Stand: 07.02.2016 11:37 Uhr

Schreckschusswaffe und Reizgas haben Konjunktur

von Wolf-Hendrik Müllenberg

Ein paar Waffen sind noch übrig: Stefan Knappworst blickt auf ein fast leeres Regal. Es ist nicht lange her, da lagen hier noch fünf Dutzend Schreckschusspistolen aus. "Wir kommen kaum mit dem Nachbestellen hinterher", sagt Knappworst. Er leitet den Braunschweiger Familienbetrieb in fünfter Generation. Einen solchen Ansturm wie dieser Tage habe das Geschäft in seiner ganzen Geschichte noch nicht erlebt.

Ein Mann schaut in eine Kamera. © NDR Fotograf: Wolf-Hendrik Müllenberg

"Ich würde gerne auf den Mehrumsatz verzichten"

Eine so große Nachfrage nach Schreckschusswaffen hat Stefan Knappworst noch nicht erlebt. Dem Besitzer eines Waffengeschäfts in Braunschweig wäre eine bessere Sicherheitslage lieber.

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Kleiner Waffenschein berechtigt zum Tragen in der Öffentlichkeit

Kunden, die sich bewaffnen wollen, betreten laut Knappworst gefühlt im Minutentakt seinen Laden. So wie eine junge Familie, die zielstrebig das Regal mit den Pistolen ansteuert. Sie mit Einkaufstüte in der Hand, er mit einem schlafenden Kind auf dem Arm. "Lange habe ich mich dagegen gesträubt, aber nach Köln will ich es auch", sagt sie. "Ich habe Angst um meine Frau", sagt er. Rasch entscheiden sie sich für eine "Zoraki 914" - 9 mm, ergonomischer Griff, Double-Action Abzug. 14 Schuss passen in das Magazin der Gaspistole. 135 Euro gehen über die Ladentheke. Dafür erhält die Familie einen kleinen Waffenkoffer samt Pistole und dem Hinweis der Verkäuferin, den Einkaufsbummel nicht fortzusetzen: "Deponieren sie die Waffe zunächst in Ihrer Wohnung", weist sie das Ehepaar an. Denn ohne den Kleinen Waffenschein sei das Tragen der Pistole in der Öffentlichkeit strafbar, das Aufbewahren zu Hause sei hingegen okay.

Aufgesetzter Schuss kann tödlich sein

"Wir überlegen noch, ob wir den Kleinen Waffenschein beantragen", sagt der Familienvater. Das Paar wäre derzeit nicht das einzige, das auf diese Idee kommt. In Braunschweig hat sich die Zahl der beantragten Kleinen Waffenscheine seit den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln fast verdreifacht. Stellten in der ersten Januarwoche noch elf Menschen den Antrag bei der Waffenbehörde, waren es in der zweiten Woche bereits 29. Wenn sie die Waffenbehörde als zuverlässig sowie körperlich und geistig fit einstuft, erhalten die Antragsteller den Kleinen Waffenschein. "Im Regelfall ist davon auszugehen, dass die Zahl der Anträge auch der tatsächlichen Zahl der Erteilungen entspricht - mit einer Verzögerung von rund vier Wochen Bearbeitungszeit", erklärt ein Sprecher der Stadt Braunschweig.

Der Kleine Waffenschein erlaubt es, Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen zu führen, die das Siegel der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) tragen. Oft sehen die Pistolen wie scharfe Waffen aus. Harmlos seien sie nicht, warnt die Polizei. Ein aufgesetzter Schuss könne tödlich sein.

Leer gekaufte Regale im Waffenladen

Zahl der Anträge steigt im ganzen Norden

Und dennoch wollen im Norden immer mehr Menschen solche Waffen besitzen: In Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern ist die Zahl der Berechtigten für einen Kleinen Waffenschein in den vergangenen zwei Jahren gestiegen. Das ergab eine Anfrage von NDR.de bei den jeweiligen Innenministerien. Noch deutlicher wird der Trend zur Aufrüstung beim Blick auf die aktuellen Zahlen der Anträge für einen Kleinen Waffenschein in Norddeutschlands Metropolen.

