Stand: 23.03.2016 10:45 Uhr

"Zeit und Gelassenheit sind die Ressourcen in diesem Konflikt"

Zum zweiten Mal binnen Monaten, nach Paris im November, sucht sich der Terrorismus symbolträchtige Orte: einen Flughafen und eine U-Bahn-Station in der Europa-Hauptstadt Brüssel. Mehr als 30 Menschen, die zufällig dort waren, wo der Terror war, leben nicht mehr. Weit über 200 sind verletzt. Es ist die Wahllosigkeit, die Entsetzen stiftet. Da mag noch so überzeugend vorgerechnet werden, dass die Wahrscheinlichkeit, dem Terror zum Opfer zu fallen, viel geringer sei als die Wahrscheinlichkeit, im Straßenverkehr zu sterben. Statistik kühlt Gemüter nicht ab. Eher vielleicht der Versuch, besser zu verstehen, was zurzeit vor sich geht; und dann zu fragen, wie man vernünftigerweise reagieren kann. Diese Fragen hat NDR Kultur dem Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler gestellt.

Herr Münkler, beginnen wir mit dem Nächstliegenden, der Frage nach der zeitlichen Nähe der Verhaftung des IS-Terroristen Abdeslam zu den Anschlägen; und mit der Beobachtung, dass sich dies alles in Brüssel ereignet, im Herzen des institutionell organisierten Europa. Sind dies Taten einer neuen Kategorie oder reiht sich das ein?

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Seit Jahren beschäftigen den Politikwissenschaftler Herfried Münkler die neuen Formen von Krieg und Gewalt sowie Fragen nach kluger Strategie und der Ordnung Europas.

Herfried Münkler: Das reiht sich ein. Wir haben ja schon in den Anschlägen von Paris gesehen, dass wir es mit einem neuen Typus von Terrorismus zu tun haben. Dass wir es mit einem Terrorismus zu tun haben, der wahllos vorgeht: Konzerthallen, Fußballstadien - das sind die Orte, die nicht nur symbolträchtig sind, sondern wo viele Menschen zusammen sind und man mit einem Sprengstoffgürtel einen möglichst großen Effekt erzielen kann. Gegen diesen neuen Terrorismus kann man sich letzten Endes nur mit geheimdienstlichen Maßnahmen, mit der Infiltration dieser Gruppen, erwehren. Das hat die belgische Polizei offenbar nicht hinreichend in Molenbeek getan. Sie war seit Langem vorgewarnt und es ist erstaunlich, wie lange man gebraucht hat, bis man die ersten Verhaftungen durchgeführt hat. Es gibt nicht nur Brüssel als europäische Hauptstadt, sondern Brüssel auch als einen Ort, bei dem ganz offensichtlich Defizite in der Kooperation der Polizei und der Geheimdienste zu beobachten sind.

Wir sprechen ja ohnehin fast schon exzessiv von Verunsicherung und Angst in der jüngeren Vergangenheit. Es bedarf keiner Prophetengabe, um zu ahnen, dass dieser Diskurs sich noch verschärfen könnte. Was haben wir außer starker Rhetorik und Geheimdiensten aufzubieten gegen diese Angst?

Münkler: Wenn man in einer solchen Menschenreihe steht - und das tut man ja zwangsläufig immer wieder mal - und ein Gefühl der Verunsicherung in einem hochkommt gegenüber vermutlich aus dem arabischen Raum kommenden Leuten, dann bedient man ja letzten Endes das, was die wollen. Es ist eher der Prozess der Spaltung unserer Gesellschaften, von dem sie sich gewisse Vorteile erhoffen, dass die hier lebenden Menschen aus der arabisch-muslimischen Welt letzten Endes massiv diskriminiert werden und ihnen auf diese Weise Hilfestellung leisten.

Es gibt etwas, dass ich - provokant, ganz provisorisch und keinesfalls zynisch - den Mechanismus der Solidaritätsadressen nennen möchte. Sehr rasch heißt es wieder: Angegriffen ist nicht Belgien allein; je suis Bruxelles. Gehören diese Solidaritätsbekundungen ins Kalkül jener, die eine plurale Welt zu einer polaren machen wollen? Folgen wir dem Weg, den die Gegner für uns einschlagen?

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Münkler: Das glaube ich nicht. Die Gruppierungen wählen ihre Ziele nach anderen Gesichtspunkten aus. Sicherlich nicht nach dem Gesichtspunkt: Die Kanzlerin oder der Bundespräsident haben sich auch mit den Menschen in Brüssel solidarisiert, also machen wir den nächsten Anschlag in Deutschland. Wenn sie auf solche Ideen kommen, dann hat das eher etwas mit den logistischen Voraussetzungen für die Durchführung von Anschlägen oder mit einer operativen Politik der Bundesregierung zu tun.

Kanzleramtsminister Altmaier hat getwittert: "Unfassbar. Die Terroristen dürfen nie gewinnen." Sofort sind diese Sätze wieder da, die nach Paris auch so oft fielen. Wenn wir dies tun oder das unterlassen, haben die Terroristen schon gewonnen. Ist es der richtige Ansatz, die Dinge in Termini von Sieg und Niederlage zu denken? Trifft die Rede vom Krieg den faktischen Kern des Geschehens?

Münkler: Diese Anschläge sind ja gewissermaßen so gefährlich, weil sie ein Angebot sind, darauf entweder nach dem Modell des Kriminalitätsparadigmas oder nach dem des Kriegsparadigmas zu reagieren. Und de facto handelt es sich um Akte der Kriminalität und nicht des Krieges. Selbst wenn man dort Militär einsetzt, hat das eher symbolische Bedeutung. Und dann muss das Militär nach den Maßgaben der Polizei agieren. Mit schweren Waffen kann man dort sowieso nichts erreichen. Aber natürlich erwartet die Gesellschaft eine starke Reaktion. Und diese starke Reaktion besteht dann darin, wenn Politiker vom Krieg sprechen. Wir sollten klug sein und uns davon fernhalten, denn Krieg heißt, dass man letzten Endes in die Logik von Sieg und Niederlage hineingerät. Es ist klug, wenn man im Auge behält, dass das eine Auseinandersetzung ist, die am Schluss darüber entschieden wird, wer die größere Zeit und die größere Gelassenheit hat. Das sind die strategischen Ressourcen in diesem Konflikt. Wer sich da zu sehr aufregt und sich selbst in ein hysterisches Gegenhandeln hineinredet, wird nicht erfolgreich sein.

Nehmen wir an, Anschläge wie in Paris und Brüssel wiederholen sich in ähnlich dichter oder gar dichterer Folge auch in anderen europäischen Ländern. Wie sähe das Szenario für ein Europa im Dauerterror aus? Wie stabil steht die europäische Demokratie?

Münkler: Die Demokratie wird schon stabil stehen. Vermutlich wird es schon bei Wahlen Effekte geben, die mit den Anschlägen selber gar nichts zu tun haben. Es werden schon eher rechtspopulistische Parteien verstärkte Zustimmung bekommen, aber ich denke, dass infolgedessen weder Frau Le Pen französische Präsidentin, noch Frau Petry Bundeskanzlerin werden wird.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

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NDR Kultur | Journal | 22.03.2016 | 19:00 Uhr