Stand: 19.03.2012 07:00 Uhr

Droht der Kulturinfarkt?

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Die Autoren des Buches "Der Kulkturinfarkt: Dieter Haselbach, Pius Knüsel, Stephan Opitz und Armin Klein (v. r. n. l.).

Die Hälfte aller Theater, Museen und Bibliotheken in Deutschland sollte geschlossen werden. Das ist die wohl provozierendste These, mit der die vier Autoren des Kulturinfarkts vor einer Woche im Spiegel auf ihr Buch aufmerksam machten. Es gebe von allem zu viel und überall das gleiche. Mit-Autor Dieter Haselbach sagt: "Es muss nicht für jeden vor jeder Haustür ein vollständiges Kulturangebot sein, wenn ich mir betrachte, wie für andere Konsum- oder Freizeitgestaltungen Menschen bereit sind große Strecken zurückzulegen, denke ich, das kann man auch zumuten für einen Kulturbesuch."

Nicht gekürzt werden soll dagegen bei den Subventionen, derzeit rund 9,6 Milliarden Euro. Das Geld, was der Staat durch das Schließen von Kultureinrichtungen einspart, soll den verbleibenden Theatern, Museen und Bibliotheken zugute kommen, sagt Stephan Opitz, Leiter des Referats für kulturelle Grundsatzfragen in Schleswig-Holstein und ebenfalls Mit-Verfasser des "Kulturinfarkts": "Es geht nicht darum, diese 9,6 Milliarden zu reduzieren um die Hälfte, das ist Unfug. Worum es geht ist dieses nicht mehr recht durchschaubare und vor allem an unendlich vielen Stellen nicht mehr finanzierbare System zu renovieren. Landauf landab, egal, ob es sich um reiche oder arme Bundesländer handelt, haben wir große Schwierigkeiten das, was da ist ausreichend zu finanzieren." Weitere Eckpunkte nannte Opitz im Gespräch mit NDR Kultur Mederatorin Elske Brault.

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Brauchen wir so viele Theater?
Subventionen hinterfragen

Braucht also zum Beispiel eine Stadt wie Göttingen zwei staatlich geförderte Theater? Für die städtische Kulturdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck ist die Antwort klar: "Das Göttinger Kulturangebot ist sagenhaft gut besucht, ich denk, das sind ganz erfolgreiche Werte, unser Problem ist nur: Wie kann die Stadt Göttingen dieses tolle Kulturangebot noch weiterfinanzieren."

Dieter Haselbach, Leiter des Zentrums für Kulturforschung bei Bonn
Armin Klein, Professor für Kulturmanagement in Ludwigsburg
Pius Knüsel, Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia
Stephan Opitz, Leiter des Referats für Kulturelle Grundsatzfragen im Bildungsministerium von Schleswig-Holstein

Trotzdem: Das System der Kultursubventionen zu hinterfragen, sei grundsätzlich nicht falsch, räumt der Intendant des Schauspielhauses Hannover, Lars-Ole Walburg ein. Aber: Nicht auf diese Art. Walburg: Ich gehöre nicht zu den Kollegen, die die Hände über den Kopf zusammenschlagen und sagen: Alles muss bleiben, wie es ist. Nein, alles muss auf den Prüfstand gestellt werden, da haben diese Herren durchaus recht. Aber dieses populistische Schnappen nach Themen, die durchaus Erregung stiften können, die halt ich für verkehrt."

Der Wunde Punkt

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Daniel Karasek, Intendant und Regisseur am Theater und Oper Kiel

Denn wo genau gekürzt werden soll und was sich verändern müsste, das bleibt im Vagen. Dass das Buch dennoch so hohe Wellen im deutschen Kulturbetrieb geschlagen hat, zeigt aber, dass die Autoren einen empfindlichen Punkt getroffen haben. Die Debatte um Sinn und Effektivität des deutschen Kultursystems wird daher noch weitergehen, befürchtet der Generalintendant des Theaters Kiel, Daniel Karasek im Gespräch: "Ich finde das einen totalen Blödsinn, aber es richtet eine Menge an. Das werden diese Heinis schon schaffen."

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