BücherLeben extra

Wer Freund, wer Feind? - Ein Auszug aus "Der Überläufer"

Samstag, 27. Februar 2016, 18:30 bis 19:00 Uhr

Nicht lange vor seinem Tod am 7. Oktober 2014 übergab Siegfried Lenz sein persönliches Archiv an das Literaturarchiv Marbach. Dort ist sein zweiter Roman gefunden worden, "Der Überläufer" aus dem Jahr 1952, von dessen Veröffentlichung ihm damals abgeraten worden war. Der Autor selbst hat ihn offenbar, nachdem Lektor und Verlagsleiter ihn zum Umschreiben und Entschärfen hatten überreden wollen, als Fingerübung beiseitegelegt, er ist nie wieder darauf zurückgekommen. Allerdings hat er das Manuskript sorgsam aufbewahrt, was uns vermuten lässt, dass er ihm sehr wohl einen Wert zugemessen hat. Der Text handelt vom letzten Kriegsjahr und spielt großenteils im Sumpfgebiet in Weißrussland. Siegfried Lenz erzählt von einem deutschen Soldaten aus Masuren, der sich in eine Partisanin verliebt und die Seiten wechselt.

Seiner Zeit voraus

Dass 64 Jahre nach der Fertigstellung und anderthalb Jahre nach dem Tod des Autors ein Roman entdeckt wird, der keine erkennbaren Mängel aufweist, der vielmehr eine Wucht entwickelt, mit der konfrontiert zu werden man den deutschen Lesern in der Nachkriegszeit dringend gewünscht hätte, ist eine Sensation - wenn auch in gewisser Hinsicht eine traurige Sensation. Denn wir Heutigen haben eine große Auswahl an Büchern, die den Krieg in seiner Erbärmlichkeit und Sinnlosigkeit beschreiben. 1952 war Siegfried Lenz seiner Zeit ganz offenkundig weit voraus, als er einen versprengten Haufen deutscher Soldaten in einer Waldfestung elendiglich ausharren ließ, von denen keiner an irgendein großes Ziel glaubt. Sie wollen nicht im Dreck verrecken - das ist ihr einziges Ziel.

Einem damaligen Lesepublikum nicht zuzumuten

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Der Stil des Autors war damals noch stark an den Expressionisten geschult; er scheute sich nicht vor drastischen Bildern und lyrischen Überformungen. Sein erster Roman "Es waren Habichte in der Luft" unterscheidet sich vom zweiten nur darin, dass er in Karelien spielt und seine Figuren von stalinistischen Säuberungsaktionen betroffen sind, nicht von den Befehlen der deutschen Wehrmacht. Es ist schwer, sich heute in die Zeit Anfang der fünfziger Jahre zurückzuversetzen; "Die Blechtrommel" war noch längst nicht geschrieben, aber Alfred Anderschs "Kirschen der Freiheit" erschienen 1952 bei der Frankfurter Verlagsanstalt. Was also war so anstößig an "Der Überläufer", dass man ihm die Veröffentlichung verweigerte? Nach allem, was man weiß, ging es um den, zumindest zeitweisen, Anschluss an die Sowjetarmee. Dass der Held des Romans, der menschlich-liebenswürdig gezeichnet ist, auf diese Weise in die Situation kommt, auf seine eigenen Verwandten zu schießen, war einem damaligen Lesepublikum wohl nicht zuzumuten. Jedenfalls hat man das bei Hoffmann & Campe so gesehen, und auch der Autor, der das mit 25 Jahren geschrieben hatte, ist in seinem gesamten späteren Werk nie mehr an solche Grenzen gegangen.

Sein Verlag Hoffmann & Campe veröffentlicht den wiederentdeckten Roman in diesen Tagen. Im BücherLeben extra hören Sie einen Auszug aus dem Manuskript gelöesen von Burghart Klaußner. Die vollständige Lesung sendet NDR Kultur ab dem 29. Februar in der Sendung "Am Abend vorgelesen". Die jeweilige Folge ist im Anschluss an die Ausstrahlung 24 Stunden nachhörbar.