Stand: 03.12.2013 22:46 Uhr

Tag der Behinderten: Petition aus Hameln

von Jessica Chmura
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Die Petition des Rollstuhlfahrers Constantin Grosch haben bereits Zehntausende Menschen unterzeichnet.

Vor 20 Jahren haben die Vereinten Nationen den "Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen" ausgerufen. Ziel seit jenem Beschluss am 3. Dezember 1993 ist es, allen Menschen ein gleichberechtigtes Leben zu ermöglichen. "Deutschland hat das Ziel bislang aber verfehlt", sagt der Student Constantin Grosch.

Auf Hilfe angewiesen

Deshalb will Grosch eine neue Debatte über die Rechte von Behinderten führen. Der 21-Jährige aus dem niedersächsischen Hameln ist schwerstbehindert - einer von sieben Millionen Menschen in Deutschland. Grosch kann nur noch seinen Kopf bewegen, seine Unterarme, die Handgelenke und seine Finger: "Ich habe Muskeldystrophie, das heißt, bei mir bauen sich die Muskeln ab oder verlieren an Kraft. Und ich sitze dauerhaft im Rollstuhl, seitdem ich zwölf bin oder so."

Ob morgens beim Aufstehen, beim Anziehen, auf dem Weg in den Uni-Hörsaal: Für fast alles ist der Student aus Hameln auf Hilfe angewiesen. Mitleid will er aber nicht - und alles vom Staat bezahlt bekommen auch nicht. Er will selbst Geld verdienen und sparen. In Deutschland sei das aber für Behinderte schwierig, sagt Grosch: "Ein Studium oder selbst die Bemühung, das Abitur zu machen, spiegeln sich momentan für Menschen mit Behinderung finanziell nicht wider - weil mein Vermögen 2.600 Euro nicht übersteigen darf."

"Leistung muss gewürdigt werden"

Der Grund: Die Kosten für eine Begleitperson übernimmt üblicherweise der Staat. Im Fall des Jurastudenten sind das rund 8.000 Euro im Monat. Aber der Staat trägt die Kosten nur dann, wenn der Behinderte auf einem Hartz-IV-ähnlichen Niveau lebt. Sobald Constantin Grosch aber nach seinem Studium selbst Geld verdient oder sich etwas anspart, sobald er etwas erbt oder einen wohlhabenden Ehepartner findet - sobald eines davon passiert, muss er den Großteil des Geldes für eine Assistenz selbst zahlen. Denn der Staat streicht dann die Finanzhilfe.

Das verärgert Grosch: "Ich fordere ja nicht, dass Menschen mit Behinderung mit Geld ausgestattet werden, egal, was sie tun. Mein Bestreben ist nur, dass ein Mensch mit Behinderung das Gleiche daraus ziehen kann wie andere auch, wenn er selbstständig arbeitet. Dass also die Leistung genauso gewürdigt wird wie bei allen anderen Menschen."

Das Recht auf Sparen

Deshalb hat der 21-Jährige eine Petition bei der Bundesregierung eingereicht. Darin fordert er das Recht auf Sparen und auf gleiches Einkommen für Behinderte: "Ich glaube, dass man mit solchen Petitionen auch noch viel offensiver arbeiten kann. Sobald ein Betroffener seine Geschichte erzählt und hinter sich noch ganz viele vereint, wo klar wird: Dies ist kein Einzelfall, das betrifft viele und alle haben die gleichen Probleme - sobald das jemand so macht, kann er viel emotionaler mit solch einem Thema umgehen. Und das führt im Endeffekt dazu, dass die Politik sich damit beschäftigen muss: Einen Forderungskatalog kann man einfach abheften, bei Emotionen wird das schwierig."

Fast 84.000 Unterschriften - bislang

Mittlerweile haben fast 84.000 Menschen die Petition unterschrieben – Behinderte und Nichtbehinderte. Eines seiner Ziele hat Constantin Grosch schon erreicht: "Gerade die Petition hat es mir ermöglicht, mit der regionalen Politik ins Gespräch zu kommen. Und einigen anderen auch, glaube ich. Das hat tatsächlich Wirkung erzielt. Ich habe über verschiedene Kanäle mittlerweile vernommen, dass die Petition bei allen Politikern in diesem Themenfeld bekannt ist. Wir hatten ja auch die Koalitionsverhandlungen, wo die Petition auch Thema war, und die wussten alle von der Problematik. Die konnten es sogar mir zuordnen."

Bundeskanzlerin kündigt Eingliederungsgesetz an

Jetzt hofft der Jurastudent, dass sich die neue Bundesregierung auch mit seinem Anliegen beschäftigt. Einen ersten Lichtblick gibt es schon. In ihrem aktuellen Video-Podcast hat Bundeskanzlerin Merkel angekündigt, ihre künftige Regierung wolle ein sogenanntes Eingliederungsgesetz verabschieden. Darin sollen unter anderem bundesweite Standards für die Leistungen festgelegt werden, die Behinderte erhalten.

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