Stand: 02.11.2016 20:45 Uhr

Das Betriebsklima aufhellen: Feelgood-Manager

von Ann-Kristin Mennen

Wenn Sina Heidemann in den langen Fluren der Steuerkanzlei Bittrich & Bittrich unterwegs ist, dann ist ihr Blick grundsätzlich auf eines gerichtet: die anderen Mitarbeiter. "Meine Sinne müssen gut funktionieren, damit ich alles mitbekomme", sagt die 30-Jährige. Heidemann ist eine sogenannte Feelgood-Managerin. Sie sorgt dafür, dass sich die Kollegen in dem Familienunternehmen wohl fühlen, dass die Arbeitsbedingungen gut sind, Probleme offen kommuniziert und so schnell wie möglich gelöst werden. "Ich möchte, dass wir hier eine Unternehmenskultur leben, in der die Menschen gerne arbeiten", sagt Heidemann.

Zwei Frauen entspannen sich in zwei Massagesesseln. © NDR Fotograf: Ann-Kristin Mennen

Glücklich und entspannt am Arbeitsplatz

Hallo Niedersachsen -

Playstation, Massage, gesundes Essen: Feelgood-Manager sorgen für das Wohlergehen am Arbeitsplatz. Davon profitieren Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen.

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Feelgood-Manager als Schnittstelle

Die gelernte Kanzlei-Managerin hat eine Zusatzausbildung in Feelgood-Management gemacht und übernimmt neben ihren organisatorischen Aufgaben im Unternehmen seither das Wohlfühl-Management. Sie ist Gesundheitsmanagerin, Konfliktberaterin und Kommunikationstrainerin in einem. Vor allem aber ist Heidemann die zentrale Schnittstelle zwischen Chefetage und Mitarbeitern. "Alle Ideen, Kritik oder Änderungswünsche, die Mitarbeiter an mich herantragen, bespreche ich mit der Geschäftsführung." Dass Konflikte schnell gelöst und neue Ideen umgesetzt werden, liegt auch im Interesse von Kanzlei-Chef Holger Bittrich. Dahinter stecken klare ökonomische Interessen, sagt er: "Nur motivierte, zufriedene Mitarbeiter sind auch leistungsfähig." Vor vier Jahren beschloss Bittrich, das Feelgood-Management in seiner Firma einzuführen. Anlass dafür war der immer stärker spürbare Fachkräftemangel in der Branche. "Da war für mich klar: Wer gute Mitarbeiter haben will, muss ihnen auch etwas bieten."

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Das gute Gefühl am Arbeitsplatz?

Bei der Steuerkanzlei Bittrich & Bittrich in Lüneburg soll eine Feelgood-Managerin für das Wohlbefinden der Mitarbeiter sorgen und so deren Leistungen fördern. Bildergalerie

Anonyme Fragebogen zu Arbeitsbedingungen

Seither hat Sina Heidemann schon viele Veränderungen umgesetzt. "Das fing damit an, dass wir irgendwann beschlossen haben, alle Büros mit Tageslichtlampen auszustatten." Ein anderer Wunsch von Mitarbeitern war ein gemeinsames Obst- und Müsli-Frühstück, das mittlerweile einmal im Monat von jeweils anderen Mitarbeitern für das gesamte Team vorbereitet wird. "Das ist ein toller Start in den Tag, bei dem man gleich mit anderen Mitarbeitern ins Gespräch kommt", findet die Auszubildende Hanne Stein. Eingeführt hat Heidemann auch eine bewusstere Pausenkultur. "Früher wurde oft am Schreibtisch und nebenbei gegessen", sagt sie. Heute gibt es in der Kanzlei mehrere Räume, die ausschließlich dazu dienen sollen, abzuschalten. Aktuell arbeitet Heidemann außerdem an einem Fragebogen, bei dem die Mitarbeiter anonym zu ihren Arbeitsbedingungen und ihrem Wohlbefinden befragt werden. "Wir sind auf dem richtigen Weg, aber es gibt noch vieles zu verbessern", ist sich Heidemann sicher. Während anfangs viele Mitarbeiter skeptisch waren, sehen sie heute die Veränderungen positiv. "Ich bin seit 15 Jahren hier und die Arbeitsbedingungen haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert", sagt Marco Gleim, Teamleiter in der Bilanzbuchhaltung.

Rund 300 Feelgood-Manager in Deutschland

Dass immer mehr Arbeitgeber den Faktor Mensch als Wert erkennen und in den Mittelpunkt stellen, beobachtet auch Monika Kraus-Wildegger. Die Gründerin der Hamburger Firma Goodplace schult Unternehmen und Mitarbeiter im Feelgood-Management. Bundesweit gibt es verschiedene Anbieter für die Ausbildung, geschützt ist der Titel des Feelgood-Managers bisher nicht. "Daher gibt es hier zum Teil große Qualitätsunterschiede", sagt Kraus-Wildegger. Insgesamt, schätzt sie, arbeiten derzeit rund 300 Feelgood-Manager deutschlandweit, "Tendenz stark steigend". Denn die Erkenntnis, dass Mitarbeiter wertvoll seien, komme zunehmend auch in Chefetagen an.   

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Eher skeptisch beobachtet Jürgen Deller, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Leuphana Universität in Lüneburg, diese Entwicklung. Grundsätzlich sei es zwar immer begrüßenswert, wenn sich Arbeitsbedingungen verbesserten. Deller sieht hier aber vor allem die Führungsebene in der Pflicht: "Eine respektvolle Arbeitskultur zu schaffen, ist eigentlich ein Zeichen guter Führung, dafür braucht es nicht extra einen Feelgood-Manager." Der Wirtschaftspsychologe hält es außerdem für problematisch, wenn gute Arbeitsbedingungen vorrangig das Ziel haben, die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zu erhöhen. "Dann wird Feelgood-Management schnell Mittel zum Zweck und Mitarbeiter fühlen sich ausgebootet. Das geht dann schnell nach hinten los."

Eine Erfahrung, die Holger Bittrich so nicht gemacht hat. Der Kanzlei-Chef kann schon jetzt erste Erfolge des Feelgood-Managements verbuchen. So seien Kündigungen sowie die Zahl der Krankheitstage in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Vor allem aber habe sich das gute Arbeitsklima bereits herum gesprochen: "Wir haben dieses Jahr bereits 150 Bewerbungen bekommen, ich kenne Kollegen, da lag nicht eine einzige Bewerbung auf dem Tisch."

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Hallo Niedersachsen | 02.11.2016 | 19:30 Uhr