Stand: 29.04.2017 09:44 Uhr

Biker-Pfarrer: Zwei Räder für ein Halleluja

von Tino Nowitzki

Ob Luther damit ein Problem hätte? Seit 45 Jahren huldigt der evangelische Pfarrer Reinhard Arnold ganz offen und ungeniert dem Heiligen Stuhl. Nur dass seiner nicht im Vatikan steht, sondern festgeschraubt ist - auf einem Motorrad. Denn wenn der Braunschweiger nach dem Gottesdienst die Bibel zuklappt, dann freut er sich nicht etwa darauf, die Füße hochzulegen und noch einmal über die eben gesprochene Andacht zu sinnieren. Stattdessen streift er sich die mit Aufnähern zugetackerte Kutte über, klappt den Gehstock zusammen und schwingt sich auf seine metallic-blaue Honda Goldwing. Mit 62 geht das freilich nicht mehr ganz so dynamisch. Aber Pfarrer Arnold macht das auch nicht nur für sich allein. Der Geistliche organisiert seit Jahrzehnten die bundesweit größte Gedenkfahrt von Bikern für Unfallopfer im Straßenverkehr: Heute zum 30. Mal. Doch es könnte seine letzte sein.

Prozession aus Chrom und Leder

Keine Frage: Es ist ein jährliches Highlight für Pfarrer Arnold. Man merkt es daran, wie seine Augen in dem ansonsten kernigen Gesicht funkeln, wenn er darüber redet. In den vergangenen Jahren führte der Geistliche einen Tross von bis zu 10.000 Bikern über die traditionelle Strecke von Salzgitter zum Braunschweiger Dom und zurück. "Manche von denen kenne ich seit Jahrzehnten", sagt Arnold. Eine Prozession aus Chrom und Leder. Doch das Geschehen hat einen ernsten Hintergrund: Wie in jedem Jahr gedenken die motorisierten Männer und Frauen den Verkehrstoten der Region. Sieben waren es in der vergangenen Saison - symbolisiert durch sieben Holzkreuze, gefertigt von Berufsschülern aus Salzgitter. Zwar geht die Zahl der Verkehrstoten seit Jahren zurück, "jeder einzelne ist trotzdem zu viel", mahnt Arnold. Er muss es wissen, denn er hat es ziemlich nah selbst erlebt.

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Auch Biker müssen trauern

Als er vor etwa dreißig Jahren den Sohn von Gemeindemitgliedern beerdigen musste, war das ein Weckruf-Erlebnis für den Pfarrer. "Er war mit seiner Maschine verunglückt und seine Eltern gaben dem Motorradfahren die Schuld", erinnert sich Arnold. Schlimmer: Die Hinterbliebenen verboten den Motorradclub-Freunden des jungen Mannes, am Trauerzug teilzunehmen. "Das war schwierig für mich. Schließlich wollten sie auch nur ihrem Schmerz Ausdruck verleihen", sagt Pfarrer Arnold. Also lud er sie ein und fuhr mit ihnen auf dem Motorrad zu den jährlichen Gedenkgottesdiensten. Die Aktion sprach sich schnell herum, immer mehr Biker wollten gemeinsam um ihre toten Kameraden trauern. Arnold beschloss kurzerhand, einen Club zu gründen: Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Motorradfahrer (AMC). Quasi das "gute" Pendant zu den "Hells Angels". Über Jahre wurde die Gedenkfahrt immer größer, an der Biker mit und ohne Clubabzeichen teilnahmen. Irgendwann musste Arnold dann den Gedenkgottesdienst in den Braunschweiger Dom verlegen. Dort predigt er seitdem jedes Jahr von Herrgott und Harley.

Vom Schrauben und einem trunksüchtigen Gottessohn

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Pfarrer Reinhard Arnold glaubt, dass es viele Parallelen zwischen Jesus und Motorradfahrern gibt.

