Stand: 24.11.2017 16:09 Uhr

"Der eingebildete Kranke" in Hamburg

von Peter Helling

Fast wäre die Premiere von Molières Komödie "Der eingebildete Kranke" am Ernst Deutsch Theater geplatzt. Regie führte Volker Lechtenbrink - er sollte auch die Hauptrolle spielen. Aber weil er erkrankte musste das Theater kurzerhand umdisponieren. Wolf-Dietrich Sprenger hat den Abend zu Ende inszeniert. Besonders groß war die Herausforderung für den Schauspieler Jonas Minthe, der auf der Bühne für Volker Lechtenbrink einsprang. In nur wenigen Tagen studierte er die Hauptrolle ein.

Bild vergrößern
Relativ kurzfristig sprang der 28-jährige Jonas Minthe (Mitte) für Volker Lechtenbrink in der Hauptrolle ein.

Während des Schlussbeifalls schwebt ein Schild auf den Bühnenboden herunter, darauf steht: "Werd' bald gesund, Volker!" Der Beifall hebt da noch mal an. Gemeint ist natürlich Volker Lechtenbrink, der das Stück inszeniert hat und auch die Hauptrolle spielen sollte. Doch es kam alles anders.

Minthe überzeugt in der Rolle des Alten

Jonas Minthe spielt Argan, den größten Hypochonder der Theatergeschichte. Der junge Schauspieler ist weiß geschminkt, seine Augenringe sind groß wie Autoreifen, seine Mundwinkel übellaunig nach unten gezogen. Eine verwahrloste alte Gestalt. Er überzeugt vom ersten Moment an.

Da sitzt er auf seinem riesigen wackligen Sessel und terrorisiert seine Familie mit seiner Wehleidigkeit, denn dieses Ekelpaket hat alle Krankheiten der Erde - vorgeblich. Er hält damit eine Brigade von Ärzten am Leben. Der wehleidige Kerl, ein Ungetüm.

Etwas zu streng inszeniert

Die Bühne ist ein heller Salon. Optisch ist die Inszenierung mit ihren Barockkostümen fast klassisch. Ein Hauch mehr Aktualität hätte gut getan. Schließlich ist unsere Gegenwart voll von Wellness-Freaks und Detox-Aposteln. Das strenge Korsett war etwas zu eng.

Trotzdem: Das Räderwerk dieser Komödie läuft wie geschmiert. Die falsche Ehefrau, die nur an das Erbe des vermeintlich kranken Gatten ran will, die Tochter, die sich weigert, eine Ehe mit einem ungeliebten Mann einzugehen. Dabei hat ihr Vater ihn sich unbedingt zum Schwiegersohn gewünscht: Denn er ist Arzt!

"Klamotte, aber lustig!"

Bild vergrößern
Barockkostüme und historisches Bühnenbild: Die Inszenierung ist eher klassisch.

Die Stimmen aus dem Publikum reichen von: "Hervorragend! Es war richtig gut, zum Ende war's richtig Molière, einfach Klamauk, ganz wunderbar!" über "Man könnte es auch mal moderner aufziehen." bis "Klamotte, aber lustig!"

Auch die Nebenfiguren überzeugen. Besonders stark ist Jessica Kosmalla als forsches Dienstmädchen. Diese Komödie wird nie seicht, sie ist urböse. Haarscharf schrammt sie an der Tragödie vorbei. Einmal sitzt Argan ganz allein auf seiner Bühne, wird von Panik gepackt: Er ist isoliert. Krankheit, auch eingebildete, macht einsam. Das ist berührend. Vor allem, weil das Ensemble - allen voran Jonas Minthe - zeigt, was Theater kann: spielwütig sein. Und füreinander einstehen, wenn einer von ihnen - hier ist es Volker Lechtenbrink - ins echte Krankenbett gezwungen ist.

"Der eingebildete Kranke" in Hamburg

In Molières "Der eingebildete Kranke" sollte Volker Lechtenbrink die Hauptrolle spielen, doch er erkrankte kurzfristig. Die Premiere in Hamburg ging trotzdem erfolgreich über die Bühne.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Ernst Deutsch Theater
Friedrich-Schütter-Platz 1
22087  Hamburg
Telefon:
(040) 22701420
E-Mail:
tickets@ernst-deutsch-theater.de
Besonderheit:
Premiere am 23.11.2017, 19:30 Uhr
Hinweis:
Der eingebildete Kranke
von Molière

Regie: Volker Lechtenbrink, Wolf-Dietrich Sprenger
Mit: Maria Hartmann, Frank Jordan, Jessica Kosmalla, Julia Liebetrau, Jonas Minthe, Anton Pleva, Katharina Pütter, Holger Umbreit, Richard Zapf
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 24.11.2017 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

03:40
58:33

Lüneburg und die "Roten Rosen"

12.12.2017 15:00 Uhr
NDR Fernsehen
03:30

Umstrittene Märtyrer-Ausstellung in Hamburg

11.12.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal