Stand: 23.11.2015 11:00 Uhr

Wie sicher sind die Deiche in der Elbmündung?

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Zeichen für zu starken Druck des Wassers? Der mittlerweile schiefe Palisadenzaun im Altenbrucher Bogen verlief noch vor wenigen Jahren kerzengerade.

Im Altenbrucher Bogen, kurz vor Cuxhaven, spüren die Menschen die nahe Nordsee ganz besonders: Bei Nordwest-Wind drückt die Flut direkt auf einen 7,5 Kilometer langen hochsensiblen Uferabschnitt zwischen Otterndorf und Cuxhaven, den Altenbrucher Bogen. Dort führt die Fahrrinne zudem Containerschiffe dicht am Ufer entlang. Vor drei Jahren ist der gefährdete Uferabschnitt für mehrere Millionen Euro aufwendig gesichert worden, um den dahinterliegenden Deich besser abzusichern: mit Buhnen im Wasser, dicken Steinen, dem sogenannten Deckwerk, sowie einem Schlitzpalisadenzaun, der hohe Wind- und Schiffswellen brechen soll.

Erinnerungen an die letzte Flut prägen die Erinnerungen

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Walter Rademacher sorgt sich um die Deichsicherheit an der Unterelbe. "Ich weiß, warum ich Angst habe", sagt der Wasserbau-Ingenieur.

Bisher fühlten sich die Anwohner, die quasi unter dem Meeresspiegel leben, hinter dem Deich halbwegs sicher. Die Bilder an die letzte große Flut im Jahr 1976 prägen jedoch die Erinnerung der Menschen an der Unterelbe. Jetzt fürchten sie, dass die neunte Elbvertiefung Konsequenzen für die Deichsicherheit hat. Die Folgen der Elbvertiefung von 2002 seien schon jetzt am Deich bei Otterndorf zu beobachten, sagt der Wasserbau-Ingenieur Walter Rademacher. Er hat früher selbst an Deichen entlang der Elbe mit gebaut. Seit Jahren engagiert sich der Pensionär im "Regionalen Bündnis gegen die Elbvertiefung", einer von mehreren Prostest-Initiativen an der Unterelbe, die jedoch in der Öffentlichkeit kaum gehört werden.

Wasserbau-Ingenieur: "Schwächste Deichstelle an der gesamten Nordseeküste"

Walter Rademacher kontrolliert regelmäßig neuralgische Punkte am Deich des Altenbrucher Bogens, um mögliche Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Kurz nach der letzten Elbvertiefung ist die Deichkrone plötzlich abgesackt, sagt der Wasserbau-Experte und zeigt Fotos davon. Das beunruhigt ihn bis heute. "Das ist die schwächste Stelle des Deiches hier an der gesamten Nordseeküste. Hier haben wir einen besonders schwachen Untergrund. Hier hat sich der Deich schlagartig um fast einen halben Meter gesetzt. Und zwar nicht nur die Deichkrone, sondern der gesamte Deichkörper. Also auch die Fahrbahn zum Deichrand hin. Wir gehen davon aus, dass es eine Schiffswelle gewesen ist, die sich da vorn am Deckwerk gebrochen hat und diesen schwingungsempfindlichen Baugrund hier so erschüttert hat, dass er eben nachgegeben hat."

Abfotografierte Querschnittszeichnung des Deiches beim Altenbrucher Bogen. © NDR

Welche Wellen-Kräfte wirken auf den Deich?

45 Min -

Im Altenbrucher Bogen, einem Deichabschnitt an der Unterelbe, führt die Fahrrinne dicht am Land vorbei. Die Wellen der Schiffe sorgen für erhebliche Schwingungen.

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Behördliches Gutachten hat keine Gefahr festgestellt

Aufgrund der bisherigen Vertiefungen der Elbe konnten in den vergangenen Jahrzehnten immer größere Containerschiffe den Fluss befahren. Viele Anwohner in Otterndorf und Umgebung befürchten, dass ihr Deich daher von größeren und damit immer gefährlicheren Schiffswellen bedroht wird. Die Vertiefungs-Planer haben darauf reagiert und im Jahr 2005 die Deichsicherheit von der Bundesanstalt für Wasserbau (BAW) begutachten lassen. Die staatliche Behörde hat unter anderem untersucht, wie es zu den auch von Walter Rademacher beobachteten Deichsetzungen kommen konnte. Die BAW kam zu dem Schluss, dass keine Gefahr bestehe. Das entsprechende Gutachten wurde den protestierenden Anwohnern der Unterelbe bei einer öffentlichen Anhörung von den Planern präsentiert.

Der studierte Wasserbauingenieur Rademacher hält das Gutachten für fehlerhaft. Zu Testzwecken in den Deich eingebaute Sensoren seien recht nah an der Oberfläche in der dämpfenden Kleischicht (Klei ist sehr fruchtbarer und dichter Marschboden) angebracht worden. "Messungen dieser Sensoren können überhaupt keine Aussage darüber machen, was unten in der Feinsandschicht für Schwingungen auftreten. Und ob der Feinsand diese Schwingungen vertragen kann oder ob er instabil wird", so Rademacher.

Bringen Jogger den Deich mehr zum Schwingen als Schiffswellen?

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Die größte Gefahr sind Jogger

Die Branchenzeitung "Hafenreport" berichtete im August 2007 über das Ergebnis zweier Studien des Wasser- und Schifffahrtsamtes Hamburg zur Deichsicherheit. Download (2 MB)

Darüber hinaus kamen die Planer bei der Frage, ob von Schiffen erzeugte Wellen den Deich belasten, zu einem überraschenden Ergebnis, wie Rademacher erzählt: "Bemerkenswert ist die Endaussage, dass Jogger auf der Deichkrone gefährlicher für den Deich sind als Schiffswellen vorn am Deckwerk. Wenn ein Jogger direkt auf einen Sensor tritt, dann ist der Sensor zwar erschüttert, aber nicht der Deich." Von diesem Ergebnis fühlten sich viele Menschen im Raum Otterndorf schlichtweg verhöhnt. Es gab in der Folge noch weitere Gutachten. Obwohl der Deich im Anschluss stellenweise stabilisiert worden ist, sagt auch der Deichverband: Hier steht weiterhin alles auf wackligem Boden.   

Rademacher sorgt sich um Deichsicherheit

Der Wasserbauingenieur dokumentiert immer wieder Wetterlagen, bei denen nicht nur das Deckwerk, sondern auch die Schlitzpalisaden von den Wellen überflutet werden. "Und das sind die Wellen, die unseren Deich direkt treffen. Und dafür sind diese Deiche nicht bemessen", gibt Rademacher zu bedenken. "Es gibt viele, die sind einfach emotional und haben einfach Angst, ohne das genau erklären zu können. Aber bei mir ist es einfach so, dass ich die Fachkenntnisse habe, dass ich weiß, warum ich Angst habe." Walter Rademacher wird weiter alles rund um den Deich dokumentieren. Den Planern der Elbvertiefung und Behörden wie der Bundesanstalt für Wasserbau könne er nicht mehr vertrauen, sagt er. 

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Dieses Thema im Programm:

45 Min | 06.02.2017 | 22:00 Uhr

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