Stand: 05.12.2017 12:11 Uhr

Kultusminister glaubt an Quereinsteiger

Grant Hendrik Tonne kommt als Fachfremder ins Kultusressort. Zuvor war er parlamentarischer Geschäftsführer der SPD.

Seit knapp zwei Wochen ist Grant Hendrik Tonne nun Kultusminister in Niedersachsen. Der 41-Jährige war in der vergangenen Legislaturperiode parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Landtag. Bei der vorgezogenen Neuwahl im Oktober verpasste der Rechtsanwalt überraschend den Wiedereinzug ins Parlament: Noch überraschender war dann aber seine Ernennung zum Kultusminister, als der er die Politik des Landes nicht unwesentlich mitgestalten wird, denn: Bildungspolitik ist traditionell Ländersache - und traditionell eines der Themen, das den Menschen besonders stark unter den Nägeln brennt. Im Interview mit ndr.de spricht er über die künftige Politik seines Hauses.

Ihre Vorgängerin Frauke Heiligenstadt war als bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion bekannt, bevor sie Kultusministerin wurde. Bei Ihnen ist das anders. Was qualifiziert Sie für diesen Job?

Grant Hendrik Tonne: Ich kann es verstehen, dass da erst einmal Zurückhaltung und Skepsis vorherrschen, wenn ein Fachfremder kommt. Ich habe mir fest vorgenommen, ich werde alles dafür tun, dass sich die Skepsis sehr schnell legt. Weil ich sehr darauf aus bin, den Dialog mit den Betroffenen und den Verbänden zu suchen, damit wir die ganzen Herausforderungen, die wir im Bildungsbereich haben - und das sind ja nun wirklich etliche - auch vernünftig lösen können. Dass wir nicht sofort in gegenseitige Angriffe übergehen, sondern überlegen, wie wir alle Wünsche und die berechtigten Anliegen, die es gibt, miteinander lösen können. Als Kommunalpolitiker und auch als Vater von vier Kindern hat man immer mit Bildungspolitik zu tun.

Sie konnten in Ihrem vorherigen Job als parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion ganz gut auf Angriff schalten. Ist das etwas, was Sie jetzt auch brauchen werden oder ist in dem neuen Job eine andere Strategie gefragt?

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Grant Hendrik Tonne

Der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne im Kurzporträt. mehr

Tonne: Ich glaube, dass dort andere Arbeit gefragt ist. Als parlamentarischer Geschäftsführer hat man die Aufgabe im Plenum, auf Angriffe deutlich zu reagieren. Das ist Teil des Jobs dort gewesen. Das sehe ich hier nicht an erster Stelle. Wenn man sich umhört, stellt man fest, dass vielen daran gelegen ist, dass im Bereich Schule, Kultus und Bildung Ruhe herrscht. Diese Ruhe bekommen wir nicht, wenn wir aufeinander losgehen und laut werden.

Ihre Vorgängerin hat als erstes die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren in Angriff genommen. Was wird Ihre erste Aufgabe sein? 

Tonne: Ich glaube, es gibt nicht die erste Aufgabe. Ich sehe mehrere Themen nebeneinander. Zum einen die Beitragsfreiheit in der Kita, die haben wir versprochen. Wir haben gesagt, ab dem Kindergartenjahr 2018/ 2019 soll das umgesetzt werden. Von daher müssen wir uns schnell auf den Weg machen. Daneben ist es berechtigt, wenn Eltern und Schulen sagen: Kümmert euch um die Unterrichtsversorgung, das muss sehr schnell besser werden! Insofern ist auch die Sicherstellung einer Unterrichtsversorgung eine Aufgabe, die weit oben auf der Agenda steht. Das gilt genauso für die Bereiche Attraktivität der Lehrerberufe, Dienstleistungsorientierung der Landesschulbehörde und natürlich Inklusion. Das kann man gar nicht in eine Reihenfolge bringen.

Thema Unterrichtsversorgung: Wie wollen Sie die konkret verbessern?

