Stand: 22.01.2016 09:24 Uhr

Abbruch aller Fassaden bürgerlicher Existenz

"Bella Figura" heißt das jüngste Stück der französischen Erfolgsautorin Yasmina Reza. Am Mittwochabend hatte es Premiere im St. Pauli Theater. Das Stück wurde im vergangen Jahr an der Berliner Schaubühne uraufgeführt, es war ein Auftragswerk und schon damals gab es kritische Stimmen, das Stück sei schwach und gehöre nicht zum Besten, was Yasmina Reza geschrieben hätte.

Ein romantischer Abend wird zum Desaster

Catarina Felixmüller war bei der Premiere im St. Pauli Theater dabei. Hatten die kritischen Stimmen recht?

Catarina Felixmüller: Eindeutig ja. Dabei ist die Grundkonstellation vielversprechend: Ehemann und Geliebte verlassen etwas zu zügig nach einem Streit einen Restaurant-Parkplatz mit dem Auto und fahren eine alte Dame an. Der passiert glücklicherweise nichts, wohl aber hat der Ehemann hat plötzlich ein echtes Problem: Das Päarchen, das die alte Dame begleitet, besteht aus der Freundin der Ehefrau des untreuen Gatten und wiederum ihrem, wenn auch offiziellen Lover. Kurz: Das geheime Verhältnis droht aufzufliegen. Soweit so gut, aber was danach passiert, ist zu wenig. Wohl machen beide Paare immer wieder den Versuch zu gehen, schließlich fühlt sich niemand so recht wohl in dieser Situation. Bis auf die alte Dame, die hat großes Vergnügen daran. Schließlich hat sie Geburtstag und gedenkt, den auch zu feiern. Und so bleibt man aufeinander hängen.

Und was passiert nun in den 90 Minuten, die dieses Stück dauert?

Felixmüller: Der Abbruch aller Fassaden bürgerlicher Existenz. Dabei ist - glaube ich - ein Problem, dass Yasmina Reza nur an zwei Figuren wirklich Interesse hat. An der alten Frau, die das Leben hinter sich hat, und damit alle Liebschaften - der nichts mehr unangenehm sein muss, und diese nach Kräften auskostet. Im Übrigen hinreißend gespielt von Angela Schmid, sie genießt die Rolle der lästigen, durchgeknallten Alten. Interesse bemerkt man auch an der Rolle der Geliebten, die nicht mehr ganz so jung ist wie ihre Klamotten. Judith Rosmair schafft es, das Bedürfnis nach Beständigkeit und Zweisamkeit in einer Mischung aus Aggression und Melancholie zu vereinen. Nur die Figur des Ehemanns, gespielt von Stefan Schad, ist eher tumb und wenig verführerisch, er interessiert Yasmina Reza kaum bis gar nicht - das gilt auch für das seit vier Jahren bestehende Verhältnis, dabei kann es sich eigentlich nur um eine Notgemeinschaft handeln. Den Männern im Publikum kam das sehr bekannt vor - und nicht nur denen.

Auch Boris Alijinovic, er spielt großartig einen überdrehten Macho, kommt einem verdammt bekannt vor. Ein Auto möchte man von ihm kaufen, aber letztlich ist auch seine Figur uninteressant, und so plätschert das Geschehen dahin.

Dennoch gab ja es viel Beifall vom Publikum.

Felixmüller: Klar, Yasmina Reza kann präzise beobachten, viele ihrer Dialoge sitzen, auch wenn sie hier eher aneinander gereiht wirken und keine zwingende Dynamik entsteht. Das ja an sich sehr gute Ensemble kämpft, und deshalb geht der Abend so in Ordnung. Ich bin mir darüber hinaus sicher, dass es noch ein paar Vorstellungen braucht, bis auch diese Inszenierung von Hausherr Ullrich Waller richtig funktioniert - wirklich gerettet allerdings ist das Stück auch dann nicht.

Abbruch aller Fassaden bürgerlicher Existenz

"Bella Figura" von der Erfolgsautorin Yasmina Reza läuft derzeit im St. Pauli Theater. Trotz großartiger Leistungen der Schauspieler: Das Stück gehört nicht zu den besten Werken Rezas.

Datum:
Ort:
St. Pauli Theater
Spielbudenplatz 29 - 30
20359   Hamburg
Telefon:
Tickets: 040 / 47 11 06 66
Preis:
47,40 bis 17,17 Euro
Hinweis:
Tickets gibt es Montag bis Samstag 10.00 bis 19.00 Uhr,
Sonntag von 14.00 bis 19.00 Uhr an der Kasse, Spielbudenplatz 29 - 30
oder an allen bekannten Kartenvorverkaufsstellen
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 22.01.2016 | 19:00 Uhr

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