Stand: 16.03.2016 19:42 Uhr

"Mütter brauchen Selbstbestimmung"

"Regretting motherhood" - die Mutter, die eigentlich keine sein will. Die israelische Soziologin Orna Donath traute sich offen auszusprechen, was doch mehr denken, als vielleicht vermutet. Sie hat darüber geschrieben und damit eine Debatte ausgelöst, die inzwischen auch die deutschen Feuilletons auf Trab hält.

Die Schriftstellerin Alina Bronsky hat zusammen mit Denise Wilk das Buch "Die Abschaffung der Mutter. Kontrolliert, manipuliert und abkassiert - warum es nicht so weitergehen darf" geschrieben.

NDR Kultur: Frau Bronsky, ich nehme Ihren Appell gleich auf: Warum darf es nicht so weitergehen?

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Alina Bronsky fordert: "Lasst uns versuchen, den Frauen die Selbstbestimmung zurückzugeben."

Alina Bronsky: Wir haben uns in unserem Buch mit ganz unterschiedlichen Themen rund um die Mutterschaft auseinandergesetzt - deswegen ist es schwer, das in wenigen Sätzen zusammenzufassen. Wir haben zehn Teilbereiche: von Reproduktionsmedizin über Schwangerschaftsvorsorge bis hin zu Berufstätigkeit. Und bei diesen unterschiedlichen Themen haben wir einen gemeinsamen Nenner festgestellt: Dass es Müttern auf eine übereinstimmende Art schwerer gemacht wird als zuvor, Mutter zu sein; dass Frauen nahezu systematisch entmündigt, auch entmutigt werden; dass sie so behandelt werden, als wären sie per se inkompetent, als müsste man sie wie Kleinkinder an die Hand nehmen, als müsste man ihnen Sachen vorschreiben. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Mutterschaft.

Sie selbst bezeichnen sich als "schreibende Hausfrau". Das klingt zurückhaltend, denn Ihre Bücher stehen auf Bestsellerlisten. Eine komfortable Situation. Wie organisieren Sie Ihre Berufstätigkeit?

Bronsky: Ich muss zu dieser Selbstbezeichnung etwas sagen: Ich hatte diesen Satz vor einigen Jahren in einem Interview ein einziges Mal gesagt. In dieser Zeit war ich allein mit meinen drei Kindern, kümmerte mich hauptsächlich um sie und mochte diese Provokation, mich im Interview so zu bezeichnen. Man tut so, als würde man mich jetzt entlarven, indem man sagt: Die Frau ist doch gar keine Hausfrau - sie schreibt Bücher, sie arbeitet doch. Das stimmt, das tue ich, und ich bin in einer privilegierten Situation, es mir vergleichsweise selbstbestimmt einteilen zu können. Mein jüngstes Kind ist zweieinhalb, es ist noch zu Hause; die anderen gehen zur Schule.

In unserem Buch geht es nicht um Frauen, die das Glück haben, bestimmte Formen von Freiberuflichkeit auszuüben - sondern um diejenigen, die ein ganz normales Angestelltendasein führen. Wir hätten gerne, dass auch andere Frauen die Möglichkeit haben, bestimmte Dinge selbst einteilen zu können oder Entscheidungen zu treffen: Wann gebe ich z.B. mein Kind in die Kita? Vielleicht möchte ich das gar nicht mit zwölf Monaten, so wie das in manchen Städten als neue Norm propagiert wird.

Frauen nehmen vieles dafür in Kauf, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Nicht zuletzt eine emotionale Zerrissenheit, die Sie ja auch thematisieren. Sie sprechen von einer "Norm", die vorgibt: Eine Mutter muss zurück an den Arbeitsplatz. Sie plädieren dafür, auch die emotionale Befindlichkeit in den Blick zu nehmen. Die Sehnsucht nach Entschleunigung. Ist das nicht eine sehr bequeme Rückzugsmöglichkeit ins Private?

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Bronsky: Unsere Thesen werden so zusammengefasst, als würden wir sagen: Frauen sollen nicht arbeiten; als würden wir Zeiträume vorgeben, in welchen es z.B. okay wäre, wann Mütter wieder arbeiten. Das ist totaler Quatsch. Das einzige, was wir sagen: Lasst uns versuchen, den Frauen diesen Teil der Selbstbestimmung zu geben bzw. zurückzugeben, sodass sie selbst bestimmen können, z.B. für die kleinsten Kinder vielleicht ein bisschen länger zu Hause da zu sein. Wir reden gar nicht über Zeiträume von fünf oder zehn Jahren, sondern davon dass sich Mütter bereits in den ersten zwei Lebensjahren ihrer Kinder unter großem Druck fühlen, es aber als zu früh empfinden. Es geht nicht darum zu sagen: Frauen sollen weg aus dem Berufsleben - das wäre totaler Quatsch, der mit unserer Lebenswirklichkeit nichts zu tun hat.