Tonne: Auch da gibt es nicht den einen Satz. Es ist der Mix aus ganz verschiedenen Maßnahmen. Wir werden uns angucken müssen, wie viele junge ausgebildete Lehrkräfte uns zur Verfügung stehen. Unser Ziel ist, dass jeder, der in Niedersachen eine gute und solide Ausbildung absolviert hat, in den Lehrerdienst kommt. Das Ganze müssen wir dann ergänzen durch den Quereinstieg. Die Qualität ist uns ein wichtiges Gut, das bleibt auch so. Es geht nicht darum, beliebig oder wahllos einzustellen. Aber wir haben hier in Niedersachsen viele Menschen, die einen interessanten beruflichen Werdegang haben. Die sind auch befähigt, Lehrer zu werden. Das kann man dann nochmal ergänzen durch ein Studium oder Kurse. Dann gilt es, den Lehrerberuf durch gute Bedingungen wie eine gute Bezahlung attraktiv zu machen. So wollen wir zu dem verständlichen Ziel einer Unterrichtsversorgung von über 100 Prozent gelangen.

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Sie haben mal gesagt, diese ewige Fixierung auf die Zahl 100 nervt Sie ein bisschen.

Tonne: Sie nervt mich nicht nur, ich halte sie für falsch. Aber das ist momentan die einzige Berechnungsmethode, die wir haben. Deswegen richten wir uns im ersten Durchgang danach. Aber natürlich muss unser Ziel sein, dass Unterricht stattfindet. Das ist das eigentliche Ziel.

Sie wollen den Beruf insgesamt attraktiver gestalten, um mehr Lehrkräfte zu gewinnen. Wann werden Ihrer Meinung nach die Grundschullehrer so viel verdienen wie die Lehrer der Sekundarstufe II?

Tonne: Ich bin mir gar nicht sicher, ob wir zu so einem Ergebnis irgendwann einmal kommen. Und zwar nicht, weil ich denen nicht mehr Geld geben möchte. Das ist gar nicht die wichtigste Frage. Wir haben gesagt, ein erster Schritt ist jetzt, die Gehälter der Schulleitung von A12-Z auf A13 anzuheben.

Was heißt das konkret?

Tonne: Dass sie eine Gehaltsstufe höher kommen. Weil sie das schlicht verdient haben. Und genauso haben es Grundschullehrkräfte verdient, insgesamt besser bezahlt zu werden. Das gilt auch für die anderen Lehrkräfte. Wir haben uns aber gesagt, es sorgt nur wieder für neuen Unfrieden, wenn wir einem bestimmten Bereich sagen, ihr werdet aufgewertet, ohne zu sagen, was das eigentlich für die anderen bedeutet. Und deswegen ist für uns nach diesem ersten Schritt die Aufgabe, uns gemeinsam mit den Verbänden hinzusetzen und sich mal anzuschauen, wie die derzeitige Struktur der Finanzierung der Lehrkräfte aussieht. Was wären sinnvolle Schritte, die wir gehen können, um das zu verbessern. Dabei geht es nicht darum, nur einzelne besser zu bezahlen, sondern darum, ein von allen Seiten akzeptiertes Besoldungssystem hinzukriegen. Das kann auch heißen, dass Sek-II-Lehrer anders vergütet werden, als das bisher der Fall ist.

Sie spielen auf die Arbeit der Arbeitszeitkommission an. Dass man da ansetzt und sagt, die Kommission arbeitet erst einmal weiter, wir brauchen vielleicht mehr Gutachten, mehr Studien.

