Stand: 03.06.2015 21:12 Uhr

Niedersachsen legt "Turbo-Abi" ad acta

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Schulgesetz reformiert: Kultusministerium Frauke Heiligenstadt (SPD) und die rot-grüne Koalition haben im Landtag die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren beschlossen. (Archivbild)

Die Politik hat in den vergangenen Jahren viel am Bildungssystem herumexperimentiert. Stichworte sind das Zentral-Abitur oder das "Turbo-Abi". Mit den Stimmen der rot-grünen Koalition ist das Schulgesetz nun ein weiteres Mal geändert worden: Niedersachsen kehrt damit als erstes Bundesland zum Abitur nach 13 Schuljahren zurück. 2011 legten die ersten Schüler im Land ihre "Reifeprüfung" nach zwölfjähriger Schulzeit ab. Doch in den Augen der seit 2013 regierenden rot-grünen Landesregierung war das "Turbo-Abi" (G8) ein Auslaufmodell. Ab 2021 werden die ersten Gymnasiasten in Niedersachsen ihr Abitur wieder nach 13 Jahren absolviert haben.

CDU nennt Entscheidung ideologisch

Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) hatte vor einigen Monaten in einem Interview mit NDR.de die Vorzüge des G9-Abiturs gepriesen. Unter anderem bleibe den Schülern auf dem Weg zum Abitur viel Stress erspart. Im Landtag wurde noch einmal heftig über die erneute Schulgesetzänderung gestritten. Aus Sicht der CDU ist die Umstellung allerdings rein ideologischer Natur. Das Kindeswohl stehe nicht im Mittelpunkt, hieß es aus den Reihen der Opposition. Die Absage ans "Turbo-Abi" korrigiere einen der größten Fehler der schwarz-gelben Vorgängerregierung, entgegnete der Grünen-Abgeordnete Heinrich Scholing. Jetzt hätten die Schüler wieder mehr Zeit zum Lernen. Die Gräben zwischen Landesregierung und Opposition waren auch am Mittwoch abgrundtief. Der jetzt gefällten Entscheidung im Landtag ging zudem ein jahrelanger Streit beim Thema Bildung voraus. CDU und FDP kritisierten die Reform - unter anderem, weil sie die Vielfalt des Schulsystems in Gefahr sehen. Christdemokraten und Liberale fürchten den schleichenden Tod des Gymnasiums, weil Rot-Grün ihrer Ansicht nach die Gesamtschulen bevorzugt.

Die wichtigsten Schulgesetz-Änderungen im Überblick:

  • Abitur:

    Niedersachsen kehrt zum G9-Abitur zurück. Die jetzigen siebten Klassen sind der erste Jahrgang, der wieder nach 13 Jahren Abitur macht.

  • Klausuren:

    Die Zahl der Klausuren in der Qualifikationsphase der gymnasialen Oberstufe soll reduziert werden.

  • Pflichtwochenstunden:

    Bis zur zehnten Klasse dürfen nach den Sommerferien höchstens 30 Pflichtwochenstunden unterrichtet werden.

  • Gesamtschulen:

    Rot-Grün will Gesamtschulen künftig als ersetzende Schulform zulassen. Gymnasien vor allem im ländlichen Raum fürchten deswegen um ihre Zukunft.

  • Laufbahn-Empfehlung entfällt:

    Viertklässler bekommen von Sommer 2016 an keine Empfehlung mehr, ob sie auf ein Gymnasium, eine Haupt- oder Realschule gehen sollen.

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Eltern und Lehrer: "G8 ein Irrweg"

Doch mit ihrem Votum pro G8 standen CDU und FDP standen zuletzt ziemlich allein da. Elternverbände und Lehrerverbände halten das Turbo-Abitur für gescheitert. Es habe sich als Irrweg herausgestellt. Auch Philologen bemängelten immer wieder die Defizite des Abiturs nach zwölf Jahren. Die Schüler seien nicht selbstständiger geworden und die ganzheitliche Menschenbildung sei auf der Strecke geblieben, sagte der Chef des Philologenverbands, Horst Audritz bereits 2013.

Wird Niedersachsen Vorreiter?

Ausbaden mussten den politischen Zwist vor allem die Schüler. Denn der Unterrichtsstoff wurde nicht wesentlich entschlackt. Gleichzeitig blieb durch die höhere Wochenstundenzahl weniger Zeit für außerschulische Aktivitäten wie etwa in Sportvereinen. Ob Niedersachsen mit der jetzt besiegelten Reform bundesweit nun Vorreiter wird und noch mehr Länder dem Beispiel Niedersachsens folgen werden, ist offen. Denn anders als in anderen europäischen Staaten ist Bildung Ländersache. Begründet ist das in der historischen Entwicklung Deutschlands vom Mittelalter an als ein aus vielen Kleinstaaten bestehendes Land.