Stand: 21.01.2016 14:00 Uhr

"Manchmal schäme ich mich fast ein bisschen"

von Catarina Felixmüller
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Lina Beckmann spielt derzeit in sieben Produktionen am Deutschen Schauspielhaus.

Die bereits mehrfach preisgekrönte Schauspielerin Lina Beckmann wird mit dem angesehenen Ulrich-Wildgruber-Preis ausgezeichnet. Die 34-Jährige kam vor zweieinhalb Jahren mit Intendantin Karin Beier an das Deutsche Schauspielhaus. Seitdem avancierte sie zum absoluten Publikums-Liebling, spielte in zahlreichen Stücken wie in der Rolle der "Ella" in "John Gabriel Borkman" von Henrik Ibsen oder die "Mutter John" in Gerhart Hauptmanns Drama "Die Ratten". Aber ihr liegt durchaus auch das komische Fach, wie sie in Alan Ayckbourns Komödie "Ab jetzt" in der Rolle eines Roboters beweist. Lina Beckmann lebt mit ihrem Mann, dem Schauspieler Charly Hübner, und ihrem Sohn Carl im Hamburger Westen. Im Interview mit NDR 90,3 spricht sie über ihre Heimat, das Ruhrgebiet, Familie und Preise.

Welche Orte vermissen Sie, wenn Sie einmal Heimweh haben?

Lina Beckmann: Eben gar nicht bestimmte Orte, nur so ein Gefühl, das ich mit dem Ruhrgebiet ganz stark empfinde. Das Ruhrgebiet ist ja wirklich kein schöner Ort, aber wenn ich dahin komme, passiert was mit mir, das ich an keinem anderen Ort habe. Dass man zur Ruhe kommt, ganz entspannt wird und unaufgeregt ist, das habe ich wirklich nur da - Heimat und Zuhause und ganz viele Erinnerungen.

In der Anfangszeit ist mir aufgefallen, dass Sie wahnsinnig viel gespielt haben. In manchen Wochen standen Sie an vier oder fünf Tagen in großen Rolle auf der Bühne. Wie groß ist die Gefahr, dass man sich auch ein bisschen verliert in solchem Theateralltag?

Beckmann: Die Gefahr ist da, der bin ich mir bewusst. Und nach dieser Zeit hab ich auch wirklich gesagt "Stopp, es ist jetzt gerade zu viel, das schaff ich nicht mehr. Ich werde weder dem Theater gerecht noch Carl". Da versuche ich, wirklich auf mich aufzupassen. Es ist aber auch toll, das mal zu spüren: Dass man merkt "jetzt komm ich an meine Grenze, jetzt ist es zu viel, es wird gefährlich."

Lina Beckmann © imago

"Mir ist wichtig, dass Theater nicht egal ist"

NDR 90,3 - Abendjournal -

Die Schauspielerin Lina Beckmann wird mit dem Ullrich-Wildgruber-Preis ausgezeichnet. Im Interview mit NDR 90,3 spricht sie über Kraft, Heimat und Preise.

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Wenn Sie sagen "jetzt wird’s gefährlich" - worin äußert sich das? In permanenter Müdigkeit oder dass man gar nicht mehr weiß, was heute für ein Tag ist, man weiß nur, man spielt "Die Ratten"?

Beckmann: Ich hab gemerkt, dass ich nicht mehr zur Ruhe kam. Also dass ich zwischen Kind zur Schule bringen, dann zur Probe fahren, dann das Kind wieder abholen, dann wieder zur Vorstellung fahren nicht mehr zum Essen kam, nicht mehr zum Nachdenken, auch nicht mehr irgendwie nur zum Sitzen und Nichtsmachen. Dann kommt man in so einen Strudel und ist so unruhig die ganze Zeit.

Das Ganze hat ja eigentlich auch eine tolle Kehrseite, weil Sie hier einen wahnsinnigen Erfolg hatten und haben. Spürt man den eigentlich noch, wenn man so drüber ist?

Beckmann: Den spürt man, weil die Leute die Stücke, in denen ich dann spiele, sehr angenommen haben. Das war wie so ein bar Bezahlen, sodass ich wusste, das, was ich versuche und wofür ich kämpfe, funktioniert auch zum größten Teil. Das hat mich sehr glücklich gemacht, wenn ich gemerkt habe, das Stück kommt an oder der Applaus ist toll, das ist dann wie ein Stück Brot, das man kriegt. Das war ganz toll.

Sie sind eine Kämpfernatur, oder?