Sie sind Jahrgang 1978. Frauen, die älter sind, haben hart kämpfen müssen für den Jetzt-Zustand der Frauenemanzipation. Wenn Sie in Ihrem Buch sagen, so dürfe es nicht weitergehen, klingt das ganz schön konservativ. Wollen Sie zurück zum Modell "Heimchen am Herd" - auch wenn Sie jetzt gesagt haben, Sie meinen nur die ersten zwei Jahre?

Bronsky: Wir reden nicht nur über die ersten zwei Jahre - da ist wieder die Einschränkung. Wir reden davon, dass Frauen ein bisschen mehr wieder die Selbstbestimmung haben sollten zu sagen: Was ist uns wichtig, wie setzen wir die Prioritäten, wann gehen wir wieder zurück in den Beruf und in welchem Ausmaß? Zurück zum "Heimchen am Herd" - das klingt so, als wäre die Fürsorge für die kleinsten Kinder automatisch gleichgesetzt mit dem Schwerpunkt im Haushalt. Es geht um die Freiheit zu sagen: Es gibt Jahre, da ist mir die Erziehung meiner Kinder wichtig.

In der Tat wurden damals Frauen unterdrückt (und werden es immer noch) und hatten keine Gelegenheit zu arbeiten. Und dass es diese Gelegenheit jetzt gibt und deswegen die jungen Mütter, zu denen ich mich auch zähle, unbedingt dieses Versprechen einlösen müssen und nicht mehr eigene Entscheidungen treffen können - das gefällt vielen Frauen meiner Generation zurecht überhaupt nicht. Mütter meiner Generation sagen: Mein Problem, dass ich gerne bei meinem Kind etwas länger wäre, als es die Norm vorgibt, wird überhaupt nicht durch diesen geschichtlichen Rückblick gelöst. Das ist eine sehr erpresserische Art zu verhandeln, zu sagen: Wir haben damals gekämpft, deswegen sollt ihr heute, im Jahr 2016, eure Entscheidungen nicht mehr treffen können. Das ist so, als würde ein früheres Herrschaftssystem durch ein neues ersetzt, unter dem Deckmäntelchen der neuen Freiheit.

Viele Frauen können sich den Rückzug aus der Arbeitswelt nicht leisten, weil sie mitarbeiten müssen, um die Familie zu ernähren. Was sagen Sie diesen Frauen?

Bronsky: Das ist ja genau unser Thema: Wir können Frauen überhaupt nichts sagen. Wir haben auch nicht vor, ihnen etwas zu diktieren. Wir bedauern es, wenn Mütter aus purer Existenznot früher und für längere Zeit, als sie eigentlich möchten, in ihren Beruf zurückkehren müssen. Wir finden, dass in der Politik ein finanzieller Ausgleich für Mütter geschaffen werden muss, der es ihnen möglich macht, ihre Kinder zu erziehen, ohne diesen Rückzug zu einem Luxusgut zu machen. Wir sind der Meinung, dass jede Mutter einen Anspruch darauf haben muss, diese Entscheidung zu treffen und zu Hause bleiben zu können, solange ihr Kind noch sehr klein ist.

Kommen wir zu den Vätern: Auch hier wurde jahrzehntelang daran gearbeitet, dass Männer stärker in die Kindererziehung eingespannt werden. Warum konzentrieren Sie sich in ihrem Buch auf die Mutterrolle und lassen die Väter aus ihrer Pflicht?

Bronsky: Wir haben nun mal ein Buch über Mütter geschrieben. Wir haben eine konsequent weibliche Perspektive eingenommen - das war eine Entscheidung, die man uns vorwerfen kann. Es stimmt natürlich, dass das Thema Väter und Erziehung so groß ist, das darüber eigene Bücher geschrieben worden sind und sicherlich auch weitere geschrieben werden. Das war in dem Fall einfach nicht unser Schwerpunkt.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.03.2016 | 19:00 Uhr