Stand: 18.01.2016 16:07 Uhr

Mit Vollgas nach Eden

von Daniel Kaiser
Bei der Inszenierung am Altonaer Theater erinnert im Hintergrund Tizians Gemälde "Kain und Abel" an den biblischen Brudermord.

700 Seiten in knapp zwei Stunden: Das Altonaer Theater hat jetzt eines der bedeutendsten Bücher der Literaturgeschichte auf die Bühne gebracht - John Steinbecks Familiensaga "Jenseits von Eden", deren Verfilmung mit James Dean aus den 50er-Jahren ein Welthit war. Regisseur Harald Weiler versucht im Altonaer Theater einen anderen Zugang.

Wie ein ICE rauscht das Stück durch den Roman - mit nur kurzem Halt bei den dramatischsten Stellen. Meistens fällt ein Schuss. Ältere Damen im Publikum zucken jedes Mal zusammen. Steinbeck to go! Das Jahrhundertwerk aus Amerika über konkurrierende Brüder, über das Böse im Menschen und die Freiheit, Gutes zu tun, in einen zweistündigen Theaterabend zu gießen, ist - gelinde gesagt - ambitioniert. Für Tiefe und Reflexion bleibt den Schauspielern in der Bearbeitung von Ulrike Syha nicht viel Platz.

Bilderbuch statt Theaterstück

Und so wird oft im Einheitsforte deklamiert. Das mag im Einzelnen noch eindrucksvoll klingen, doch Uneingeweihten bleibt der große Handlungsstrang oft verborgen. Der Abend ist mehr ein Bilderbuch als ein Theaterstück. Tatsächlich gelingen Regisseur Harald Weiler aber viele poetische Bilder. Da wird auf einem aufgeschütteten Grabhügel gebalgt, kopuliert und geboren, dass der aufgewirbelte Staub bis in den Zuschauerraum schwebt. Das ist schön anzuschauen, wirkt aber nur kurz nach - bis zum nächsten Schuss.

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In der Verfilmung von Elia Kazan spielt James Dean die Rolle des Caleb Trask. In Altona übernimmt dies Timon Ballenberger (links).
Moderierte Familiensaga

Der Sheriff, gespielt von Sascha Rotermund, und sein Deputy (Jonas Anders) führen als Erzähler mit Tempo durch die epische Familiensaga. Anders übernimmt dabei zusätzlich mehrere kleine Rollen. Eben noch rastet er als Adam Trasks potenzieller Verkaufspartner aus, schreit und spuckt, um sich gleich danach wieder - als sei nichts gewesen - als Erzähler an die Wand zu lehnen, einen Grashalm zwischen den Zähnen. Gelächter im Publikum!

Auch dass Cathys im Original eigentlich homöopathisch dosierter Giftmord im Stück auf eine einzige Mahlzeit und eine Champagner-Druckbetankung reduziert wird, entbehrt nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik.

Kronzeugen im falschen Prozess

Harald Weiler bemüht Schwergewichte als Kronzeugen für seine Inszenierung. Im Hintergrund hängt riesengroß Tizians berühmtes Gemälde vom Brudermord in der Bibel, "Kain und Abel". Auch Gustav Mahlers bekanntes "Adagietto" erklingt. Die Anlehnung an diese Meisterwerke verspricht allerdings eine Tiefe und Grundsätzlichkeit, die das Theaterstück gar nicht einlösen kann. Der Bruderkonflikt ist fast nur als Nebenthema erkennbar und bricht lediglich punktuell eruptiv auf. Calebs zentrales Bibel-Zitat ("Bin ich meines Bruders Hüter?") fällt eher beiläufig. Mahlers Hit aus der 5. Sinfonie wird letztlich zum beliebigen, gefühligen Soundtrack.

"Jenseits von Eden" Altonaer Theater © G2 Baraniak

Premierenkritik: "Jenseits von Eden"

NDR 90,3 - Abendjournal -

Das Altonaer Theater hat jetzt John Steinbecks Familiensaga auf die Bühne gebracht. Regisseur Harald Weiler versucht einen anderen Zugang als die weltbekannte Verfilmung mit James Dean.

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Knackige Jeans und Elvistolle

Vor allem für die zehn Schauspieler gab es am Ende viel Applaus. Markus Frank spielt den idealistischen, von Verrat und Schicksalsschlägen erschütterten Adam Trask einfühlsam. Timon Ballenberger als Altonaer Wiedergänger von James Dean marschiert in knackiger Jeans und mit schicker Elvis-Tolle viril und maßlos leidenschaftlich über die Bühne. Nadine Nollau legt die Rolle der Cathy apathisch-eiskalt an. Vor allem aber Sascha Rotermund und Jonas Anders als Erzähler halten den Abend zusammen - auch wenn sie Gitarre und Mundharmonika spielen oder einen Song von John Grant singen.

Es ist ein Abend mit starken Momenten, manch berührenden Bildern - aber leider ohne die Wucht des Jahrhundert-Romans. Das Buch ist einfach zu groß für dieses Stück.

Mit Vollgas nach Eden

700 Seiten in knapp zwei Stunden: Das Altonaer Theater hat John Steinbecks Familiensaga "Jenseits von Eden" auf die Bühne gebracht. Das Buch ist jedoch zu groß für das Stück.

Datum:
Ende:
Ort:
Altoner Theater
Museumstraße 17
22765   Hamburg
Telefon:
Tel (040) 39 90 58 70
E-Mail:
tickets@altonaer-theater.de
Preis:
9 bis 34 Euro
Öffnungszeiten:
Öffnungszeiten der Tageskasse:
Mo. bis Sa. 10 - 19 Uhr; Mi. 10 - 18 Uhr 
Die Abendkasse öffnet eine Stunde vor Vorstellungsbeginn.
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 18.01.2016 | 19:00 Uhr

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