Stand: 11.10.2015 09:45 Uhr  | Archiv

Werder und das Wunder von der Weser

von Andreas Bellinger, NDR.de

Magische Momente. In Bremen ereignete sich ein solcher 1988, als Werder wie aufgedreht den BFC Dynamo im Europacup der Landesmeister aus dem Wettbewerb beförderte. Das "Wunder von der Weser" ist Geschichte. Doch die Geschichte eines absurden "Klassenkampfes", der von der Stasi beäugt und mit allerlei Tricks garniert war, hat nichts von ihrem Zauber verloren. Mit einem 0:3 beim Meister aus der DDR  begann sie - und endete mit einem 5:0-Triumph der Grün-Weißen.

Was an diesem herbstlichen Dienstagabend in Bremen geschah, konnte im Tollhaus Weserstadion niemand wirklich erklären. Auch Otto Rehhagel nicht, der in der Hansestadt vom Feuerwehrmann zum Meistertrainer gereift und eigentlich für treffliche Analysen bekannt war. Nun aber, an diesem wundersamen 11. Oktober 1988, wusste auch er nicht mehr weiter und bediente sich rhetorisch beim Schlager: "Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen können sie geschehen", zitierte er aus Katja Ebsteins Hit und ergänzte, noch immer freudig erregt: "Heute war so ein Tag." Draußen wollten die Fans nicht lassen vom Feiern und Jubeln über die 5:0-Packung, mit der Werder die 0:3-Schmach aus dem Hinspiel beim BFC Dynamo getilgt und die zweite Runde im Europacup der Landesmeister erreicht hatte. "Es war wie im Rausch", sagt Norbert Meier, der Vergleichbares weder als Spieler noch später als Trainer erleben durfte.

Ehrenmitglied Willy Brandt sauer über Hinspiel-Pleite

"So ein Spiel haben wir nie wieder gemacht - und so ein Spiel wird auch nie wieder jemand machen", ist Günter Hermann überzeugt. Mit seinem 2:0 kurz nach der Pause hatte der Nationalspieler im deutsch-deutschen Duell die Weichen gestellt für ein schier märchenhaftes Spektakel. "Ich habe noch nie eine Mannschaft erlebt, die so die Hosen voll hatte", erinnert sich Hermann im Gespräch mit dem NDR Sportclub. Das "Wunder von der Weser" nahm seinen Lauf. Dass eine solche Aufholjagd überhaupt nötig wurde, hatten sich die Hanseaten selbst zuzuschreiben. Das Hinspiel im Jahn-Sportpark im Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg hatte der Bundesliga-Meister zwar schwungvoll begonnen. Doch dann bezogen die Bremer tüchtig Prügel. Die Euphorie der Fans aus dem anderen Teil Deutschlands, die überall Schlange standen für Autogramme, hatte den Grün-Weißen ganz offensichtlich den Blick für die Realität vernebelt. Auf der Tribüne schäumte Manager Willi Lemke, zumal neben ihm Ex-Bundeskanzler und Werder-Ehrenmitglied Willy Brandt saß. "Er und seine Ehefrau waren maßlos enttäuscht. Ich natürlich auch", erinnert sich Lemke.

Werder hart bestraft für Schlendrian

Werder Bremen - BFC Dynamo 5:0 (1:0)

Werder Bremen: Reck - Kutzop, Otten, Bratseth, Borowka, Schaaf, Votava, Meier (74. Wolter), Hermann, Riedle, Burgsmüller
BFC Dynamo: Rudwaleit - Rohde, Herzog, Reich, Köller, M.Schulz (80. Ksienczyk), Küttner, Pastor (81. Anders), Ernst, Thom, Doll
Tore: 1:0 Kutzop (22./Elfmeter), 2:0 Hermann (55.), 3:0 Riedle (62.), 4:0 Burgsmüller (80.), 5:0 Schaaf (90.)
Schiedsrichter: Quiniou (Frankreich)
Zuschauer: 23.500

"Wir haben totale Scheiße gespielt", schimpfte Mittelstürmer Karl-Heinz Riedle beim Gang in die Kabine. Hermann gibt sich in der Rückschau moderater: "Wir haben das ein bisschen auf die leichte Schulter genommen." Ganz so profan war es augenscheinlich aber nicht, wie Thomas Doll zu berichten weiß: Ziemlich arrogant seien die Bremer rumgelaufen, erzählt der Star der Dynamos, der im Duett mit dem "DDR-Fußballer des Jahres", Andreas Thom, die Bremer "klassisch ausgekontert hat", wie der damalige DDR-Kommentator Gottfried Weise im Sportclub noch heute frohlockt. Auch Rainer Ernst, der nach der Wende in Kaiserslautern spielte, bescheinigte den Hanseaten, "doch etwas hochnäsig" gewesen zu sein. Wie die Kollegen dachte er: "Jetzt fahren wir in aller Ruhe nach Bremen." Stille herrschte nach der Blamage auch im Werder-Bus. "Wir waren alle richtig fertig und haben uns kollektiv geschämt", erzählt Lemke. "Nach einem 0:3 kannst du nur noch sagen: Träum schön weiter; wie soll das noch umgebogen werden?"

Stasi rückt aus zur "politisch-operativen Sicherung"

Großer Jubel über den Sieg brandete in der DDR nicht auf. Zu verhasst war der Club aus der Hauptstadt, in dem Stasi-Chef Erich Mielke die Fäden zog und dafür sorgte, dass von 1979 bis 1988 nur ein Club Meister werden konnte. "Die spielen solange, bis der BFC gewonnen hat", hieß es - und so war es auch. Doll: "Wir wurden überall mit Hass empfangen." Und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) war immer dabei. So natürlich auch beim Duell mit dem Klassenfeind. 276 Seiten enthält das Dossier, in dem es unter dem Kennwort "Ball 88" heißt: "In den westlichen Medien wird die Auslosung im Europapokal der Landesmeister als eine günstige Gelegenheit angesehen, den 'echten bzw. wahren deutschen Meister' zu ermitteln." Zur "politisch-operativen Sicherung" wurden 2.834 Kräfte, davon 1.724 des MfS, eingesetzt.

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