Stand: 01.08.2017 17:04 Uhr

documenta 14 - Ratlosigkeit gehört zum Konzept

von Jens Wellhöner

Die documenta in Kassel läuft seit sieben Wochen. Nun ist Halbzeit. Und die Besucher strömen. 445.000 Menschen sind schon nach Kassel gekommen. Ein Rekord für eine documenta zur Halbzeit. Aber: Viele professionelle Kunstkritiker haben die Kunstschau verrissen, zum Beispiel im "Spiegel" oder in der "Welt".

Überall antikapitalistische Plattitüden

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Zum ersten Mal findet die documenta, die weltweit größte Ausstellung für zeitgenössische Kunst, nicht nur in Kassel statt, sondern auch in Athen.

Eine junge Frau steht mitten in einem kahlen Raum, als Zielscheibe. Die documenta-Besucher können mit Gewehren auf sie zielen. Es sind Originalnachbauten von Sturmgewehren der Bundeswehr. Was ist das bloß für ein Kunstwerk?

Was das Ganze soll, erklärt Leon Hösl, Kuratoren-Assistent bei der documenta: "Die Waffen können angefasst und bewegt werden. Durch das Objektiv kann man zielen. Man kann auch abdrücken - wobei natürlich nichts passiert. Aber durch die Betätigung des Abzuges wird die Erschießung quasi simuliert."

Die meisten Besucher sind irritiert: Sie nehmen die Waffe in die Hand und lassen sie gleich wieder fallen. "El Objetivo" heißt diese Performance der Künstlerin Regina Jose Galindo aus Guatemala. Sie soll die Besucher abschrecken und ist als Anti-Gewalt-Statement gedacht.

Schwere Kost. Wie die ganze documenta. Gewalt, Ausbeutung, Verfolgung von Minderheiten sind die großen Themen. Als böse Macht identifizieren die documenta-Macher um Starkkurator Adam Szymczyk den Kapitalismus westlicher Prägung: Er sei letztlich verantwortlich für das Böse der Welt. Kunstkritiker von Magazinen und Zeitungen wie der Welt oder dem Spiegel haben das kritisiert.

Überwiegend düster

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Annette Kulenkampff ist seit 2014 Geschäftsführerin der documenta.

Die Besucher würden in ein moralinsaures Gefängnis gesperrt, überall würden antikapitalistische Plattitüden verbreitet. So schreibt es die Welt. documenta-Besucherin Gunhild Arend aus Kassel kann das nachvollziehen: "Es überwiegt das Düstere. Es ist sehr politisch - in Teilen sehr interessant, aber in Teilen auch sehr flach würde ich sagen. Die Symbolik ist sehr eindeutig. Es sind ja auch nicht sehr viele bekannte zeitgenössische Künstler da. Ich glaube die documenta davor hat mir besser gefallen."

Hat die documenta außer längst bekannten Phrasen nichts zu bieten? Geschäftsführerin Annette Kulenkampff kennt diese Kritik, lässt sich dadurch aber nicht beeindrucken. Die diversen Diskussionen über die documenta seien normal. Das sei in der Geschichte der Kunstschau schon immer so gewesen. Die Besucher kämen vielleicht auch, weil die Diskussionen so sind und weil sie mal schauen wollten, was eigentlich los ist.

Trotzdem: Die Besucher kommen

Dieses Konzept geht auf. Je mehr über die documenta berichtet wird, desto neugieriger werden die Leute, so scheint es. Die langen Schlangen vor den Ausstellungsorten in Kassel zeugen davon.

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Das documenta-Kunstwerk "The Parthenon of Books" der argentinischen Künstlerin Marta Minujin wird am 04.06.2017 in Kassel (Hessen) einem Beleuchtungstest unterzogen.

Da stört es auch nicht, dass viele Besucher eher ratlos vor den Kunstwerken stehen. Denn häufig steht auf den Erklärtafeln nur der Name des Kunstwerks und des Künstlers. Was das Ganze soll? Bleibt im Dunklen. Die Ratlosigkeit gehört zum Konzept, sagt Annette Kulenkampff. Die Leute sollen sich selber über die Kunst Gedanken machen, nichts vorgesetzt bekommen:

"Dann spricht man plötzlich darüber, was man selbst darüber denkt, was man selbst dazu empfindet. Das ist großartig! Wenn die Kunst das erreicht, dann ist schon eine Menge erreicht. Vielmehr kann man auch nicht erwarten."

Stoff für Diskussionen bietet die Documenta auf jeden Fall. Wie eigentlich immer. Schon documenta-Gründer Arnold Bode wollte sein Publikum auch provozieren. Das ist dem Team um documenta-Leiter Szymczyk auch dieses Jahr erfolgreich gelungen.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 01.08.2017 | 10:50 Uhr

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Journal extra: Live von der documenta14

09.06.2017 19:00 Uhr
NDR Kultur

Kunst sehen, Kunst hören, Kunst sinnlich erleben - das alles sind Ziele der 14. documenta. NDR Kultur sendet aus Kassel und spricht unter anderem mit Kurator Bonaventure, Audio (52:48 min)

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Vila-Matas hat mit "Kassel: eine Fiktion" einen halb ernsthaften, halb satirischen Roman über die moderne Kunst geschrieben. Seine Beobachtungen sind fein, ziehen sich aber in die Länge. mehr

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