Tonne: Bei mehr Gutachten und Studien bin ich zurückhaltend. Wir haben eigentlich viele Gutachten, wir haben die Ergebnisse der Arbeitszeitkommission. Jetzt geht es an die Umsetzung. Diese Studien besagen ja nicht nur, gebt uns mehr Geld - eine berechtigte Forderung für jede Gewerkschaft, natürlich. Sondern sie setzen sich auch mit der Arbeitsbelastung auseinander. Ich kann mir vorstellen, dass wir uns auch mal den Verwaltungsaufwand angucken. Ist der wirklich notwendig? Ein Lieblingsbeispiel für mich ist: Wir lassen die Schullaufbahnempfehlung wegfallen, weil sie nicht bindend ist, was ich im Kern eigentlich richtig finde. Wir geben aber gleichzeitig ein sehr schwierig auszufüllendes, umständliches Formular an die Hand, was und wie beraten werden muss. Ich glaube, wir können den Lehrkräften vertrauen, dass sie den Eltern schon das Richtige über das Kind mitgeben. Und den Eltern vertrauen, dass sie die für sich wichtigen Dinge nachfragen.

Zu den Kitas: Im Koalitionsvertrag steht, die Beitragsfreiheit sei auch ein wichtiger Beitrag  zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Warum sehen Sie das so? Es besuchen ja jetzt schon fast 100 Prozent der Kinder einen Kindergarten - trotz Gebühren.

Tonne: Für uns ist das ein Kernanliegen der Politik, dass Bildung gebührenfrei sein soll. Das haben wir in der letzten Wahlperiode mit den Studiengebühren angefangen. Gebühren sind schlicht ungerecht. Das ist eine Hürde, die dort nicht sein darf, weil sie nichts mit den Fähigkeiten, den Zielen, den eigenen Herausforderungen, die das Kind hat, zu tun haben, sondern mit der Frage: Habe ich Geld oder habe ich es nicht? Wir sind uns ja weitestgehend einig darüber, dass dem Kindergarten ein Bildungsauftrag zukommt. Dass er einen ganz wichtigen Bereich der frühkindlichen Bildung abdeckt. Daher ist Gebührenfreiheit die logische Folge.

Wissen Sie schon, wie viel Geld wegbrechen wird, wenn Eltern nichts mehr zahlen? Was sagen Sie den Bürgermeistern, wie wollen Sie denen helfen?

Tonne: Die Anforderung ist sehr klar von uns definiert worden: Wir setzen uns mit den Kommunen an den Tisch. Wir sorgen für einen Schlüssel, dass wir die Einbrüche durch die fehlenden Elternbeiträge landesseitig ersetzen. Die Verhandlungen müssen jetzt sehr schnell aufgenommen werden, da wir jetzt noch ungefähr ein halbes Jahr haben, um zu einer Einigung zu kommen.

Aber eine genaue Summe gibt es nicht? Sie wissen nicht, welche Ausfälle Sie ungefähr ausgleichen müssen?

Tonne: Man kann das ungefähr berechnen, aber eine Zahl hilft uns an der jetzigen Stelle nicht weiter, weil wir vernünftig miteinander in die Verhandlungen gehen müssen.

Eine Frage zum Thema Hortplätze: Wie wollen Sie verhindern, dass für viele Eltern nach der Kindergartenzeit die gute Ganztagsbetreuung wegbricht? Was ist da geplant?

Tonne: Wir möchten Schulen gerne den Weg zur Ganztagsschule ermöglichen. Ob das offen, teilgebunden, gebunden ist, ist die Entscheidung von Schule und Schulträger. Wo das nicht gewollt ist, muss man gucken, wie man Grundschule und Hort verknüpfen kann. Meistens scheitert es ja nicht am Willen, sondern eher an geeigneten Räumlichkeiten. Auch da kann man Kommunen mehr Flexibilität an die Hand geben, damit nicht auf der einen Seite Räume leer stehen und auf der anderen Seite Räume neu gebaut werden müssen.

Waren Sie eigentlich selbst ein guter Schüler?

Tonne: Das müssen vielleicht andere beurteilen. Ich weiß nicht, ob ich das beantworten kann. Ich würde sagen, ich bin da halbwegs solide durchgekommen. Weder mit großen Ausschlägen nach oben noch nach unten.

Das Interview führte Annette Deutskens, NDR.de.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 01.12.2017 | 12:00 Uhr

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