Sprachbilder bestimmen die Perspektive

"Lawinen kann man auslösen, wenn irgendein etwas unvorsichtiger Skifahrer an den Hang geht und ein bisschen Schnee bewegt", sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) am Mittwoch bei einer Veranstaltung in Berlin und löste damit eine heftige Diskussion aus. Ist es richtig, die geflüchteten Menschen, die gerade nach Deutschland kommen, mit einer Naturkatastrophe zu vergleichen? Schäuble hat mit seinem Vergleich eine große Diskussion in den Medien und im Internet ausgelöst. Anatol Stefanowitsch ist Sprachwissenschaftler an der Freien Universität Berlin und schreibt regelmäßig auf einem Internet-Blog über politische Sprache und Sprachpolitik.

NDR Kultur: Herr Stefanowitsch, was hat Schäuble ihrer Meinung nach mit seinem Vergleich bezweckt?

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Anatol Stefanowitsch ist Sprachwissenschaftler und unterrichtet am Institut für Englische Philologie der FU Berlin.

Anatol Stefanowitsch: Worum es Wolfgang Schäuble hier ging, wenn ich das Zitat richtig verstehe, ist, dass er gesagt hat, wenn man etwas sehr Kleines tut, kann man etwas sehr Großes auslösen. Was ja ganz klar ist, in diesem Vergleich wird jemanden Schuld unterstellt, unvorsichtig gehandelt zu haben. Und die einzige Person, die hier auf eine Art gehandelt hat, die derzeit in der Kritik steht, ist Angela Merkel. Sie hat die Einzelfallprüfungen ausgesetzt und gesagt, wir werden das Dublin-Abkommen aussetzen. Und der Vorwurf steht ja im Raum, dass sie damit dieser großen Menge an Flüchtlingen, die sich jetzt auf den Weg gemacht haben, erst Vorschub geleistet hat.

Schäuble hat dieses Sprachbild sehr bewusst gewählt, denn er führt es ja über mehrere Sätze aus. Er sagt ja noch "ob wir schon in dem Stadium sind wo die Lawine das Tal erreicht hat" usw.. Es ist also nicht ein einzelnes Wort, das er unbedacht gewählt hat, sondern es ist ein Sprachbild, das er wählt, weil er meint, dass er damit etwas kommunizieren kann. Ob das Katastrophenszenario gleich mit kommuniziert werden sollte, das kann man natürlich nicht mit Sicherheit sagen. Aber da das ja im Prinzip Wolfgang Schäubles Positionen entspricht - er ist ja nicht einer der sagt, wir sollten so viele Leute wie möglich ins Land lassen - denke ich, dass der Katastrophenaspekt dieses Szenarios auch nicht ganz unbedacht gewählt wurde.

Ganz neu ist der Vergleich der Flüchtlingsbewegung mit einer Naturkatastrophe ja nicht. Warum ist das Thema jetzt so groß geworden? Schon lange lesen und hören wir immer wieder von "Flüchtlingsströmen" oder der sogenannten "Flüchtlingsflut". Die anderen werden ja schon länger verwendet und zwar auch kritisiert, aber nicht in diesem Maße.

Kommentar

Ein Lawinenvergleich und seine Folgen

12.11.2015 19:00 Uhr
NDR Kultur

Bundesfinanzminister Schäuble hat mit Blick auf die "Flüchtlingskrise" ein umstrittenes Bild gewählt. Was ist von Schäubles Vergleich zu halten? Ein Kommentar von Ulrich Kühn. mehr

Stefanowitsch: Das Sprachbild der Welle und das Sprachbild der Flut, sind zwar auch problematisch, aber die sind natürlich auch ein fester Bestandteil unseres Wortschatzes geworden. Die lassen sich schon viel früher in dieser Debatte zeigen und die gibt es auch in anderen europäischen Sprachen. An diese Sprachbilder sind wir gewöhnt, es fällt uns nicht mehr sofort auf, dass es sich eigentlich um eine Naturkatastrophe handelt. Das Bild der Lawine ist frisch. Das hängt sich zwar an, an diese Katastrophenmetaphorik, aber wir reden nicht ständig von Flüchtlingslawinen und von daher ist es auffälliger.

Warum wählen wir überhaupt so oft Naturkatastrophen, um sowas zu beschreiben?

Stefanowitsch: Diese Sprachbilder dienen erstmal dazu, Dinge, die wir anders nicht so gut oder gar nicht anders fassbar machen können, in unsere Erfahrungswelt hineinzubringen. Aber natürlich steckt hinter jedem dieser Sprachbilder auch eine bestimmte Perspektive auf die Wirklichkeit. Und das ist sowohl bei der Lawine, als auch bei der Welle, als auch bei der Flut die Naturkatastrophe. Das Negative, vor dem wir uns schützen müssen. Etwas, das einen überrollt, überflutet oder verschüttet, wenn man nicht aufpasst.

Aber warum kann man diese Bilder nicht einfach verwenden, um ein bestimmtes Ausmaß zu beschreiben?

Stefanowitsch: Ein Sprachbild kann man nur ganz oder gar nicht verwenden. Denn es handelt sich ja nicht um einzelne Wörter, die in irgendeiner Weise unschuldig daher kommen. Sondern es handelt sich um Wörter, mit denen ein ganzer Erfahrungsbereich zusammenhängt. Wenn wir an das Wort Lawine denken, dann denken wir nicht nur an die Menge an Schnee die da den Berg hinunter kommt. Sondern wir denken an die Gefahr die von diesem Schnee ausgeht. Deshalb  können wir diese Metapher auch nicht benutzen, um nur die Menge an Menschen zu beschreiben, die ins Land kommt. Sondern wir kriegen automatisch das Gefühl, dass diese Menschen uns gefährlich sind - per se. Einfach, indem sie ins Land kommen. In dem Augenblick, in dem ich mich auf ein Sprachbild festgelegt habe, habe ich mich auch darauf festgelegt, wie über diesen Gegenstandsbereich überhaupt noch diskutiert werden kann.

Das Gespräch führte Helene Buchholz.

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