Stand: 13.03.2016 13:09 Uhr

Marlene Jaschke: Ein Leben wie ein Brühwürfel

von Daniel Kaiser
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Sie ist zurück - und sieht aus wie eh und je: Marlene Jaschke.

Marlene Jaschke ist wieder da. Adrett mit beigefarbenem Kostüm, Handtasche, Perlenkette und rotem Hut singt und plaudert sie aus ihrem Leben. "Nie wieder vielleicht" heißt das Programm, das jetzt im St. Pauli Theater Hamburg-Premiere hatte. Wenn sie Edith Piafs "Je ne regrette rien" in ihrem Fantasie-Französisch singt, reimt sich schon mal Croissant auf Balkon, und Textlücken werden mit "lölölö" gefüllt. Klingt erst mal unspektakulär - bei Marlene Jaschke ist das aber wirklich richtig komisch. Befreites Lachen, Glucksen, Kichern, Jauchzen - so geht das den ganzen Abend von der ersten Sekunde bis zum Schlussapplaus. Noch an der Garderobe wischen sich Zuschauer die Lachtränen aus dem Gesicht.

Perfekt und konzentriert

Jedes unelegant abgeknickte Knie, jede Grimasse, jede verzögerte Pointe sitzt. Jutta Wübbe spielt ihre Marlene Jaschke wie eh und je akribisch und exakt, ohne im Spiel die Leichtigkeit zu verlieren. Sie pflegt ihre Figur, die die Wochenzeitung "Die Zeit" einmal "die Heidi Kabel der Alternativen" nannte, so liebevoll, dass sie in den letzten 20 Jahren keinen Tag älter oder langweiliger geworden ist. Wie viel Konzentration das kostet, wird klar, als Wübbe ein Lied noch einmal von vorne beginnen muss, weil jemand im Publikum mit Blitz fotografiert und sie aus dem Konzept gebracht hat.

Grüße aus der Buttstraße

Der Marlene-Jaschke-Clan ist wieder versammelt. Am Klavier begleitet sie Herr Griepenstroh - der mit der halben Stelle als Organist an der St. Trinitatiskirche in Altona. Durch ihre Anekdoten flattert der Wellensittich Waltraut, sie erzählt von ihrer alten Freundin Hannelore aus der Buttstraße und vom Flirt mit ihrem Kollegen Siegfried Tramstedt - einem Buchhalter mit elegant von hinten nach vorn gekämmtem Resthaar.

Kampf um die Bleistifte mit Mozart

Doch die Globalisierung hat Marlene Jaschke erreicht. Der Schraubengroßhandel "Rieger, Ritter, Berger und Sohn", bei dem sie als Chefsekretärin tätig ist, wird von einem ägyptischen Investor gekauft. Sie sorgt sich um ihren Job, schwärmt aber von den Augen des neuen Chefs und versucht, ihn mit selbstgehäkelten Untersetzern freundlich zu stimmen. Doch wenn ihr jemand im Büro die Bleistifte streitig macht, schmettert sie Mozarts Arie der rachespeienden Königin der Nacht. Seit 20 Jahren wissen wir: Marlene Jaschke kann nicht richtig gut singen. Sie macht es trotzdem. Gut so. Jutta Wübbe gelingt es immer wieder, ihre leicht trampelige Figur mit ganz feinsinnigen und kultivierten Strichen zu zeichnen und zu veredeln. Denn so treuherzig und naiv Marlene Jaschke manchmal wirkt: Dumm ist sie nicht.

Liebes- und Lebensweisheiten

"Man muss schon mal Raupen schlucken, wenn man Schmetterlinge im Bauch haben will", lautet eine ihrer wichtigen Lebensweisheiten. Doch von der Ehe ihrer Schwester hält sie nichts. "Vor 29 Jahren haben sie 'Ja' gesagt - 'bis dass der Tod euch scheidet'. Und nun warten sie." Ihr Schwager liege nur in seiner viel zu engen Jogginghose herum, dabei habe die schon 'Größe Z - wie Zelt'.

Es sind Geschichten aus einer Welt, in der Hamburg noch Hamburch ist. In der in der Handtasche immer noch Platz für einen ihrer Brühwürfel ist. Und ein Abend mit Marlene Jaschke ist auch so etwas wie ein Brühwürfel: ein Konzentrat, ein geschmackvoller, gewürzter, liebevoller Blick auf unser Leben durch die Augen der etwas schrulligen, aber durch und durch gutherzigen und liebenswerten Tante, die wieder mal auf Besuch ist.