Stand: 12.01.2016 20:00 Uhr

Sind Überlastung und Frust der Polizeialltag?

von Nils Kinkel, NDR Info

Nach den Übergriffen auf Frauen in Köln und anderen Großstädten in der Silvesternacht steht die Polizei in der Kritik. Sind die Beamten angesichts der Flüchtlingskrise überfordert? Werden andererseits kritische Stimmen aus den Reihen der Polizei nicht gehört beziehungsweise gibt es einen Maulkorb für kritische Beamte? NDR Info wollte herausfinden, wie sich die Stimmung bei der Polizei verändert hat. Bei einem Treffen hat ein Polizist aus Niedersachsen über seine Arbeit geredet - anonym.

"Ich habe wirklich den Eindruck, dass bewusst Meldungen zurückgehalten werden. Als ob man der Öffentlichkeit nicht zutraut, sich ein eigenes Meinungsbild aufgrund der Tatsachen zu machen", sagt Michael Schmidt (Name geändert) im Gespräch. "Sondern man hat Angst, dass man rechte Gesinnung stärkt oder Wähler verliert, wenn man klar sagt, was ist."

Aufgabe der Polizei ist es eigentlich, Spuren zu sichern, Beweise für Strafverfahren zu liefern. Das macht Schmidt schon seit mehr als zehn Jahren. Er fährt gerne Streife, doch seit dem Sommer ist die Arbeit für den Kommissar schwieriger geworden. Die zahlreichen Einsätze in Flüchtlingsunterkünften belasten ihn. Regelmäßig gäbe es ein riesiges Tohuwabohu: "Es ist laut, dunkel und eng."

"Das sind Zustände, die es eigentlich gar nicht geben dürfte"

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Nach den Übergriffen in Köln werden der dortigen Polizei Fehler im Einsatzverhalten vorgeworfen.

Der Einsatz beginnt meistens in der Nacht mit einem Anruf in der Notrufzentrale. Drei bis sechs Streifenwagen rückten dann aus, erzählt Schmidt. In der Regel gehe es um Körperverletzung, Sachbeschädigung oder Diebstahl. Die Stimmung bei der Ankunft sei meistens aufgeheizt. Wie bei einer Discoschlägerei redeten alle laut durcheinander, schildert der Polizist die Herausforderung.

Die Beamten würden von den Flüchtlingen bedrängt. Stellten sie Fragen, dann bekämen sie laut Schmidt oft keine Antworten. Das liege auch daran, dass Dolmetscher fehlten. Ein weiteres Problem sei, dass sich die Tatverdächtigen oft nicht ausweisen könnten oder teilweise unter verschiedenen Namen registriert seien: "Ich weiß gar nicht, wen ich da vor mir habe, und ich muss gegen jemanden Zwang anwenden, von dem ich gar nicht weiß, wer er ist. Ich kann ihm keine Androhung von Maßnahmen aussprechen. Das geht sprachlich nicht. Das sind Zustände, die es eigentlich gar nicht geben dürfte."

Viele Polizisten fühlen sich im Stich gelassen

Schmidt und seine Kollegen fühlen sich im Stich gelassen. Sie müssten das ausbaden, was in der Politik schief läuft. So schieben sie zunehmend Frust - und trotz aller Warnungen von der Polizeigewerkschaft sammeln sich immer mehr Überstunden an. Und dann wirft Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) den Kollegen in Köln auch noch Versagen vor. Für Schmidt "ein Schlag ins Gesicht". Dass die Kollegen am nächsten Tag überhaupt noch zum Dienst kämen, das sei ein Wunder: "Da passieren Sachen, wo ich selbst nach Hause komme und zu meiner Frau sage: 'Dafür bin ich nicht zur Polizei gegangen.'"

Rassismus im Streifendienst?

Syrische Familien trifft Schmidt nach eigener Aussage so gut wie nie an bei seinen Einsätzen. Die Tatverdächtigen kämen aus Marokko, Algerien, Irak, Iran oder aus dem Sudan. Die überwiegend jungen Männer hätten keine Angst vor deutscher Strafverfolgung, so der Eindruck des Kommissars. Und so steht am Ende des langen Gesprächs ein neuer Verdacht im Raum: Gibt es wegen der vielen Flüchtlinge auch wieder mehr Rassismus im Streifendienst? "Ich kann meine Hand dafür ins Feuer legen, dass keiner bei uns eine rechte Partei wählt", sagt Schmidt. Das Problem sei aus seiner Sicht: "Wenn man als Polizist etwas sagt, ist man aus seiner subjektiven Aussage heraus immer derjenige, der mit den Straftätern zu tun hat. Die anderen lernt man kaum kennen, weil man keine Berührungspunkte hat." Entsprechende Aussagen müsse man deshalb vorsichtig einordnen, meint Schmidt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 13.01.2016 | 06:38 Uhr