Stand: 04.07.2017 16:59 Uhr

"Gewalt schadet dem Anliegen der Protestierenden"

Hamburg fürchtet den Ausnahmezustand, und der Mehrheit der Deutschen ist unbehaglich. Der G20-Gipfel ist ein Motor der Emotionen. Mit einer Mischung aus Schauder, Schaulust und Widerwillen werden immer neue Meldungen registriert, über aberwitzige Hotelbelegungen, Monarchenabsagen, Polizeitausendschaften, Sonderwünsche aller Art. In einer Art inneren Zwiespalts blicken Menschen, nicht nur in Hamburg, auf Gegenkräfte, die sich formieren. Dass es Gründe gibt, Nutzen und auch Zielsetzungen des Gipfels in Zweifel zu ziehen - davon sind etliche überzeugt. Dass es Anlass gibt zum Protest - auch damit gehen viele d'accord. Aber welcher Protest soll es sein? Welcher entfaltet produktiv Wirkung? Was ist legitim, was naiv, wo wird guter Wille vor einen fremden Karren gespannt? Fragen an den Sozilogen Dieter Rucht, der sich am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung viele Jahre lang mit Formen politischer Mobilisierung befasst hat.

Herr Rucht, mit welchen Erwartungen, Ahnungen, Beklemmungen blicken Sie auf den Gipfel voraus?

Bild vergrößern
Seit 2012 ist Dieter Rucht Vorstandsvorsitzender des Vereins für Protest- und Bewegungsforschung.

Dieter Rucht: Es ist wie immer ein Ratespiel, was passieren wird. Bei diesem Raten steht immer auch die Gewaltfrage im Mittelpunkt, und da ist etwas Fatales dran. Denn üblicherweise ist es so: Wenn wir andere Großereignisse der letzten 20, 30 Jahre betrachten, protestieren sehr viele Menschen mit friedlichen Mitteln. Kommt es aber in diesem Zusammenhang zu Eskalationen, zu Sachbeschädigungen oder gar Verletzungen von Personen, dann rückt das absolut in den Mittelpunkt der Berichterstattung - und alles andere wird quasi vergessen. Insbesondere die Motive, die Gründe für den Protest fallen dann hinten runter. Insofern kann man den Schluss ziehen: Gewalt in diesen Zusammenhängen ist kontraproduktiv, sie schadet dem Anliegen der Protestierenden insgesamt.

Protestformen: Von kreativ bis verboten

Fast 30 Demonstrationen sind rund um den Gipfel angemeldet. Sie tragen fantasievolle bis furchteinflößende Bezeichnungen wie "Welcome to Hell", "Lieber tanz ich als G20" oder auch "Hamburg zeigt Haltung". Das deutet schon an, wie vielfältig das Spektrum ist, vom friedlichen Protest bis zu provozierter Eskalation. Welche Formen sind denn wirkungsvoll?

Rucht: Wenn man das daran bemisst, was sich dann am Ende politisch ändert - werden die Zustände dieser Welt tatsächlich verbessert? -, dann muss man wohl sagen, dass es keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Größe und der Form des Protestes gibt und dem, was sich dann am Ende vielleicht ergibt, vielleicht erst mit großer Verspätung nach Jahren oder gar Jahrzehnten. Gleichwohl hat dieser Protest einen Nutzen, indem er bestimmte Probleme in das Licht der Öffentlichkeit rückt. Es wird öffentlich debattiert, es wird darüber gestritten - und das ist erst einmal gut so. Das ist eine gute Form von Demokratie, dass öffentliche Anliegen auch öffentlich debattiert werden.

Ist es sinnvoll einen G20-Gipfel so anzulegen, dass große Flächen Hamburgs in den Ausnahmezustand versetzt werden, weil hochsicherheitsschutzbedürftige Personen quer über die Stadt verteilt sind? Schon dazu einzuladen, dass etwa die Demonstration "Welcome to Hell" am Donnerstag auf den Tagungsort, die Messehallen sich zubewegt, die Sicherheitszone attackiert? Ist das schon angelegt in der Organisationsform?

Weitere Informationen

G20-Gipfel - Die Woche im Überblick

Am 7. und 8. Juli findet der G20-Gipfel in Hamburg statt. Wann reisen die Staatschefs an, wann kommt es zu Verkehrsbehinderungen und wo finden Demos statt? Die wichtigsten Infos. mehr

Rucht: Angelegt vielleicht nicht, schon gar nicht willentlich angelegt - das würde ich den Organisatoren des Gipfels nicht unterstellen. Aber man kann natürlich die Bedingungen so gestalten, dass sie eher Reizflächen oder Angriffspunkte bieten, oder eher weniger. Und die Wahl Hamburgs, die konkrete Ortswahl und die sonstigen Rahmenbedingungen sind dazu angetan, doch diese Angriffsflächen zunächst zu schaffen oder zu vergrößern. Insoweit muss man sich dann auch nicht wundern, wenn es neben den friedlichen Protesten auch offensivere oder gar gewalthaltige Proteste geben wird.

