Stand: 07.09.2015 18:16 Uhr

Was tun gegen die Milchkrise?

Bild vergrößern
Der niedrige Milchpreis treibt die Bauern auf die Straße. (Archiv)

Spätestens seit dem Wegfall der Milchquote im April 2015 scheint die bäuerliche Milchviehwirtschaft an einem Wendepunkt zu stehen. Der Milchpreis ist gefallen, viele kleinere Betriebe bangen um ihre Existenz. Gerade erst hatten Milchbauern aus ganz Deutschland in München für eine Neuregelung demonstriert, am Montag protestiertenTausende europäischer Bauern in Brüssel. Viele waren aufgebracht, es gab Ausschreitungen. Anlass für die Protestaktion war eine Sonderagrarministerkonferenz zur Entwicklung des Milchpreises. NDR.de beantwortet Fragen zur Milchkrise.

Wie setzt sich der Milchpreis zusammen?

Wer im Supermarkt oder im Discounter einkaufen geht, bekommt einen Liter Vollmilch mit 3,5 Prozent Fettgehalt bereits für 55 Cent. Beim Bauern kommen - bei dieser Beispielrechnung - davon allerdings nur 23,1 Cent an. Das hat das Institut für Ernährungswirtschaft (ife) in Kiel jetzt ermittelt. Die restlichen rund 32 Cent gehen zum größten Teil in die Verpackung. Nach Angaben des ife werden dafür etwa 8,5 Cent pro Liter ausgegeben. Ähnlich groß sind die Produktionskosten bei den Molkereien mit 8 Cent pro Liter. Der Lebensmitteleinzelhandel bekommt von einem verkauften Liter Vollmilch 6,3 Cent. Das letzte Fünftel wird für die Mehrwertsteuer, den Transport der Milch, Lagerung, Logistik und die Verpackungsentsorgung über den grünen Punkt ausgegeben.

Wer ist schuld an der Milchkrise?

Ausgelöst wird die Krise nach Ansicht vieler Bauern durch das Überangebot an Milch. Seit dem Wegfall der Milchquote im Frühjahr können sie in der EU so viel Milch erzeugen, wie sie wollen. Derzeit kostet einen niedersächsischen Bauern die Herstellung von einem Liter Milch durchschnittlich rund 40 Cent, bundesweit sind es im Schnitt etwa 45 Cent. Dem gegenüber steht aber der Preis, den die Bauern von den Molkereien erhalten: nicht mehr als 28 Cent. Die Rechnung geht nicht auf, denn die Bauern haben mehr Ausgaben als Einnahmen. Wer keine Rücklagen gebildet habe, komme angesichts dieser Entwicklung schnell in eine finanzielle Schieflage, so Johanna Böse-Hartje vom Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BDM). Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus (SPD) kritisiert den Einzelhandel und will kartellrechtlich prüfen lassen, ob die Monopolisten mit Preisdiktaten ihre Machtstellung missbrauchen. Nach Einschätzung von Hans Foldenauer vom BDM nutzt der Handel zwar die Situation zu seinem Vorteil, ist aber nicht für die derzeitige Situation verantwortlich. Als weitere Gründe für die Milchkrise gelten außerdem eine globale Überproduktion, die gesunkene Nachfrage aus China und das russische Einfuhrverbot.

Tagesschau.de
Link

500 Millionen Euro für wütende Bauern

Weil sinkende Preise ihre Existenz gefährden, haben Milchbauern in Brüssel protestiert. Die EU-Kommission sagte ihnen nun 500 Millionen Euro Hilfe zu. Tagesschau.de berichtet. extern

Was fordern die Milchbauern von Politik und Handel?

Die Ausweitung der Milchproduktion sei der Grund für die niedrigen Erzeugerpreise und drücke auf den Markt, sagt Foldenauer. Nach Auffassung des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums könnten für Bauern beispielsweise finanzielle Anreize geschaffen werden, damit sie weniger Milch produzieren. Aber selbst wenn die Bauern in Deutschland ihre Produktion drosseln würden, hieße das noch lange nicht, dass die Nachbarländer genauso vorgehen. Wenn die EU-Milchproduktion weiterhin über der Nachfrage liege, würden sich Milchkrisen wiederholen. Deshalb müsse eine Lösung von der Politik gefunden werden - und zwar auf europäischer Ebene. Zwar wollen die Milchviehhalter nicht zur Quote zurück, sie fordern aber Instrumente auf EU-Ebene, mit deren Hilfe die europäische Milchproduktion in Krisenzeiten gedeckelt werden kann. Solche Instrumente gibt es bereits, sie gehen den Erzeugern aber nicht weit genug. Der europäische Milchviehindustrie-Dachverband (EDA) lehnt eine solche EU-Regelung dagegen ab. Er befürchtet einen großen bürokratischen Aufwand und bemängelt, dass so eine Regelung nur für Europa gelten würde, die hohe Milchproduktion hingegen sei ein globales Phänomen.

