Stand: 11.08.2017 16:00 Uhr

VW in Brasilien: Eine Chronik der Schande

Es ist ein dunkles Kapitel aus der Geschichte des Volkswagen-Konzerns: die Zusammenarbeit mit der Militärdiktatur in Brasilien. Recherchen eines Teams um die NDR Info-Reporterin Stefanie Dodt haben gezeigt, wie VW offenbar aktiv an politischer Verfolgung und Unterdrückung von Regimegegnern beteiligt war und wie Zwangsarbeiter für ein VW-Projekt im Amazonasgebiet eingesetzt wurden. VW hat sich bisher noch nicht inhaltlich zu den Vorwürfen geäußert und verweist auf ein wissenschaftliches Gutachten, das das Unternehmen in Auftrag gegeben hat. Reicht das?

Ein Kommentar von Peter Hornung, NDR Info

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Peter Hornung: VW muss Opfer entschädigen.

Es ist eine Chronik des Versagens, des Wegschauens, des Komplizentums, gar der Menschenverachtung. Eine Chronik der Schande für einen Weltkonzern. Sieht man die kalten Mienen der damaligen Spitzenmanager, hört man ihre empathielosen Stimmen, nimmt man ihren kolonialistischen Dünkel wahr, dann versteht man, warum Volkswagen gemeinsame Sache machte mit den Diktatoren.

VW muss sich entschuldigen und Opfer entschädigen

Volkswagen wird sich bei den Opfern entschuldigen müssen. Und darüber hinaus wird das Unternehmen ein angemessenes Schmerzensgeld zahlen müssen - an die, die willkürliche Verhaftung, Folter und jahrelange Gefängnisstrafen erlitten haben. Und an die, die Schuldknechte waren beim Aufbau einer VW-Farm im Amazonasgebiet. Wenn sich das bestätigt, was unsere Recherchen gezeigt haben: dass Volkswagen über zwei Jahrzehnte hinweg ein willfähriger Helfer war eines brutalen Militärregimes. Und selbst Menschen- und Arbeitnehmerrechte mit den Füßen getreten hat.

Politik als Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg

Politik sei ihnen damals egal gewesen, hört man von den Alten, aber das stimmt nicht. Politik sollte die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg schaffen. Das galt damals, wie es heute gilt. Wie diese Politik mit ihren Bürgern umging, ob sie deren Rechte wahrte, das war Konzernen wie Volkswagen damals aber schlicht egal. Mehr noch: Im Fall der Amazonas-Farm machte sich VW feudalistische Strukturen zunutze. Ohnehin sahen die Firmenchefs rechte Militärregime als Garant einer Ordnung, die Gewerkschaften klein hielt, während liberale oder gar linke Regierungen oft im Verdacht standen, Wegbereiter des Kommunismus und damit Totengräber freien Unternehmertums zu sein. Der erste Chef von VW Brasilien, ein Altnazi, steht exemplarisch für diese Haltung. Er ließ einen Werkschutz einrichten, der bald geheimdienstähnliche Züge trug.

Hauptsache die Zahlen stimmten

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Komplizen? VW und Brasiliens Militärdiktatur

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Hat VW do Brasil mit der brasilianischen Militärdiktatur kollaboriert? Eine Spurensuche zwischen Brasilien und Deutschland. Hier gibt es alle fünf Teile der Podcast-Serie. mehr

Als 1972 die ersten Signale aus Brasilien kamen, dass das Regime VW-Mitarbeiter auf dem Werksgelände verhaftete, reagierte Wolfsburg nicht. Auch der Hinweis, man werde als "Sklavenhalter" bezeichnet, verhallte. In der Konzernzentrale wollte man offenbar nicht wirklich wissen, was in Brasilien vor sich ging. Hauptsache die Zahlen stimmten. 1985 endete das Militärregime, doch eine Aufklärung gab es immer noch nicht. Als vor drei Jahren der damalige Chefhistoriker mit der Aufarbeitung der Rolle Volkswagens während der Diktatur begann, wurden ihm vom Unternehmen noch Steine in den Weg gelegt. Vergangenen Winter endlich beauftragte VW dann einen Wirtschaftshistoriker, ein Gutachten zu erstellen, das derzeit ausgewertet wird. Das erste Mal kann man nun den Eindruck bekommen, dass VW aufklären will - was vielleicht auch daran liegt, dass man in Wolfsburg angesichts des Dieselskandals nicht noch weitere Baustellen braucht.

Man habe den Willen zur Aufarbeitung bereits bei den Themen Nazi-Vergangenheit und NS-Zwangsarbeiter gezeigt, hieß es jüngst von VW. Jetzt muss der Konzern diesen Willen auch im Fall Brasilien zeigen. Dass er die Vergangenheit ohne Rücksichten aufklären lässt - und dass er Willens ist, alte Wunden zu heilen.

VW-Werk in Sao Bernardo do Campo (Brasilien) © NDR

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Der Volkswagen-Konzern soll in den Jahren der brasilianischen Militärdiktatur mit dem Regime zusammengearbeitet haben. In Brasilien ermitteln Staatsanwälte. Was steckt dahinter?

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentare | 11.08.2017 | 17:08 Uhr

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