Stand: 02.10.2017 13:18 Uhr

Laut und überdreht: "Rose Bernd" in Hamburg

von Peter Helling

"Rose Bernd", das mehr als 100 Jahre alte Stück von Gerhart Hauptmann, hat nichts von seiner Aktualität verloren. Jetzt wurde es neu inszeniert - in Kooperation mit den Salzburger Festspielen hatte es am Wochenende seine Hamburger Premiere im Schauspielhaus. Mit einer Hauptdarstellerin, die für Begeisterungsstürme sorgte - und gerade für ihre Rolle mit dem Nestroy-Preis nominiert wurde.

Eine Rose für die Rose

Mitten im Schlussapplaus tritt ein Zuschauer an die Bühnenrampe und überreicht Lina Beckmann eine rote Rose. Passend, denn sie war Rose Bernd mit jeder Faser ihres Körpers. Wenn sie lacht - wie ganz am Anfang in einer Art schlesischen Tracht, während sie der Dorfschulze, gespielt von Markus John, von hinten nimmt - scheinen die Stuckengel im Saal zu beben.

Diese Geschichte ist die vielleicht natürlichste der Welt: Eine Frau folgt ihrer Lust, beansprucht etwas für sich, wofür Männer bis heute als tolle Hengste gelten. Sie hat Sex, vor der Ehe. In ihrem Fall mit einem eher zerrütteten Mannsbild, dem hilflos zitternden August. Es kommt wie es kommt - und wie es bis heute zu einen Aufschrei in bigotten Männerdomänen führt: Rose Bernd wird ohne Trauring schwanger. Und dann wird sie so unter Druck gesetzt, bis sie ihr Kind tötet.

Aufgeplustert zum Menschheitsdrama

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Nur leider, leider: Das Ganze geht nicht richtig auf. Die Geschichte von der Rose Bernd, sie ist so zart wie der Akkord auf einer verstimmten Gitarre. Aber eben leise. Regisseurin Karin Henkel plustert die Geschichte zum Menschheitsdrama auf. Zum Drama von der Unfreiheit des weiblichen Körpers. Das steht zwar alles schon im Text, aber der Regie scheint das nicht zu reichen.

Da dröhnen Männerchöre die ewig alte brutale Leier von der vermeintlichen Dominanz des Mannes. Da wabert der Bühnennebel durch einen finsteren Bergbauschacht, da flattern echte Tauben, drehen sich Ventilatoren an der Decke. Tolle Effekte - nur wozu? Das ist nicht nur laut, sondern übersteuert die Geschichte - überlagert selbst das so wunderbar berührende Spiel Lina Beckmanns, die bis in die letzte Nerve zu zittern scheint vor der Unausweichlichkeit männlicher Gemeinheit und Feigheit. "Das war einfach Hollywood, und das passt nicht zu Hauptmann", beschwert sich denn auch ein Zuschauer.

Der Mut zum Subtilen fehlt

Berührend wird es, wenn Rose Bernd ausgerechnet von der Frau des Dorfschulzen, von dem sie ja ein Kind erwartet, Hilfe bekommt: Julia Wieninger als betrogene, und doch solidarische Frau. Diese reduzierten Szenen sind die stärksten des Abends - bis kurz danach der Regler wieder voll aufgedreht wird und die Geschichte hinter Lärm und Effekten verschwindet. Was fehlt, das ist der Mut zum Subtilen, zum Leisen. Wie das Gerücht, das Rose Bernd - und Millionen wie sie - in den Mord treibt.

Laut und überdreht: "Rose Bernd" in Hamburg

Gerhart Hauptmanns "Rose Bernd" ist ein Plädoyer gegen die männliche Dominanz. Regisseurin Karin Henkel plustert es in Hamburg jedoch zum Menschheitsdrama auf. Das geht nicht auf.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Kirchenallee 39
20099  Hamburg
Preis:
10,- Euro bis 37,- Euro
Kartenverkauf:
Kartentelefon: 040/24 87 13 (Mo-Sa, 10-19 Uhr)
oder kartenservice@schauspielhaus.de
Hinweis:
Regie: Karin Henkel
Bühne: Volker Hintermeier
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Musik: Arvild J. Baud 
Es spielen: Lina Beckmann, Gregor Bloéb, Markus John, Martin Pawlowsky, Michael Prelle, Maik Solbach, Julia Wieninger
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 02.10.2017 | 19:00 Uhr

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