Gefürchtet werden insbesondere militante Aktivisten aus anderen Ländern, etwa aus Griechenland; dort wird schon offen zur Gewalt aufgerufen. Ist derlei, wenn gewaltförmiger Protest angestrebt wird, Teil einer größeren Agenda, vielleicht nach einer pseudorevolutionärer Logik, etwa dergestalt, dass der Staat, "das System", provoziert werden soll, sich selbst zu entlarven?

Rucht: Ja, das mag bei einigen eine Rolle spielen. Insgesamt finde ich es übertrieben, jetzt die große Invasion aus dem Ausland zu erwarten. Das wurde immer wieder auch in der Berichterstattung der Vergangenheit so ein bisschen ins Zentrum gerückt. Aber wenn man dann die realen Größenordnungen betrachtet, dann sind diese Kontingente aus anderen Ländern sehr klein gewesen.

Im Übrigen ist es auch aus Sicht der gewaltaffinen Reisenden unklug, in Blöcken anzureisen. Denn wenn da ein ganzer Sonderzug ankäme, dann kann der auch gut und gerne an der Grenze aufgehalten und mit langen Durchsuchungen bedacht werden, sodass die Aktivisten am Ende ihr Ziel gar nicht erreichen können.

Mit Masse will am Donnerstag eine friedliche Veranstaltung aufwarten. Das "Global Citizen Festival" will sich laut Selbstauskunft "für Freiheit und Gerechtigkeit für all diejenigen einsetzen, die es am dringendsten brauchen". Das klingt so nobel wie allgemein bis wohlfeil. Immerhin, Größen wie Herbert Grönemeyer treten auf. Ein gutes Projekt?

Rucht: Ich bin da ein bisschen skeptisch. Es ist natürlich schön, wenn sich Leute für ihre Ziele einsetzen und es auch öffentlich bekunden, aber ich habe dazu eine etwas kühle Haltung und würde es eher unter der Rubrik "Friede, Freude, Eierkuchen" abbuchen. Es sind gutgemeinte Slogans, aber es kann eigentlich nicht die intensive Auseinandersetzung mit der Problematik ersetzen.

Es fällt auf, und das stimmt ein bisschen misstrauisch, dass beispielsweise die Veranstalter hinter diesem Festival im Internet gar nicht so recht zu erkennen sind, mindestens auf dem ersten, zweiten, dritten Blick. Wird Protest vielleicht kommerzialisiert, für PR-Zwecke ausgebeutet? Man kann ja auf solche Gedanken kommen.

Rucht: Diese Gedanken sind nicht von der Hand zu weisen. Im konkreten Fall habe ich auch schon mal in diese Richtung recherchiert. Mein damaliger Eindruck war, dass hier ein kommerzielles Unternehmen, das in den USA beheimatet ist und dort auch schon Großkonzerte organisiert hat, die Thematik von Protesten und Weltverbesserungen als Label nimmt, um einfach Kasse zu machen.

Gibt es denn insgesamt eine Tendenz, dass Protest zu Ornament und Folklore des "globalen Kapitalismus" verkommt? Hat der Feind der Protestierenden seine Gegner in Wahrheit schon eingemeindet?

Rucht: Ja, die Tendenz gibt es schon länger. Die Protestsymbolik - sei es ein Che Guevara-Porträt oder das Megafon - findet sich nicht nur in Protestzusammenhängen. Wenn man "Protest" bei Google eingibt, landet man zunächst bei einigen Modefirmen, die ihre Kleidung oder ihre Accessoires mit diesem Label "Protest" versehen und damit eine zusätzliche Attraktion wittern, um noch mehr Kasse zu machen. Diese Bestreben gibt es schon seit Jahrzehnten. Man sieht an solchen Versuchen, dass es da einen Konnex gibt zwischen Vermarktungsinteressen einerseits und den zunächst mal hehren Zielen von Protestierenden andererseits.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.07.2017 | 19:00 Uhr

Übersicht

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Mehr Kultur

10:48
02:33
57:26

Jazz Special: Dizzy Gillespie

20.10.2017 22:05 Uhr
NDR Info