Stand: 15.09.2017 17:04 Uhr

documenta 14: Szymczyk hat sich übernommen

Mehrfach kam es bei der diesjährigen documenta zum Eklat, und zum krönenden Abschluss noch einmal ganz besonders: Die documenta habe sich übernommen und stand knapp vor der Pleite. So einiges scheint schief gelaufen zu sein bei dieser 14. Ausgabe der Weltausstellung für zeitgenössische Kunst. Der Kunsthistoriker Wulf Herzogenrath hat die documenta von Anfang an beobachtet.

NDR Kultur: Herr Herzogenrath, noch bevor die documenta in Kassel losging, haben wir dort im Juni in unserer Sondersendung gesprochen. Damals waren Sie recht zuversichtlich. Inzwischen wurde heftig geschimpft. Was sagen Sie jetzt, ist die Aufregung übertrieben?

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Wulf Herzogenrath kritisiert die Größe der Ausstellung - möchte aber nicht auf sie verzichten.

Wulf Herzogenrath: Erst einmal muss man sagen: Wenn man etwas älter ist, hat man ein Erfahrung im Rückblick. 1972 wurde die documenta 5 von Harry Seemann gemacht - zu 99 Prozent total verrissen, so dass Seemann zwei, drei, vier Jahre lang keinen Job bekam. Er wurde zudem vom Aufsichtsrat verklagt, die 800.000 Mark, was damals noch richtig viel Geld war, persönlich zurückzuzahlen. Wir haben dann eine allgemeine Welle des Protestes gemacht, und es kam dann doch nicht dazu. Aber wir sehen, dass dieses immer gleich ist: Auf der einen Seite ist die Erwartungshaltung einer so großen Ausstellung bei allen Kritikern so hoch, dass man es nie zur jubelnden Presse in den letzten 40 Jahren gebracht hat, sondern immer sofort die Kritik losging.

Die Zahlen sprechen für sich: Sieben Millionen Euro teurer als erwartet. Gründe wurden genannt: der zweite Standort - Athen, Honorarkosten, Energiekosten, Transportkosten, Kosten für Sicherheitsmaßnahmen, auch in Kassel. Das sind alles Posten, die man kalkulieren kann. Tatsächlich kam auch ein Warnsignal aus der Geschäftsführung. Aber das wollte man nicht hören und nicht sehen. Hätte man da nicht früher reagieren können?

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documenta 14: Kunstvoll in die Pleite?

12.09.2017 14:40 Uhr
NDR Kultur

Wie konnte es dazu kommen, dass die documenta 14 zwischenzeitlich zahlungsunfähig und Ende August vor der Insolvenz stand? Fragen dazu an Jens Wellhöner vom Hessischen Rundfunk. mehr

Herzogenrath: Sicherlich hätte auch der documenta-Leiter und sein Team reagieren müssen. Aber sie haben so hoch gestartet, mit diesen zwei Orten, und allein in Kassel mit 35 Orten, und das in einer Struktur, die gar nicht vorhanden war. Hier ist ja alles aus dem Nichts gestampft worden. Von daher ist das sicherlich der am meisten zu kritisierende Punkt. Der zweite Ort hat natürlich sehr viel Theorien hervorgerufen, auch mit diesem provozierenden Titel "Von Athen lernen". Das geht finanziell sehr leicht aus dem Ruder, weil alles schwer vorauszurechnen war. Ich will das nicht verteidigen, weil ich auch meine, dass das zu viel, zu groß war. Da hätte man selber aufpassen müssen, denn 37 Millionen ist ein schöner Etat, und dann ist das ein bisschen Hohn, wenn es heißt: "strukturell unterfinanziert".

Adam Szymczyk wollte eine politische Ausstellung, den Perspektivwechsel, Gewohnheiten aufbrechen; deshalb auch die Idee mit dem zweiten Spielort Athen. Dieses Konzept hat er stur durchgezogen, koste es was es wolle. Die Haltung kam mir oft zu unverbindlich, auch zu überheblich vor. Ist Szymczyk damit zu weit gegangen, oder ist diese Form von Kompromisslosigkeit vielleicht auch heldenhaft?

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Der documenta-Leiter Adam Szymczyk bei der Pressekonferenz 2017

Herzogenrath: Es ist sicherlich gut, wenn einer eine klare Vorstellung hat. Die formuliert sich und sie ist zu kritisieren oder darzustellen. Von daher verstand ich nicht, warum man das so negativ in der Presse darstellte. Weil er eigentlich genau das vollzogen hat, was er in seinen - wenn auch schmalen - Interview deutlich gemacht hat: Es ging ihm nicht um die Kunst, sondern um die Darstellung der zeitgenössischen Problematiken, auch in der Kunst, auch von der Kunst ausgehend. Man muss aber doch kritisieren, dass er praktisch kein Thema ausgelassen hat. Selbst wenn ich zehn Ko-Kuratoren habe, kann ich nicht die gesamte Weltlage darstellen. Da hat er sich etwas überhoben.

Ich finde, diese Auswahl-Gremien haben immer einen gewissen Rhythmus. Die vorige documenta hat war eine sehr sinnliche documenta, was auch kritisiert wurde. Da gab es viel Schönes zu sehen, viel Lebendiges, Performance in den Räumen usw. Dass darauf dann jemand gewählt wird, der eher eine Art Gegenposition darstellen möchte, ist der normale Rhythmus. Das hat auch was sehr Gutes. Ich kann mir vorstellen, dass der nächste documenta-Leiter bzw. -Leitern auch wieder sehr anders sein wird. Von daher kann man sagen: Er hat Heldenhaftes durchgezogen, er hat sich nur leider doch übernommen, und er wird die Haue bekommen. Es ist sehr leicht, sich in der Szene unbeliebt zu machen, nämlich indem man eine documenta macht.

Es wurde schon mehrfach der Gedanke geäußert, die "d14" könnte die letzte documenta gewesen sein. Halten Sie das für möglich?

Herzogenrath: Ganz bestimmt nicht. Es wäre das Dümmste, solche Dinge zu sagen. Natürlich sind Traditionen nicht auf ewig angelegt und Manches muss verändert werden. Aber man hat nun eine so großartige Grundidee, alle fünf Jahre einen Querschnitt auf höchstem Niveau, von bester Seite vorbereitet, zu zeigen. Das ist doch ein Instrument, was man nicht abschaffen soll. Man wird immer wieder sehen, wie es kritisiert wird - das hatten wir immer in den letzten 40 Jahren. Es ist zu kurz gesprungen, wenn man so denkt. Ich habe das Vertrauen, dass das Auswahl-Gremium wieder eine umstrittene, aber hoch interessante Person herauskristallisieren wird.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Wulf Herzogenrath bei der ZDF-Sendung "Nachtstudio" © picture-alliance/ ZB Fotograf: Karlheinz Schindler

documenta: Adam Szymczyk hat sich übernommen

NDR Kultur -

Die documenta geht zu Ende und so einiges scheint bei dieser 14. Ausgabe der Weltausstellung für zeitgenössische Kunst schief gelaufen zu sein. Der Kunsthistoriker Wulf Herzogenrath mit einer Bilanz.

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NDR Kultur | Journal | 15.09.2017 | 19:00 Uhr

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