In Hannover wurde seit Beginn des Jahres bereits 46 Mal der Kleine Waffenschein ausgestellt. "An einem Spitzentag haben wir schon 41 Anträge erhalten", sagt ein Sprecher der Stadt Hannover. In der Region Hannover, einem Verwaltungsbezirk mit rund 1,1 Millionen Einwohnern, sind im Januar 280 Anträge eingegangen. Das seien fast fünfmal so viele wie im ganzen Jahr 2015, sagt Regionssprecherin Christina Kreutz. "Wir hatten einen ganz, ganz sprunghaften Anstieg." Zwischen 2011 bis 2014 habe es pro Jahr stets weniger als 50 Genehmigungen gegeben, 2015 seien es 81 gewesen, so Kreutz.

Ein ähnliches Bild ergibt sich in Kiel: 50 Anträge im noch jungen Jahr 2016 - das entspricht  fast einem Viertel der gesamten Anträge im Vorjahr. Und auch in Schwerin wollen etliche Menschen den Kleinen Waffenschein besitzen. In der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns sind bereits elf neue Anträge eingegangen - und damit mehr als doppelt so viele, wie im Jahr 2015 genehmigt wurden. In Hamburg haben sich die Anträge nach Angaben eines Polizeisprechers teilweise verdoppelt oder sogar verdreifacht.

Anzahl der genehmigten Kleinen Waffenscheine im Norden
NiedersachsenSchleswig-HolsteinHamburgMecklenburg-Vorpommern
201627.525 (Stand Ende Jan.)
201525.7709.9284.6063.616 (Stand Nov. 2015)
201424.1789.1174.5183.388
201322.780liegt nicht vorliegt nicht vor3.262

Kriminalpsychologe: "Sicherheit erhöht sich faktisch nicht"

Der Norden rüstet auf. Es scheint, als wollten die Menschen selbst für ihre Sicherheit sorgen. Das subjektive Sicherheitsgefühl steigt, und das könne für eine verängstigte Person auch wichtig sein, glaubt Professor Thomas Bliesener, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Allerdings: "Faktisch gibt es kaum Hinweise, dass sich die Sicherheit durch das Tragen einer Schreckschusspistole tatsächlich erhöht." Denn eine konkrete Bedrohungssituation durch eine Waffe abzuwenden, gelinge nur in den seltensten Fällen. "Da steht der erwartete Nutzen mit dem faktischen Nutzen im Kontrast", so die Einschätzung des Kriminalpsychologen. Zudem berge die Selbstbewaffnung mit Schreckschusspistolen ein hohes Eskalationspotenzial. "Da ist der Befund eindeutig: Eine Waffe erhöht das Erregungsniveau und das steigert die Bereitschaft, sich aggressiv zu verhalten", sagt Bliesener.

Weniger Bedenken hat Bliesener beim Tragen von sogenannten Reizstoffsprühgeräten, die umgangssprachlich als Pfefferspray bezeichnet werden. Sie dürfen ab 14 Jahren auch ohne den Kleinen Waffenschein mitgeführt werden. Entscheidend ist hier, dass die zugelassenen Sprays mit dem Siegel "PTB" gekennzeichnet sind.

Es gibt Alternativen zur Waffe

Kriminalpsychologe Bliesener ist überzeugt, dass es in einer bedrohlichen Situation Alternativen zum Griff zur Waffe gibt. Lautes Rufen, vielleicht mit Hilfsmitteln wie Trillerpfeifen auf sich aufmerksam machen, könnten geeignete Mittel sein. Auch die Polizei rät, Umstehende direkt anzusprechen und damit die Chance auf Hilfe zu erhöhen. Zudem sei es im Konfliktfall auch möglich, Alltagsgegenstände wie eine Handtasche, einen Regenschirm oder einen Schlüsselbund gegen einen Angreifer einzusetzen.

Ob die Menschen auf solche Mittel zurückgreifen? Waffenhändler Knappworst aus Braunschweig bezweifelt es. Sein Kerngeschäft ist der Verkauf von Jagdwaffen. Vor allem Jäger und Sportschützen sind seine Kunden - und nicht sicherheitsbedürftige Bürger. Doch derzeit sieht er kein Ende des Aufrüstungstrends.