Stand: 07.12.2017 17:30 Uhr

"Daphnis": Multimediales Ballett über Liebe

von Agnes Bührig

Es gilt als eines der bedeutendsten Werke des Impressionismus und ist in den Konzertsälen der Welt zu Hause, dabei wurde es ursprünglich dereinst fürs Ballett komponiert: Maurice Ravels "Daphnis und Chloé", eine choreographische Sinfonie für großes Orchester, Chor und Tänzer. Für den Ballettchef der Staatsoper Hannover, Jörg Mannes, Grund genug, den Stoff um das Liebespaar auf die Bühne zu bringen, in heutiger Lesart und unter Einsatz von eigens von ihm aufgenommenen Videos. Ein Besuch bei den Proben.

Videoaufnahmen im großen Ballettsaal des Opernhauses. Vor einer grünen Leinwand tanzen ein Mann und eine Frau umeinander, aufeinander zu, begegnen sich. Davor steht Choreograph Jörg Mannes mit der Videokamera und fängt das Geschehen ein: mal in der Totalen, in Bewegung, mal im Detail, die Bewegung fast eingefroren.

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Tänzerin Giada Zanotti arbeitet für die Videoaufnahmen jedes Körperdetail heraus.

Gerade hat er die Tänzerin Giada Zanotti aufgefordert, ihre Halsmuskeln anzuspannen. Konzentriert lässt sie Muskeln und Sehnen am Hals spielen und erklärt: "Jetzt hat er diesen Teil meines Körpers aufgenommen, aber wenn man das später in der Projektion sieht, wird man nicht mehr wahrnehmen, dass es ein Körperteil ist, du siehst vielleicht nur noch etwas in Bewegung."

Körperlandschaften als Teil des Bühnenbilds

Am Computer verwandelt Jörg Mannes die Videobilder in graphische Muster. Mehrere Tänzer in einer Reihe, dem Betrachter den Rücken zugekehrt, werden so zu organischen Formen verfremdet, die sich überschneiden und überlagern. Auf der Bühne bilden sie den Hintergrund einer Landschaft mit antiken Säulen, dem Auslöser für diese Art der Videobearbeitung, sagt Jörg Mannes, Ballettchef der Staatsoper Hannover und Choreograph der Aufführung: "Es kam mit dem Bühnenbild, dem Bühnenbildentwurf, der diese Durchblicke hat und wo wir gesagt haben: Das ist eigentlich dann der Blick auf die Natur. Und irgendwann hat sich das entwickelt: Die Natur, das ist eigentlich auch der Körper, dann ist es auch ein Blick auf den Körper. Was wäre, wenn wir die Natur wirklich durch den Körper darstellen?"

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Ballettchef Jörg Mannes inszeniert Ravels choreographische Sinfonie multimedial.

Körperlandschaften als Hintergrund für die Liebesgeschichte aus der Spätantike um den Hirten Daphnis und die zarte Chloé. Im ursprünglichen Roman des griechischen Schriftstellers Longos wachsen sie als Hirtenkinder auf, werden getrennt und finden erneut zueinander. Doch Jörg Mannes macht kein Handlungsballett daraus. Vielmehr erforscht er, wie sich das Thema Liebe mithilfe der Videotechnik in eine gegenwärtige Bewegungssprache übersetzen lässt: "Ich merke das schon: Die Tänzer, mit denen wir auch diese Aufnahmen gemacht haben, haben jetzt einen anderen Blick auf Details, auch in der Choreographie: Was macht wirklich mein Muskel da? Das kommt automatisch, weil man natürlich auch immer anders denkt: Tanzen ist nicht nur Bewegung, sondern wie denke ich Bewegung und wie denke ich über etwas nach."

Liebe in all ihren Facetten

"Daphnis - Lost Love" ist nicht nur die Geschichte zweier Liebender, die zueinander finden, sondern vor allem Tanz, der die verschiedenen Vorstellungen von Liebe thematisiert: von der spielerischen Phantasie bis zur handfesten Realität. Das markiert Jörg Mannes auch musikalisch, indem er Ravels impressionistisches Werk mit der gegenwärtigen Musik von Philip Glass' 8. Sinfonie kontrastiert und abwartet, was sich daraus entwickelt: "Das ist etwas, was mich auch immer fasziniert: Wie sich etwas entwickelt, wie etwas geplant wird und dann etwas ganz anderes daraus entsteht. Und das ist bei dem Stück eigentlich auch entstanden, bei 'Daphnis'. Es war ganz anders gedacht, es war auch ein anderes Libretto gedacht, und der Ravel hat dann in seiner Komposition sich überhaupt nicht daran gehalten und hat dann etwas anderes daraus gemacht. Und daraus ist dann auch ein sehr interessantes Musik- und Choreographiestück entstanden."

Ein Konzept, das hoffentlich auch bei "Daphnis - Lost Love" aufgehen wird. Uraufführung ist am 9. Dezember an der Staatsoper Hannover.

"Daphnis": Multimediales Ballett über Liebe

Die Staatsoper Hannover zeigt Maurice Ravels "Daphnis und Chloé" in heutiger Lesart und unter Einsatz von eigens aufgenommenen Videos. Ein Besuch bei den Proben.

Datum:
Ort:
Staatsoper Hannover
Opernplatz 1
30159  Hannover
Preis:
ab 24,00 Euro
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 07.12.2017 | 16:20 Uhr

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