Stand: 22.08.2017 16:44 Uhr

Mit Kunst die Welt verbessern

Marina Abramović ist ein internationaler Star, dessen Publikum weit über den Kreis von Kunst-Insidern hinausreicht. Ihre Performances schwanken zwischen symbolträchtigen Spektakeln und Selbstfindung. An ihren Werdegang erinnert sich Marina Abramović in ihrer Autobiografie "Durch Mauern gehen".

Marina Abramović und ihre Arbeiten

NDR Kultur: Sie haben Ihre Autobiografie "Durch Mauern gehen" Ihren Freunden und Feinden gewidmet. Wer sind Ihre Feinde?

Marina Abramović: Das ist eine interessante Frage. Es wechselt nämlich ständig. Bei den meisten meiner Feinde handelt es sich um Leute, denen ich nur aus verzerrten Darstellungen in den Medien bekannt bin. Sobald sie eine meiner Performances besuchen oder mich persönlich kennenlernen, verwandeln sie sich in gute Freunde. Meine guten Freunde wiederum werden daraufhin eifersüchtig und verwandeln sich in Feinde - statt dass sie sich mit mir darüber freuen, dass ich mit 70 immer noch in meinen Performances auftrete. Das stimmt mich wirklich traurig. Aber ich nehme an, so ist das Leben.

Betrachten Sie Ihre Arbeit als Mittel, Ihre Ängste zu überwinden?

Abramović: Meine Kindheit war voller Ängste. Meine größte Angst bestand darin zu verbluten. Ich litt an einer Blutkrankheit, die mich bei der kleinsten Verletzung endlos bluten ließ. Als mir einer meiner Milchzähne gezogen wurde, musste ich drei Monate lang im Sitzen schlafen, weil ich sonst am Blut in meinem Hals erstickt wäre. Deshalb schnitt ich als erstes meinen Körper auf, als ich mit meinen Performances begann. Damals nannte man das "Körperkunst", weil der Körper, nicht Farbe und Leinwand als Material diente. Ich wollte sehen, was dieser Körper verbarg und ihn bluten lassen, um meine größte Angst zu bezwingen.

Sie begaben sich wiederholt in Lebensgefahr. In einer Performance 1974 ließen Sie sich sechs Stunden lang vom Publikum mit 72 Gegenständen traktieren, darunter Nadeln, Messer und eine Pistole mit einer Kugel.

Buchtipp

Durch Mauern gehen
von Marina Abramović
Luchterhand Literaturverlag, 2016
Seiten: 480
ISBN: 978-3630875002
Preis: 28,00 Euro

Abramović: Das Motiv für diese Performance war ein ganz bestimmtes. Damals hielt man nämlich nicht nur meine, sondern auch die Performances von anderen Künstlern für masochistische oder exhibitionistische Vorstellungen. Ich hatte genug von diesen vulgären Interpretationen. Mich ärgerte, dass die Leute die verschiedenen Bedeutungsebenen nicht erkannten. Deshalb drehte ich den Spieß um: Was, wenn ich gar nichts tue, wenn ich passiv bin und stattdessen das Publikum agieren lasse? Und siehe da: Nun führten die Leute selber aus, wofür sie mich zuvor kritisiert hatten. Es war sehr gefährlich, weil ich ja nichts kontrollieren konnte. Aber das Risiko hat sich gelohnt: Ich habe damit gezeigt, dass das Publikum durchaus in der Lage ist, mich zu töten. Ich selber werde mich jedoch nie umbringen.

Wie genießen Sie das Leben?

Abramović: Ich liebe das Essen, die Natur, ich liebe es, Fremdes zu erkunden. In dieser neuen Periode meines Lebens werde ich wieder zu meiner kindlichen Neugier zurückkehren. Und zu meinem Humor. Ich habe viel Humor. Leute, die mich nicht kennen, sind davon immer überrascht. Ich sollte wirklich Clown werden oder Stand-up-Komikerin. Ich werde mich zuallererst natürlich über mich selber lustig machen und dann über die Welt, in der wir leben, über diese riesige Soap Opera, ganz besonders jetzt.

Glauben Sie nicht, dass Ihr Publikum inzwischen vor allem von Ihrer Berühmtheit und weniger von Ihren Performances angezogen wird?

Abramović: Ich bin tatsächlich zu einem Hindernis für meine eigene Kunst geworden, weil ich zu einer Berühmtheit geworden bin. Aber ich habe das Berühmtsein nicht gesucht. Das Publikum und die Medien haben mich zum Star gemacht und jetzt kritisieren sie mich dafür. Das ist doch paradox! Die Leute sind derart auf meine Person fixiert, dass sie die Erfahrung, die ich ihnen ermögliche, gar nicht mehr wahrnehmen. Stattessen wollen sie Selfies mit mir oder Autogramme oder sonst etwas. Damit zerstöre ich meine eigene Arbeit! Also muss ich ein System kreieren, in dem ich mehr und mehr in den Hintergrund trete, damit das Publikum nicht durch meine Anwesenheit abgelenkt wird und es wieder zu seiner eigenen Erfahrung findet.

Sind Sie religiös?

Abramović: Nein, ich mag Religion nicht, weil Religion mit Macht und Politik zu tun hat. Ich glaube, dass Spiritualität Teil von jedermanns Leben ist. Nur nimmt sie keine zentrale Rolle mehr ein. Für mich war sie immer wichtig, schon als mit meiner Großmutter am Küchentisch Träume deutete. Es gibt so viele Dinge, die wichtiger sind als Geld und weltlicher Besitz. Dinge, Güter interessieren mich nicht. Das Einzige, was man hinterlassen kann, ist eine gute Idee. Und wenn die Idee sehr gut ist, dann kann sie viele Leben weiter leben und sie mit ihr. Ich war immer an dieser Idee interessiert. Sie ist es, auf die ich mich konzentriere.

Sie haben einmal gesagt, Sie seien nur an einer Kunst interessiert, die die Ideologie einer Gesellschaft verändere. Kunst, die sich allein ästhetischen Werten verpflichte, sei unvollständig. Wollen Sie mit Ihrer Kunst die Welt verbessern?

Abramović: Das ist wirklich mein Ziel. Wir sprechen über immaterielle Kunst, über Erfahrungen, die man nicht wie ein Bild an die Wand hängen kann. Wir müssen uns selber verändern, wenn wir die Welt verändern wollen. Schauen Sie sich doch um: Unsere Politiker sind korrupte, sexbesessene, vulgäre Lügner. Worauf warten wir? Auf einen zweiten Gandhi, der von Frieden spricht? Ich weiß nicht, ob ich auch nur drei Leute dazu bringen kann, sich selber und dann ihre Umgebung zu verändern. Aber drei wären schon viel besser als niemand und es ist mehr, als bloß das System zu kritisieren.

Das Interview führte Sacha Verna.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Das Gespräch | 22.08.2017 | 23:30 Uhr

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