Stand: 04.08.2015 09:46 Uhr

"Ich will mit dem IS nichts zu tun haben"

von Nils Hartung

Es war der Abend des 31. Juli 2014, als für Ayoub B. laut eigener Aussage endgültig feststand: "So geht es nicht weiter." Gegen 17 Uhr jenes Tages hatte der heute 27-jährige Deutsch-Tunesier aus Wolfsburg seinen ersten Einsatz im Kriegsgebiet für den "Islamischen Staat" (IS). "Ich hörte nur noch Geratter und Patronen. Es war alles sehr, sehr laut. Ich habe zum ersten Mal einen Toten gesehen, ich war wie gelähmt. Noch nie in meinem Leben hatte ich solche Angst", ließ Ayoub B. am Montag vor dem Oberlandesgericht Celle durch seinen Verteidiger schildern. Dort hatte am Vormittag der Prozess gegen B. und den 26-jährigen Ebrahim H. B. wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Sommer 2014 begonnen. Den Angeklagten drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Aus dem Frust in den Radikalismus

Weit mehr als eine Stunde dauerte die Erklärung, die der Verteidiger von Ayoub B., Dirk Schoenian, vor Gericht im Namen seines Mandanten verlas. Eine spannende Geschichte, die in der abenteuerlichen Flucht von Ayoub B. zurück nach Deutschland gipfelte. Die Kurzversion: verkorkste Schulzeit und verkorkster Berufseinstieg in Wolfsburg, Drogen, Bruch mit dem Elternhaus. Dann ein Lichtblick: eine Stelle bei VW. Dort gab es den ersten Kontakt zu Fundamentalisten. B. wurde in eine Gruppe von zum Schluss 20 Wolfsburger IS-Sympathisanten aufgenommen. Es folgte die Ausreise über die Türkei nach Syrien, ein Auffanglager, ein Trainingslager, der erste Einsatz. "Kein Kampfeinsatz", wie Schoenian betonte.

"Ich will mit dem IS nichts zu tun haben"

Es zog sich wie ein roter Faden durch die Erklärung: Alle Vorwürfe der Anklage seien falsch. Hier sitzt ein Unschuldiger, ein Geläuterter - das ist offenbar die Strategie der Verteidigung. Ganz am Ende kam die Aussage, die das alles untermauern sollte: "Ich will mit dem IS nichts zu tun haben. Ich bin kein Salafist. Vielleicht habe ich mich da bislang nicht klar genug positioniert." Ein Hinweis auf B.s Verhaftung, denn damals hatte er den Zeigefinger gehoben und laut "Allahu akbar" gerufen. Nicht wenige sehen seitdem den unverbesserlichen Terroristen in ihm. Alles falsch, so sein Anwalt am Montag.

Unterstützung nur zur Tarnung?

Die Chatverläufe, in denen er vom Leben bei IS schwärmte? Nur Tarnung, um sich nicht verdächtig zu machen. Das Propaganda-Foto, bei dem er mit IS-Flagge und Kalaschnikow posiert? Ebenfalls. Der Wolfsburger, den er im Internet zum Kampfeinsatz überredet haben soll? Der war sowieso schon radikalisiert. Und der Einsatz, von dem er selbst erzählt hat bei Facebook? Ein Missverständnis. Ayoub B. war, so ließ er am Montag verlauten, mit völlig anderen Vorstellungen nach Syrien gereist. Ihm war versprochen worden, dass er den Islam studieren dürfe und jederzeit nach Hause könne. Vor Ort sei dann alles ganz anders gewesen. Immer wieder, so Ayoub B., habe er seine Vorgesetzten beim IS gefragt, ob und wann er denn abreisen dürfe. Damit habe er sich verdächtig gemacht. Deshalb seine Taktik, sich als Fanatiker zu tarnen, so seine Erklärung.

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"Einschleimen" bei den Anführern

Sein Plan habe gelautet: "Einschleimen" bei den Anführern und auf eine günstige Gelegenheit hoffen. Auch bei den Gehirnwäschen im zweiten Trainingslager, die offiziell religiöse Unterweisung hießen. Dort sei den Neuen eingetrichtert worden, nur der IS verkörpere die reine Lehre. Alle Außenstehenden seien "Kuffar", also Ungläubige. Er, Ayoub B., habe dort sogar zum Schein angekündigt, seinen Vater umzubringen, weil dieser ein "Kuffar" sei. Er stieg auf innerhalb der Organisation. Trotzdem habe sein Hauptaugenmerk dabei immer auf der Flucht gelegen.

"Meine Inhaftierung ist mir völlig unverständlich"

Die Flucht begann schließlich am 10. August und endete am 21. August 2014 in Deutschland. Er habe großes Glück gehabt und ohne Pass 700 Kilometer durch zwei Länder zurückgelegt, so Ayoub B. Doch zurück in Deutschland erwartete ihn nicht das, was er erwartet hatte. Die Behörden glaubten ihm nicht, glaubten ihm seine Geschichte nicht. "Meine Inhaftierung ist mir völlig unverständlich", ließ er erklären. Daher auch seine bizarren Reaktionen bei der Verhaftung und im Anschluss. "Ihr wollt den Terroristen? Dann mach ich Euch den Terroristen" - das sei Trotz gewesen, als Pressevertreter, die offenbar von den Sicherheitsbehörden informiert worden waren, bei seiner Verhaftung aufkreuzten.

Angeklagte präsentieren sich unterschiedlich

Ist dieser Mann glaubwürdig? Interessant war der Widerspruch zwischen den reflektierten, wohlüberlegten Worten, die sein Anwalt in seinem Namen vorlas und dem sonstigen Auftritt von Ayoub B. im Saal. Während Ebrahim H. B. ruhig, fast scheu neben ihm saß, wirkte Ayoub B., der mittlerweile - anders als bei seiner Rückkehr nach Deutschland - glatt rasiert ist, selbstbewusst und sogar angriffslustig. Er lächelte ein-, zweimal süffisant in die Runde, zwinkerte jemandem zu. Die lange Verlesung seiner Erklärung ließ er praktisch regungslos vorüberziehen: Auf den rechten Arm gestützt lauschte er den Ausführungen seines Anwalts. Zwischendurch blitzte Humor auf: Von "Aladin-Hosen", die bei IS getragen würden, ließ er seinen Anwalt berichten - in Anlehnung an das berühmte Märchen aus "1.001 Nacht". Ein reuiger Sünder, der nur einen schweren Fehler begangen hat? Oder doch mehr - eventuell viel mehr? Das ist die große Frage, die über diesem Prozess schwebt.

Der nächste Verhandlungstermin in Celle ist am Dienstag.

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