Stand: 12.01.2016 17:44 Uhr

"Die Jungbullen sind einfach falsch abgebogen"

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Tierarzt Jan Herrmann aus Wittmund ist Walexperte.

Erst Wangerooge, jetzt Helgoland: Nachdem am Freitag zwei junge Pottwal-Männchen an den Strand von Wangerooge gespült wurden, sind am Dienstag auch vor Helgoland zwei tote Tiere aufgetaucht. Ist das überraschend oder war damit zu rechnen? Im Interview mit NDR.de erklärt der Tierarzt und Walexperte Jan Herrmann aus Wittmund, wie sich die Jungbullen in der Nordsee verirren konnten.

NDR.de: Nach dem Fund von zwei toten Pottwalen am Freitag vor Wangerooge treiben nun auch vor Helgoland zwei Kadaver. Überrascht Sie das?

Jan Herrmann: Nein, eigentlich nicht. Halbwüchsige Pottwal-Männchen sind meistens in Gruppen unterwegs, wenn sie aus dem Norden Richtung Äquator aufbrechen. Auch bei früheren Strandungen sind daher häufig gleich mehrere Tiere angespült worden. Mitte der 1990er-Jahre strandeten innerhalb von drei Jahren mehr als 50 Pottwale an europäischen Nordseeküsten. In Deutschland sorgte dabei 1994 die Strandung vor Baltrum für großes öffentliches Interesse, zeitnah wurden auch Kadaver vor Holland und Belgien angespült. Häufig sammeln sich die Pottwale vor den norwegischen Tiefsee-Canyons. Denn diese sind besonders nährstoffreich - die bei Walen so beliebten Tintenfische vermehren sich hier zuhauf. Von ihrer gemeinsamen Futterstelle ziehen die Jungwale dann in Gruppen Richtung Süden.

Es hieß, dass die Wale auf ihrem Weg zum Äquator falsch abgebogen sind und so in der Nordsee landeten. Wie kann das passieren?

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Aus Angst vor Trophäenjägern wurden den Pottwalen vor Wangerooge die Unterkiefer abgetrennt.

Herrmann: Die Tiere, die vor Wangerooge angespült wurden, waren noch sehr jung und offenbar noch nicht geschlechtsreif. Während die älteren Tiere sehr zielstrebig Richtung Äquator schwimmen, um sich dort zu paaren, haben die Jungbullen mehr Zeit. Man geht davon aus, dass die Tiere ein wenig umher vagabundieren, die Gegend erkunden, unterwegs sind. In ihrem jugendlichen Leichtsinn kann es vorkommen, dass sie die falsche Abbiegung nehmen. Möglicherweise war es für die Jungbullen, die jetzt vor den Nordseeinseln aufgetaucht sind, die erste Wanderung Richtung Äquator.

Warum bedeutet die falsche Abbiegung so häufig den Tod der Tiere?

Herrmann: Die Pottwale verhungern in der Nordsee. Das zumindest haben die Untersuchungen von Walen ergeben, die sich in der Vergangenheit in der Nordsee verirrt haben. In ihren Mägen fanden sich nur noch Reste von Tintenfischen. In der Nordsee haben sie offenkundig nichts mehr gefressen - sie scheinen hier keine Nahrung zu finden.

Gehen Sie davon aus, dass sich noch weitere Tiere in der Nordsee verirrt haben?

Herrmann: Es ist nicht auszuschließen, dass es noch einen weiteren Fund gibt. Die Tiere bewegen sich nicht in festen Gruppengrößen. Eine besonders große Ansammlung von gestrandeten Pottwalen gab es im März 1996 - 16 Tiere wurden damals vor Dänemark angespült.

Das Interview führte Stefanie Nickel.

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