Stand: 08.03.2017 16:42 Uhr

Brauchen Frauen einen "Weltfrauentag"?

Zehn Direktoren waren in den letzten 100 Jahren für das Programm der Kestnergesellschaft verantwortlich. Seit zwei Jahren ist die Kunsthistorikerin Christina Végh die erste Frau in diesem Amt. Die 1970 in Zürich geborene Végh gehört zu den noch immer wenigen Frauen in Führungspositionen in der Kunstwelt. Zu diesem Thema hat NDR Kultur am Internationalen Frauentag mit ihr gesprochen.

Wenn Sie das hören - "eine der wenigen Frauen in Führungspositionen im Kunstbetrieb" - stimmen Sie dem überhaupt zu? Wie erklären Sie sich das Phänomen?

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Ist "situativ feministisch" - die Direktorin der Kestnergesellschaft, Christina Végh.

Christina Végh: Die Situation hat sich diesbezüglich schon sehr zum Besseren geändert. Es gibt doch viel mehr Leiterinnen von Institutionen in der Kunst. In den letzten zehn Jahren hat sich viel bewegt.

Allein in Hannover sind vier von sieben wichtigen Museen der Stadt in weiblicher Hand: die Kestnergesellschaft, das Landesmuseum, der Kunstverein und das Karikaturenmuseum "Wilhelm Busch". Auch bundesweit scheinen Frauen in die Führungsetagen der Museumshäuser vorzudringen - da ist etwas in Bewegung...

Végh: Auf jeden Fall. Die Kunst ist nicht unabhängig oder im luftleeren Raum. Sie macht einen Teil der Gesellschaft aus. Wenn man den Weltfrauentag feiert und die Frage stellt, "Braucht es den überhaupt noch?", bin ich der Ansicht: Leider ja! Die große Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist hat gesagt, sie sei situativ Feministin. Das hat mich sehr beeindruckt. Das würde ich für mich selbst auch so formulieren, sowohl als private Person, als auch als Leiterin einer Institution. Es gibt bestimmte Kontexte, in denen bin ich überhaupt nicht Feministin, da bin ich ich. Das Geschlecht ist keine Fragestellung, das erfordert ein Umfeld.

Inwiefern sind Sie als Leiterin der Kestnergesellschaft situativ Feministin?

Végh: Es ist schon etwas, worauf man achtet. Ich habe einmal eine Ausstellung mit drei Künstlerinnen konzipiert. Ich werde das nie vergessen, weil die Presse mich sofort gefragt hat: Geht es hier um etwas spezifisch Frauenpolitisches? Ich bin aus allen Wolken gefallen, weil das tatsächlich nie ein Gedanke war. Für die Presse war es ungewöhnlich. Als Institutionsleiterin agiert man danach vielleicht das eine oder andere Mal viel bewusster.

In der Malerei gibt es Rankings der dreißig wichtigsten oder etabliertesten Künstler. In einem dieser Rankings finden sich unter diesen dreißig Namen nur drei Frauen - nach Andy Warhol, Gerhard Richter, Sigmar Polke kommen Künstlerinnen wie Yayio Kosama und Marlene Dumas. Das Klischee der Frau in der Kunst war immer eher die Muse, als die kreative Schöpferin. Erleben Sie in der Kunst stärkere weibliche Stimmen?

Végh: Mit Performancekunst und konzeptionellen Ansätzen, Video, sind die Künstlerinnen seit den 70er-Jahren sehr stark da. Sie haben mit der Malerei gestartet. Das ist der steinigste Weg für Künstlerinnen bis heute. Gerade deswegen, weil die Malerei nun mal - im Gegensatz zu Performance- und Videokunst, die tatsächlich in den 70er-Jahren von vielen Künstlerinnen mitbegründet und stark forciert wurde - ein Feld ist, das historisch stark durch Männer geprägt ist. Damit verbunden sind viele Bilder der Meister, der Schöpfer. Es gibt nicht per Zufall den Begriff des Malerfürsten. Den Begriff der Malerfürstin kennen wir nicht. Wenn Künstlerinnen in dem Feld tätig werden, geht das nicht ohne die Reflexion der Historie. Wir legen in der Kestnergesellschaft einen bestimmten Schwerpunkt. Es gibt momentan viele sehr interessante Malerinnen, die aus dieser Reibung Kraft schöpfen und aus diesem Konflikt ein interessantes Werk formulieren.

In der Kestnergesellschaft geht es stark um Kunstvermittlung, etwa mit der Ladies-Night, in der Frauen durch das Haus geführt werden, wo ihnen die Werke erklärt werden. Warum braucht es so etwas?

Végh: Dieses Format existierte vor meiner Ankunft. Ich habe im ersten Moment genau so reagiert, aber es wird sehr gut angenommen. Viele Frauen mögen es, unter sich zu sein. Solange das Interesse da ist, machen wir das gerne weiter. Historisch gesehen gibt es unendlich viele Räume, in denen nur die Herren immer schon waren. Manche dieser Räume öffnen sich jetzt. Aber nun gibt es mal einen für die Frauen. Ich denke, das ist legitim.

Das Interview führte Natascha Freundel.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.03.2017 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Christina-Vegh-ueber-Weltfrauentag,journal760.html

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