Da bemüht der Pfarrer dann schon einmal einen Vergleich wie den vom Wirken Jesu und dem Motorradfahrer, der ölverschmiert an seinem Feuerstuhl schraubt: "Der eine will ein Problem lösen und auch Jesus war ein ziemlich guter Problemlöser", ist Arnold überzeugt. Dazu habe sich der Gottessohn stets mit Menschen umgeben, die ein Stück außerhalb der Gesellschaft waren - die Parallele zu Bikern sei eindeutig da, meint er. Und es gebe noch mehr Gemeinsamkeiten: So sei Jesus auch als trinkfreudig verrufen gewesen, war bei vielen Feiern dabei und habe ja nicht zuletzt bei einer Hochzeit Wasser in Wein verwandelt. Für Pfarrer Arnold ist die Lage klar: "Jesus wäre ein guter Biker gewesen!" So eine Einstellung kommt an: Weil Menschen immer wieder Aufzeichnungen seiner Predigten wollten, sammelte sie Arnold irgendwann in einem Buch, das inzwischen in der vierten Auflage ist. Das Thema der diesjährigen Predigt steht dann auch schon fest: "Bring den Frieden auf die Straße".

"Ich bin kein Missionar"

Trotzdem: Nicht jeder Biker, der an der Gedenkfahrt teilnimmt, sitzt am Ende auch in der Kirchbank. "Das würde von der Kapazität auch gar nicht gehen", sagt Pfarrer Arnold. Manche hören der Übertragung des Gottesdienstes auf dem Domplatz zu, andere drehen direkt nach der Ankunft in Braunschweig ab. Und auch für die Teilnehmer am Gottesdienst sei es oft der einzige Kirchgang im Jahr. Schlimm findet das der Pfarrer nicht: "Ich will niemanden überzeugen", sagt er. Schließlich sei er kein Missionar à la "Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag' ich dir den Schädel ein". Der Geistliche möchte vielmehr als Vorbild gelten. Auch, weil er die Achtsamkeit im Straßenverkehr lebt: Seit er vor 45 Jahren auf seine erste Maschine stieg, hat er eine geschätzte halbe Million Kilometer herunter geschrubbt - unfallfrei. "Das heißt aber nicht, dass ich ein extrem toller Motorradfahrer bin", sagt Arnold. Stattdessen wähnt er eine höhere Macht im Spiel: "Ich glaube, ich verdanke das einer gut eingespielten Gruppe an Schutzengeln."

Auf dem Motorrad zur Zwiesprache mit Gott

Obwohl er so oft mit dem Tod anderer zu tun hat - so richtig an Gott gezweifelt habe der bikende Pfarrer nie. Klar: Da habe es Situationen gegeben, an denen er an die Grenze des Vertrauens gekommen war. Wie an dem Tag, als er ein eineinhalbjähriges Kind beerdigen musste, das von einem unachtsamen Autofahrer überrollt wurde. "Da fiel es mir sehr schwer, tröstende Worte zu finden", sagt Arnold. Aber gerade das Motorradfahren hilft ihm dann: Dabei fühlt er sich frei, verfällt in so etwas wie einen meditativen Zustand und hält Zwiesprache mit Gott. Was er dabei gelernt hat: "Wir freuen uns zu wenig über das, was uns gegeben ist. Gleichzeitig können wir aber auch keinen Anspruch an Gott stellen." Pfarrer Arnold spürt das jeden Tag selbst: Seit Jahren ist er zuckerkrank, eine Behinderung lässt sein Gleichgewichtsgefühl schwinden und vom Zweirad musste er deswegen auf ein dreirädriges Trike umsatteln.

Fahren bis zur Rocker-Rente?

Weil eben nicht mehr alles geht und weil auch die Rente bald winkt, sucht Arnold jetzt einen Nachfolger. Möglichst schon im kommenden Jahr. Klar, dass der nicht nur ein guter Prediger sein muss, sondern vor allem eine Liebe zum Motorradfahren mitbringen sollte: "Er muss das schon im Blut haben." Gefunden hat er noch keinen, aber die Hoffnung will er nicht aufgeben. Genauso wenig wie das Motorradfahren. Sollte er irgendwann doch nicht mehr fahren können - dann werde Gott schon einen anderen Weg für ihn haben: "Der Sinn des Lebens hängt nicht an zwei Rädern!"

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Braunschweig | 28.04.2017 | 17:00 Uhr

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