Stand: 24.01.2016 08:14 Uhr

Migrations-Geschichte als düsterer Passionsweg

von Heide Soltau

Zur Eröffnung der Hamburger Lessingtage hat der flämische Regisseur Luk Perceval am Sonnabend John Steinbecks Flüchtlingssaga "Früchte des Zorns" auf die Bühne gebracht. Mit einem internationalen Ensemble: Die Schauspieler haben belgische, niederländische, polnische, bosnische und nigerianische Wurzeln.

Trockenes Laub und ein verdorrter Baum

Trockene Blätter rieseln vom Himmel. Auf dem Boden liegen Laubhaufen und Stoffbündel, das Geäst eines kahlen Baums ragt wie eine Vogelscheuche in die Höhe. Erst später erkennt man im Halbdunkel die Menschen - hinter dem Baum, unter den Stoffbündeln und im Laub. Annette Kurz hat diese eindrucksvolle Bühne geschaffen, die das Schicksal der Familie Joad in ein Bild bannt. In diesem von Trockenheit und Monokultur verwüsteten, ausgelaugten Land gedeiht kein Leben mehr.

Eine Urgeschichte der Migration

Auf dem Weg ins gelobte Land Kalifornien

Und so machen sich die Joads mit einem alten Lastwagen auf den Weg in das gelobte Land Kalifornien, wo es grün ist, Früchte in Hülle und Fülle wachsen und angeblich Erntehelfer gebraucht werden. Davon erzählt John Steinbeck in seiner breit angelegten Flüchtlingssaga, die 1939 in den USA erschienen ist und seinen Ruhm begründete. Schon ein Jahr später wurde der Roman mit John Ford verfilmt. 

Sparsame Mittel und großartige Schauspieler

Luk Perceval setzt sparsam Gestaltungsmittel ein - und sechs großartige Schauspieler, die nicht mehr als das Laub, den verdorrten Baum und eine große Plane brauchen, um diese "Urgeschichte der Migration" - wie es im Programmheft zutreffend heißt - darzustellen.  Die Plane dient ihnen als Lastwagen, Zelt, Krankenlager, Decke. Von Marina Galic liebevoll als Paket zusammengeschnürt, verwandelt sie sich sogar in die tote Großmutter.  Und wenn sich der Lastwagen in Bewegung  setzt, mimen die Schauspieler fußstampfend das Fahrgeräusch.

Ein Miniaturklavier wird beigesetzt

Die Inszenierung enthält viele wunderbare Details. So hat die schwangere Rose, Tochter der Familie, während der Flucht ein Miniaturklavier bei sich. Sie hängt daran - Musik spielt bei den Joads eine wichtige Rolle. Aber das kleine Klavier steht zugleich auch für das  Kind, das Rose erwartet. Während der Flucht hört man bisweilen einzelne Töne, die an die Schwangerschaft erinnern. Und zum Schluss, wenn Rose ihr Kind tot zur Welt gebracht  hat, wird das Klavier in ein Tuch eingeschlagen und beigesetzt. Ein Bild, das auch die Hoffnungslosigkeit der Familie ausdrückt, die wie Zehntausende andere die Erfahrung machen muss, dass Arme in Kalifornien unerwünscht sind - obwohl sie dieselbe Sprache sprechen.

Zuschauer geteilter Meinung

"Das ist schon sehr aktuell, dass Menschen dort, wo, sie ankommen, nicht willkommen geheißen werden", lobte ein Zuschauer, der die Inszenierung beeindruckend fand. Aber derart begeistert äußerten sich längst nicht alle. Ein anderer Zuschauer hätte sich eine klarerer Erzählweise gewünscht, fand die von Perceval gewählte "sehr sprunghaft".

Düstere Stimmung schwer zu ertragen

Insgesamt fiel der Beifall des Publikums sehr zurückhaltend aus. Luk Perceval ist es nicht gelungen, einen dramatischen Bogen zu spannen und die Zuschauer auf eine Reise mitzunehmen, die sie packt. Er inszeniert "Früchte des Zorns" als düsteren Passionsweg, auf dem ein Unglück auf das andere folgt. Der düsteren Bühne entspricht die düstere Stimmung. Das ist schwer zu ertragen.

Es gibt nur eine Figur, die aus dem Muster ausbricht, das ist der verrückte Onkel John, hinreißend gespielt von Rafael Stachowiak, der mit seltsamer Fistelstimme spricht und gern immer denselben unpassenden Witz erzählt. Man hätte sich mehr Freiraum für die Figuren gewünscht und hätte ihnen gern auch beim Leben - und nicht nur beim Leiden - zugeschaut.

Migrations-Geschichte als düsterer Passionsweg

John Steinbecks "Früchte des Zorns" erzählt die Odyssee einer Familie auf der Suche nach einem besseren Leben. Die Inszenierung zum Auftakt der Lessingtage am Thalia Theater fiel extrem düster aus.

Datum:
Ort:
Thalia Theater
Alstertor 1
20095  Hamburg
Preis:
Zwischen 15 und 74 Euro
Kartenverkauf:
Montag bis Sonnabend 10 bis 19 Uhr
Sonntag und Feiertage 16 bis 18 Uhr
E-Mail: theaterkasse@thalia-theater.de
Telefon: (040) 32814-444
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 24.01.2016 | 10:55 Uhr