Stand: 12.09.2017 16:26 Uhr

Guter Auftakt für Hamburger Theater Festival

von Peter Helling
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Jörg Hartmann (rechts) - auch bekannt als Dortmunder "Tatort"-Kommissar Faber - spielt die Hauptrolle in "Professor Bernhardi".

Theaterstars und große Bühnenabende zu Gast in Hamburg: Bei der neunten Ausgabe des Hamburger Theater Festivals ist wieder die Crème de la Crème der deutschsprachigen Bühnen eingeladen. Am Montagabend ging es am Thalia Theater mit der Berliner Schaubühne und dem Stück "Professor Bernhardi" von Arthur Schnitzler los. Hauptdarsteller Jörg Hartmann ist den meisten Zuschauern auch als knorriger Dortmunder "Tatort"-Kommissar Peter Faber bekannt.

Die Katastrophe beginnt leise

Schon die Eröffnungsreden von Festivalintendant Nikolaus Besch und Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda machen klar: Bei diesem Festival geht es um viel. Um Freiheit - und um Emotionen. Das Stück ist dann ein leises. Eine weiße Bühne, eine Frau schreibt mit Filzstift den Ort der Handlung an die Wand. Ein Krankenhaus von heute. So lautlos kann eine Katastrophe beginnen.

Pfarrer wird der Zutritt zur Sterbenden verweigert

Krankenhausalltag: Im Hinterzimmer liegt eine junge Frau mit einer Blutvergiftung im Sterben - aber sie weiß nichts davon. Sie glaubt, es geht ihr bestens. Professor Bernhardi (gespielt von Jörg Hartmann), der sie betreuende Arzt und Leiter des Krankenhauses, will sie in dem Glauben lassen. Er verweigert einem herbeigerufenen Pfarrer, der der Frau die Sterbesakramente spenden will, den Zutritt ins Krankenzimmer - um die sterbende Patientin nicht zu erschrecken: "Ich kann nur noch mal wiederholen, dass ich Ihnen als Arzt, der für das Wohl seiner Patienten bis zu ihrer letzten Stunde verantwortlich ist, den Zutritt leider verbieten muss."

Abstufungen menschlicher Niedertracht

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Das Publikum im Hamburger Thalia Theater ist vom Stück und den Schauspielern begeistert.

Pikant, aber eigentlich völlig unwichtig: Professor Bernhardi ist Jude. Ein Jude hindert einen katholischen Pfarrer an seiner Pflicht. Als die Frau stirbt, breitet sich Schnitzlers Drama aus wie die Wellen eines Sees, in den man einen Stein geworfen hat. Regisseur Thomas Ostermeier vermeidet jeden Hinweis auf Nazis und den Holocaust. Das Mobbing gegen Professor Bernhardi schwillt langsam an. Man spürt sie mehr, als dass man sie sieht, die Abstufungen menschlicher Niedertracht.

Brillanter Schauspielabend

Die Figuren im Stück sind keine fiesen Faschisten - meistens sind sie einfach Waschlappen. Aber diese haarfeinen Risse in der Gesellschaft können nicht besser gezeigt werden. Der müde Blick Jörg Hartmanns ganz am Schluss mitten ins Herz des Hamburger Publikums lässt auch an die Populisten von heute denken. Und daran, wie der Stein im See einen Sturm entfachen kann. Ein brillanter Schauspielabend, den das Publikum bejubelt. Das Stück wird als "großes Theater" gelobt, das "sehr aktuell" ist. "Die Schauspieler waren toll" - das Ganze "war eine Sensation", so die Stimmen der Zuschauer. Das Hamburger Theater Festival hat gut begonnen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 12.09.2017 | 19:00 Uhr

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