Stand: 05.10.2017 17:16 Uhr

"Ishiguro ist allergrößte Weltliteratur"

Kazuo Ishiguro ist der neue Literaturnobelpreisträger. Die Sprecherin der Jury in Stockholm nannte ihn "eine Kreuzung aus Jane Austen und Franz Kafka", er sei ein sehr authentischer Schriftsteller, der seine eigene Ästhetik entwickelt habe. Mit Ishiguro durfte sich heute auch sein deutscher Verlag freuen, nämlich der Blessing Verlag in München, der Ishiguros Werke seit 2009 herausgibt. Der Leiter des Blessing Verlags Holger Kunze spricht über die besondere Ästhetik des neuen Literaturnobelpreisträgers.

Herr Kuntze, herzlichen Glückwunsch zu der Ernennung Kazuo Ishiguros zum Literaturnobelpreisträger! Haben Sie mit dieser Entscheidung in irgendeiner Weise gerechnet?

Bild vergrößern
Holger Kuntze ist Leiter des Blessing Verlags.

Holger Kuntze: Nein, wir haben in diesem Jahr nicht damit gerechnet. Kazuo Ishiguro wird seit Jahren als ein Kandidat gehandelt, aber als wir uns diesmal die Buchmacher-Listen angeschaut haben, war er nicht dabei. Wir waren umso überraschter und erfreuter, als diese Verkündung kam.

Ishiguro wurde 1954 in Nagasaki geboren, kam mit sechs Jahren mit seiner Familie nach Großbritannien und schreibt heute, so heißt es, "das vielleicht schönste Englisch". Was ist das Besondere an seinen Büchern?

Kuntze: Das Besondere an Ishiguros Büchern ist, dass er sich immer ein großes gesellschaftliches Thema vornimmt - wir haben die Erinnerung, wir haben den Verlust von Erinnerung, wir haben Organhandel -, das er dann immer in ein für ihn perfektes Setting setzt und von dort wiederum ableitet, wie er das sprachlich angeht. Und das ist in Summe immer faszinierend, beeindruckend und allergrößte Weltliteratur.

Man könnte vermuten, dass seine japanischen Wurzeln Einfluss auf sein Werk haben. Ist das so?

Weitere Informationen

Literaturnobelpreis für Kazuo Ishiguro

Der Literaturnobelpreis 2017 geht an Kazuo Ishiguro. Die Jury lobte die emotionale Wirkung seiner Romane, die den Abgrund unter unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt freigelegen. mehr

Kuntze: Ishiguro wehrt sich immer dagegen. Er hat angefangen mit zwei Romanen, die diese japanisch-englische Brücke auch zum Thema hatten, und hat dann mit "Was vom Tage übrig blieb" seinen ersten Roman geschrieben, der das nicht mehr beachtete, und hat seitdem aber auch nichts mehr in dieser Richtung unternommen. Er versteht sich als originär englischer Schriftsteller, der sich der Themen annimmt, die er in seinem Umfeld, in seinem Zuhause, in seiner Gesellschaft wahrnimmt und für würdig erachtet, dass sie als Stoff behandelt werden.

Für seinen letzten Roman, "Der begrabene Riese" von 2015, hat Ishiguro zunächst die schlechtesten Kritiken seiner Karriere in Großbritannien und Amerika bekommen. Daniel Kehlmann wiederum nannte den Roman "historisch und fantastisch". Was ist das für ein Buch?

Kuntze: Dieses Buch spielt im fünften Jahrhundert in einem uns unbekannten Britannien. Zwei Volksstämme, Sachsen und Britannia, hassen sich dort bis aufs Blut, sie zerstören ihre Orte, und es gibt einen Nebel des Vergessens, der dafür sorgt, dass diese Menschen weiterhin miteinander leben können. Das Thema seines Buches ist: Was ist, wenn dieser Nebel des Vergessens vergeht und wir wieder in Erinnerung haben, welche Grausamkeiten wir uns als Menschen angetan haben?

Es klingt so, als sei Ishiguro doch ein Romancier, der gern aus dem Vollen schöpft, die Fabulierlust des Schreibens ausschöpft.

Buchtipp

Die Nebel des Vergessens

Was verbindet zwei Menschen, wenn nicht die Erinnerung? In seinem neuen Roman "Der begrabene Riese" entdeckt Kazuo Ishiguro das Fantasy-Genre. Ein überwältigendes Epos über kollektives Verdrängen. mehr

Kuntze: Das ist so. Weil es jedes Mal eine andere Thematik ist, ein anderes Setting hat, ist es aber immer ein anderes Fabulieren, ein anderes Ausschöpfen - aber immer unfassbar beeindruckend, besonders einzigartig und perfekt zum jeweiligen Stoff passend.

Sie haben ihn vor zwei Jahren auf seiner Lesereise durch Deutschland begleitet und Sie haben dort sicherlich auch über die aktuellen Entwicklungen in Europa gesprochen. Wie beurteilt er diese Entwicklungen?

Kuntze: Ishiguro versteht sich als Schriftsteller, und ich glaube, dass er sich zu tagesaktuellen Themen wenig äußert und äußern möchte. Wir müssen ihn durch sein Werk verstehen und begreifen, dass es kein Zufall war, dass er in seinem letzten Buch "Der begrabene Riese" genau dieses Thema, wie Gesellschaften miteinander umgehen können im Erinnern und Vergessen, herausgesucht hat, weil er der Meinung ist, dass das aktuell sehr essenziell ist.

Das Interview führte Natascha Freundel.

Holger Kuntze © Frank Schöppach, Berlin Fotograf: Frank Schöppach

Holger Kuntze über Kazuo Ishiguro

NDR Kultur -

Kazuo Ishiguro ist der diesjährige Literaturnobelpreisträger. Holger Kunze, Leiter des Blessing Verlags, spricht über die besondere Ästhetik des britischen Schriftstellers.

5 bei 1 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Weitere Informationen
mit Audio

"Wir freuen uns über Kazuo Ishiguro"

Kazuo Ishiguro wird mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Ulrike Sárkány, Leiterin der NDR Kultur Literaturredaktion, gibt eine Einschätzung zu der überraschenden Wahl. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.10.2017 | 19:00 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/Holger-Kuntze-ueber-Kazuo-Ishiguro,journal1030.html

Übersicht

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Mehr Kultur

58:03

Nachtclub in Concert: Conor Oberst

18.10.2017 01:05 Uhr
NDR Info
02:29

João Bosco über "Time Out"

17.10.2017 22:05 Uhr
NDR Info
03:04

Drehstart für Doku über Kieler Matrosenaufstand

17.10.2017 19:30 Uhr
Schleswig-Holstein Magazin