Beckmann: Ja, weil das die Figuren, die ich spiele, auch oft machen. Ich denke immer, dann muss ich auch kämpfen, um diesem Menschen, den man spielt, gerecht zu werden oder ihn wahrhaftig erscheinen zu lassen. Mir ist total wichtig, dass Theater nicht egal ist. Ich wünsche mir, dass die Leute nicht nur denken "och, das sind aber schöne Kostüme" und "toll, wie die das hier machen". Ich will, dass die mit eintauchen und berührt sind und dass man sie mitnehmen kann in dieser Geschichte. Dafür kämpfe ich auch - dass ein Abend nicht lapidar wird.

Was tun Sie eigentlich, um so viel Kraft zu haben, wie Sie ausstrahlen?

Beckmann: Mein Leben neben dem Theater gibt mir sehr viel Kraft: meine Familie, meine Geschwister, mein Mann, mein Kind. Und weil ich das Leben neben dem Theater auch sehr gerne habe, dadurch oft Kraft schöpfe, die ich dann im Theater habe. Und weil das Theater mir auch viel bedeutet und mir auch Kraft gibt, gehe ich auch nach Proben gerne nach Hause. Es ist gerade so ein Geben und Nehmen von diesen beiden Leben.

Ich habe mit Vergnügen über die Spielkinder gelesen. Klar, in Hamburg kannte man die nicht. Fünf Geschwister und davon vier beim Theater. Wie ist denn das, wenn Sie zusammenkommen?

Beckmann: Das ist sehr lustig und ganz nah. Ich bin meinen Eltern so dankbar, dass ich diese Geschwister gekriegt habe und dass man da so aufgehoben ist. Manchmal, wenn gar nichts stimmt, weiß ich, sie sind irgendwo in Deutschland verteilt und sie sind da. Das gibt mir sehr viel Kraft.

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Mit ihrem Mann Charly Hübner spielt Lina Beckmann als Sofia Alexandrowna im Stück "Onkel Wanja"am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

Sie haben nun fast alle Preise gekriegt, die man als Schauspielerin kriegen kann: Schauspielerin des Jahres, 3sat-Preis, Alfred-Kerr-Preis, jetzt den Wildgruber-Preis - was bedeuten denn Preise?

Beckmann: Preise haben für mich immer ganz viele Seiten. Weil es so ein Kopfstreicheln ist für eine Arbeit, die man gemacht hat, wie ein Lob vom Lehrer, der sagt "das war sehr gut". Manchmal schäme ich mich fast ein bisschen, weil ich finde, dass das eine Teamarbeit ist. Und dass man so hervorgehoben wird, ist mir manchmal sogar unangenehm, weil ohne diese Leute drumherum wäre dieser Abend nicht so und könnte man nicht so arbeiten. Ohne die Kollegen, dass man keine Angst hat, dass man sich nicht blöd fühlt, dass man sich so öffnen kann, dass man Fehler machen kann. Und so ein Haus, das auf mich aufpasst und so schöne Rollen eingibt, das finde ich toll. Preise haben auch die Seite, dass man sich manchmal bei der Probe erwischt und denkt: "Diesen vielen Preisen kann ich gar nicht gerecht werden."

Möchten Sie mal als große Diva auftreten?

Beckmann: Da hätte ich Angst, dass ich das dann nicht kann, weil ich mich selber so wenig als schicke Dame sehe. Früher wollte ich immer, dass meine Mama mir ein Ballkleid näht. Ich wollte immer schöne Prinzesskleider anhaben, hatte ich aber nie. Und als ich dann Schauspielerin geworden bin und am Theater gearbeitet habe, habe ich auch nie die schönsten Kostüme abbekommen (lacht). Ich warte immer noch auf ein ganz tolles Kleid, es kommt bestimmt noch - irgendwas Sternenfunkliges.

Das Interview führte NDR 90,3 Autorin Catarina Felixmüller.

Über den Ulrich-Wildgruber-Preis

Der Ulrich-Wildgruber-Preis wird seit neun Jahren beim Treffen des Förderkreises des St. Pauli Theaters mit Unterstützung der Nordmetall-Stiftung am letzten Januar-Wochenende verliehen. Er ist mit 10.000 Euro und einer 41 Zentimeter hohen Bronze-Statuette dotiert, die den Schauspieler Ulrich Wildgruber zeigt. Der Preis soll "in Erinnerung an einen der außergewöhnlichsten Schauspieler des deutschen Nachkriegstheaters [...] eigenwillige Begabungen fördern, die in einer Welt von geklonten Fernsehgesichtern besonders aufgefallen sind und ihnen helfen, geradlinig und kompromisslos ihren Weg fortzusetzen." Preisträger der vergangenen Jahre sind etwa Friederike Brecht (2015), Fabian Hinrichs (2014), Brigitte Hobmeier (2013) und Caroline Peters (2012).

 

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 21.01.2016 | 19:00 Uhr