähe ist sehr sorgfältig, was den Bau der Werkzeuge angeht", sagte Rutz. Es scheine eine genetische Grundprogrammierung zu geben, wie so etwas auszusehen hat. Die Vögel bauten ihre Werkzeuge, indem sie etwa Aststückchen so lange mit dem Schnabel bearbeiteten, bis eine Art Widerhaken entstehe, mit dem sie an die Nahrung heran kämen.

Die Verhaltensforscher um Rutz haben festgestellt, dass es drei Varianten der Krähenwerkzeuge gibt. "Die sind sogar von einem Laien sehr gut voneinander zu unterscheiden", so Rutz. Dass die Krähen bereits von Geburt an diese Fähigkeiten haben, hat der 40-Jährige nachgewiesen, indem er Küken in einer Voliere großzog. Die Tricks, genauere und bessere Werkzeuge zu bauen, schauten sich die Tiere offenbar voneinander ab, sagte Rutz.

Jahrelang an Kamera gefeilt

Nur mithilfe der Kameras sei es möglich, die Tiere ungestört in freier Wildbahn zu beobachten, sagt Rutz. Jahrelang hatten die Forscher im Regenwald an der Technik für ihre Kameras gearbeitet, bis sie ein intelligentes Aufnahmesystem entwickelt hatten. Die Hightech-Geräte wiegen nur ein paar Gramm. Laut Rutz merken die Vögel nach ein paar Sekunden gar nicht mehr, dass die Kameras da seien. Nach ein paar Tagen fallen die Geräte inklusive Ortungschip einfach ab. Dann müssen die Wissenschaftler sie im Regenwald Neukaledoniens einsammeln.

Umweltfaktor beeinflusst Fähigkeit zum Werkzeugbau

Seit 2005 beschäftigt sich Rutz mit den Neukaledonienkrähen - und vermutlich noch für den Rest seines Forscher-Lebens. Den ungewöhnlichen Einsatz von Werkzeugen bei den Vögeln führt Rutz auf Umweltfaktoren zurück. So gebe es auf der Insel keine Raubvögel oder andere Tiere auf der Insel, die den Krähen gefährlich werden könnten. "Wenn es die gäbe, hätten die Vögel gar nicht genug Zeit und Ruhe, sich mit Werkzeugen zu beschäftigen", sagt Rutz. Würde eine Krähe in Göttingen versuchen, mit Werkzeugen zu hantieren, würde sich der nächste Sperber oder Habicht drüber freuen. Auf der Insel dagegen werde das Verhalten der Krähen möglicherweise auch dadurch beeinflusst, dass es keine Spechte gibt, die hierzulande mit ihrem Schnabel Baumrinden aufhacken und das fressen, was sie darunter finden.

Eigenständige evolutionäre Entwicklung

Dass die Vögel überhaupt in der Lage sind, Werkzeuge zu bauen und zu nutzen, ist etwas sehr Einzigartiges, sagt Rutz. Bisher war der gezielte Gebrauch von Werkzeugen nur bei Menschenaffen wie Schimpansen und Orang-Utans sowie bei Fischottern nachgewiesen. "Wir können davon ausgehen, dass zwischen der Entwicklung des Menschen und der der Krähen so viel Zeit liegt, dass dies eine eigenständige evolutionäre Entwicklung ist", folgert Rutz.