Welche Positionen vertreten die europäischen Agrarminister?

Im Kern streiten die Minister darüber, ob die Politik in den Markt eingreifen sollte. Vor allem Frankreich plädiert dafür, die Menge der Milch am Markt zu reduzieren, damit die Preise nicht weiter einbrechen. Die Bundesregierung dagegen argumentiert, Eingriffe in den Markt seien teuer und brächten wenig. Das Problem werde nur verlagert. Berlin setzt darauf, die Liquidität der Milchbauern zum Beispiel dadurch zu verbessern, dass Direktzahlungen vorgezogen werden. Das sind Fördergelder, die nach Angabe des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL) die Stabilität der Einkommen in der Milchviehhaltung sichern sollen. Ein Betrieb mit einer durchschnittlichen Flächenausstattung von rund 83 Hektar erhält laut Beispiel des BMEL Direktzahlungen in Höhe von etwa 24.000 Euro pro Jahr. CDU und SPD haben die sogenannte Superabgabe im Blick. Das sind Strafzahlungen, die Milcherzeuger entrichten mussten, als es noch die EU-weite Milchquote gab. Das dadurch zur Verfügung stehende Geld solle kurzfristig zur Unterstützung der Landwirte genutzt werden, fordert zum Beispiel der agrarpolitische Sprecher der Union, Franz-Josef Holzenkamp. Die EU-Kommission folgt dem Vorschlag: Sie kündigte am Montag 500 Millionen Euro Soforthilfe für die Milchbauern an. Die Summe soll aus der Superabgabe kommen. Die Grünen hatten zuvor eine andere Idee ins Spiel gebracht. Sie wollen ein neues, nicht eben unkompliziertes System einführen: Wer weniger Milch produziert, soll belohnt werden - wer mehr Milch auf den Markt bringt, soll zahlen.

Kommentar

Qualitätsoffensive statt Export-Orientierung

07.09.2015 17:08 Uhr
NDR Info

Viele Milchbauern erhoffen sich in der "Milchkrise" Hilfe von den deutschen und europäischen Agrarpolitikern. Doch sie können auch selbst etwas tun, meint Claudia Plaß im Kommentar. mehr

Und was kann der Verbraucher vor dem Supermarkt-Regal tun?

Viele Verbraucher sind sicherlich nicht traurig angesichts niedriger Preise für Milchprodukte. Aber genauso viele fragen sich auch, ob sie durch ihr Kaufverhalten den Bauern aus deren Misere helfen können. Konkret: Bringt es was, wenn man zur teureren Milch im Kühlregal greift? Die Frage lässt sich allerdings nicht so einfach und klar beantworten. Weder die Verbraucherschutzorganisation foodwatch noch die Verbraucherzentralen haben das in den vergangenen Jahren untersucht. "Höherer Preis gleich mehr Geld für den Bauern - dieser Automatismus funktioniert allerdings nicht", so ein foodwatch-Sprecher. Sicherlich gebe es einige Initiativen, bei denen ein höherer Endverbraucherpreis auch den Landwirten zugute kommt. Doch steuern könnten wir den Milchpreis durch unser Kaufverhalten nicht, so der Sprecher weiter. Hier gehe es letztlich um Marktmechanismen wie beispielsweise die Überproduktion von Milch.

Den Kunden wird vielfach der Griff zur Bio-Milch beziehungsweise der Einkauf im Hofladen empfohlen. In Ostfriesland haben sich jetzt Landwirte einem europaweiten Projekt angeschlossen: Sie bringen ein eigenes Produkt auf den Markt: "Die faire Milch". Ein Liter kostet mehr als einen Euro. Davon bekommen die Bauern 40 Cent - das Geld, das sie brauchen, um kostendeckend arbeiten zu können. Der Rest des Literpreises setzt sich aus Kosten fürs Abfüllen und für den Transport zusammen. "Die faire Milch" gibt es allerdings nur in Hofläden und über das Internet zu kaufen.

Weitere Informationen

Niedersachsens Milchbauern protestieren in München

Eine Woche sind Milchbauern aus Niedersachsen mit ihren Traktoren unterwegs gewesen, um für faire Preise zu demonstrieren. Zum Abschluss haben sie in München demonstriert. (01.09.2015) mehr