Stand: 21.11.2015 16:32 Uhr

"Xavier Naidoo wäre bereit gewesen anzutreten"

von Sofie Donges

Xavier Naidoo wird im kommenden Jahr nun doch nicht für Deutschland beim Eurovision Song Contest (ESC) in Stockholm auf der Bühne stehen. Warum der NDR seinen entsprechenden Vorschlag am Sonnabend zurückzog, erklärt Thomas Schreiber, ARD-Unterhaltungskoordinator und Leiter des Programmbereichs Fiktion und Unterhaltung im NDR, im Gespräch mit N-JOY.

Wie kam es zu dieser Entscheidung?

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"Wir wollten Xavier Naidoo aus der Schusslinie ziehen", sagt ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber.

Thomas Schreiber: Wir wussten, dass Xavier Naidoo polarisiert. Wir sind aber überrascht worden von der Heftigkeit der Reaktionen und möchten ihn jetzt einerseits zum Schutz von Xavier Naidoo, anderseits zum Schutz des Eurovision Song Contest aus der Schusslinie ziehen. Die Diskussionen, die es jetzt hier in Deutschland gegeben hat, die teilweise schon ins Ausland übergeschwappt sind, die hätten im nächsten halben Jahr nicht aufgehört, die wären weitergegangen, und das hätte alles andere überlagert und überlastet. Deswegen haben wir an dieser Stelle gesagt, dass wir die Nominierung von Xavier Naidoo zurückziehen.

Wer hat das denn am Ende entschieden?

Das haben wir hier im Norddeutschen Rundfunk gemeinsam entschieden.

Kann man sagen, dass der Druck von außen zu groß war?

Lassen Sie es mich so sagen: Es hat eine Form der emotionalen Ablehnung gegeben, bei der es sehr schwierig war, Fakten zu kommunizieren. Aus meiner festen Überzeugung heraus - und ich habe mich mit diesen Themen lange vorher intensiv beschäftigt - ist Xavier Naidoo weder ein Rassist noch homophob beispielsweise. Und es gibt genügend Schwule, die das sagen. Aber Sie kommen mit dieser Nachricht nicht mehr durch. Die Nachricht, dass im Ausland darüber berichtet wird, dass ein Sänger für Deutschland antritt, der antisemitisch sei - auch wenn er es nicht ist - das können Sie nicht mehr umdrehen. Und das hätte bis zu Xaviers Auftritt in Stockholm die gesamte Berichterstattung überlagert. Unser ursprünglicher Gedanke war ja ein anderer: Xavier sollte ja auf der Bühne stehen und für ein weltoffenes, tolerantes Deutschland sprechen. Es war ja nicht der Grund, warum er angetreten ist, aber es war ja ein schöner Nebeneffekt, dass mit Xavier Naidoo ein dunkelhäutiger Sänger für dieses tolerante Land auf der Bühne gestanden hätte, der von seinem Äußeren her nicht dem Klischee des blonden Deutschen entspricht, der aber von vielen Millionen Deutschen geliebt wird. Aber bei dieser Diskussion wird das Land sich nicht hinter ihm vereinen. Das ist ein Kampf, den man nicht gewinnen kann.

War das ein Stück weit absehbar? Zum Beispiel ging ja unter anderem sein Auftritt bei den sogenannten Reichsbürgern schon durch die Medien.

Ich habe ja gesagt, dass Xavier polarisiert, war uns klar. Die Intensität, die Heftigkeit, teilweise auch der Hass der Reaktionen, der hat uns in diesem Ausmaß überrascht.

Wie hat Xavier Naidoo denn auf die Absage reagiert?

Ich habe heute mit ihm nicht sprechen können, ich kann darüber nur spekulieren, was ich nicht möchte. Ich kann nur sagen, Xavier Naidoo hat bis zuletzt an seinem Entschluss, an unserer Vereinbarung, dass er antritt, festgehalten. Er wäre bereit gewesen anzutreten.

Wie wird ihm das jetzt schaden?

Das ist eine Frage, die ich jetzt noch nicht beantworten kann. Ich bin aber sicher, dass zum Beispiel viele Musiker, viele Freunde von Xavier Naidoo sich auch öffentlich hinter ihn stellen werden. Xavier Naidoo wird nicht alleine gelassen werden - das ist meine feste Überzeugung.

Wie wird es mit dem ESC weitergehen?

Das werde ich Ihnen dann sagen, wenn das Ergebnis feststeht. Aber natürlich habe ich schon erste Gespräche dazu geführt.

Das Interview führte Sofie Donges, N-JOY

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