Stand: 01.03.2016 20:13 Uhr

Aussteiger Molau: "NPD-Verbot löst kein Problem"

Zum zweiten Mal verhandelt das Bundesverfassungsgericht über ein Verbot der rechtsextremen NPD - ein erster Verbotsantrag scheiterte 2003, weil der Verfassungsschutz damals auch in der Parteispitze Informanten hatte, ohne dies offenzulegen. Der ehemalige Vordenker der Partei, Andreas Molau, sieht das Verfahren kritisch. "Durch ein Verbot kann man die Menschen nicht ändern", sagt er NDR.de

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Hat der NPD den Rücken gekehrt: Aussteiger Andreas Molau.

Sein Ausstieg aus der NPD war bundesweit ein schwerer Schlag für die rechtsextreme Szene. Viele Jahre galt Andreas Molau als eine Art Aushängeschild und intellektueller Vordenker des rechten Randes. In der NPD brachte er es bis zum Bundesvorstandsmitglied mit Aussichten auf den Chefposten. Sein Rückzug aus der Partei im Jahr 2012 war nicht nur ein Bruch mit seinem politischen und auch großen Teilen seines sozialen Umfelds. Es war auch ein Bruch mit der eigenen Persönlichkeit, wie Molau es heute beschreibt: "Ich bin heute ich selbst. Das ist eigentlich die größte Änderung. Die Reden, die ich gehalten habe, das war nicht ich. Die radikale Veränderung ist die, dass ich jetzt ich selber bin."

Deradikalisierung und Dialog

Das vom Bundesrat auf den Weg gebrachte NPD-Verbotsverfahren sieht der 48 Jahre alte Politologe und ehemalige Waldorflehrer aus dem Landkreis Wolfenbüttel mit kritischer Distanz: "Ein Verbot der NPD löst erst einmal kein Problem. Die Menschen bleiben da, die Auffassungen bleiben da. Durch ein Verbot kann man die Menschen nicht ändern." Mindestens ebenso wichtig seien Deradikalisierung und Dialog. Daran will der Mann aus dem Landkreis Wolfenbüttel auch in Zukunft mitarbeiten: Schließlich sind Sprache und Gespräche seine Profession.

Mit Skepsis und Misstrauen zu kämpfen

Video
05:13 min

Ausstieg eines rechten Vordenkers

30.07.2012 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Andreas Molau, Ex-Spitzenkandidat der NPD Niedersachsen, erklärt die Abkehr von seiner rechten Vergangenheit. Video (05:13 min)

Doch bis heute hat Aussteiger Molau mit Skepsis und Misstrauen zu kämpfen. Das erschwert dem Vater zweier Kinder den Aufbau einer "ganz normalen" bürgerlichen Existenz. Zudem ist es aus seiner Sicht kein gutes Signal für andere Szenemitglieder, die sich ebenfalls mit Ausstiegsgedanken tragen. Was sich Molau wünscht, ist "eine Art Willkommenskultur auch für Aussteiger", wie er jetzt NDR Info sagte. "Ich möchte, dass ich ohne Angst irgendwo auftreten kann. Ich wünsche mir, dass es positiv gewertet wird, wenn Menschen der rechten Szene offen den Rücken kehren."

Engagement in der Aussteigerhilfe

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Rechtsextremismusforscher Dierk Borstel veranstaltet mit Aussteiger Molau Präventionsschulungen.

Molau hat sich nicht nur aus der Szene verabschiedet, sondern eine Gegenposition bezogen. Sein Handwerkszeug ist nach wie vor das Wort, seine Werkbank ist der Dialog. Doch er nutzt beides sozusagen mit umgekehrten Vorzeichen: Im Auftrag des niedersächsischen Sozialministeriums übersetzt er komplizierte Behördentexte in leichte Sprache für Menschen, die unter Einschränkungen zu leiden haben. "Das ist für mich ein ganz zentrales Thema nach dem Ausstieg, weil es da um das Thema Integration geht", sagt Molau. Er engagiert sich deshalb auch in Flüchtlingsprojekten. Außerdem arbeitet er heute unter anderem für die bundesweit renommierte Aussteigerhilfe Exit. Der angesehene Rechtsextremismusforscher Dierk Borstel veranstaltet an der Fachhochschule Dortmund mit Molau Präventionsschulungen für Pädagogen, Theologen und Studierende. Borstel sagte zu NDR Info: "Niemand kann solche Inhalte so authentisch und glaubwürdig vermitteln wie Andreas Molau."

Beruflich hapert es immer wieder

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Stefan Rochow, ebenfalls aus der NPD ausgestiegen, betreibt mit Molau ein Internetprojekt.

"Ich würde solche Aktivitäten als notwendige Konsequenz bezeichnen", sagt Ex-NPD-Mann Molau und fügt hinzu: "Wenn man etwas gemacht hat, dann kann man es nicht ungeschehen machen. Aber man kann etwas Positives dagegensetzen." Das wünscht sich der 48-Jährige auch für den Aufbau einer "ganz normalen" beruflichen Existenz - doch da hapert es immer wieder. Zusammen mit dem ebenfalls vor Jahren aus der NPD ausgestiegenen Stefan Rochow aus Schwerin betreibt Molau ein Internetprojekt, in dem auch Firmen aus der Region betreut werden. Trotz erster kommerzieller Erfolge gibt es Rückschläge: Manche Firmen springen ab, wenn sie im Internet nach Molaus Vergangenheit geforscht haben. "Das macht vieles kaputt, wenn ich mich darum bemühe, etwas Neues aufzubauen", sagt Molau. Dabei trägt sein Ausstieg, bildlich gesprochen, Brief und Siegel einer Behörde: Begleitet wurde sein Schlussstrich unter die rechte Karriere vom Aussteigerprogramm des niedersächsischen Verfassungsschutzes.

"Bin heute authentisch"

Für Molau selbst ist der Ausstieg aus der rechten Szene allen Schwierigkeiten zum Trotz auch nach mehr als drei Jahren unumkehrbar: "Ich habe heute ein viel positiveres Lebensgefühl, weil ich eben heute authentisch bin. Ich muss heute keine Dinge mehr sagen, hinter denen ich nicht stehe. Ich muss keine Dinge mehr decken, die ich ablehne." Solch ein Selbstbetrug gehört offenbar dazu, wenn man in der rechten Szene bestehen will. Molau hat das hinter sich - viele andere nicht. Deshalb sei ein positives Signal für Ausstiegswillige wichtig, meint der gelernte Pädagoge.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 01.03.2016 | 06:50 Uhr

mit Video

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07.01.2016 21:55 Uhr
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