Stand: 01.04.2017 13:59 Uhr

Zahl der Salafisten im Norden nimmt zu

von Nino Seidel
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Salafisten sind in der Vergangenheit immer wieder mit Koran-Verteilungs-Aktionen an die Öffentlichkeit getreten. (Archivbild)

Die Zahl der Salafisten ist in Norddeutschland teils stark gestiegen. Das geht aus Zahlen hervor, die dem NDR Magazin Panorama 3 vorliegen. In Hamburg kletterte die Zahl allein in den vergangenen Monaten von 670 auf 730 Personen. Laut Hamburger Verfassungsschutz gelten davon gut 360 als Dschihadisten - also als extremistische Salafisten, die den militanten Dschihad befürworten oder unterstützen.

Verfassungsschützer: Unterschiedliche Gründe für Anstieg

Gründe für den rasanten Anstieg gebe es viele, sagte Marco Haase vom Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg Panorama 3. "Der extremistische Salafismus und Dschihadismus ist nach wie vor die derzeit dynamischste extremistische Bestrebung europaweit, auch in Deutschland." Zudem steige die Erkenntnistiefe der Sicherheitsbehörden weiter an. "Die Szene wird aufgeklärt, auch durch vermehrten Personaleinsatz - dadurch wird das Dunkelfeld erhellt", so Haase. Eine wichtige Bedeutung habe in diesem Zusammenhang die Aufklärung der sozialen Netzwerke und Kommunikationsgruppen.

Stärkster Zuwachs in Bremen

In Bremen reibt man sich ganz besonders die Augen. Die salafistische Szene war dort zwar schon lange verhältnismäßig stark - aber bisher konstant groß. Seit 2012 lag die Zahl der Salafisten bei rund 360. Doch nach der aktuellen Erhebung, die Panorama 3 exklusiv vorliegt, zählte der Bremer Verfassungsschutz plötzlich rund 440 Personen aus diesem Spektrum. Wo kommen so schnell 80 neue Salafisten her? "Mitverantwortlich hierfür war auch der Zuzug von Flüchtlingen", meint Rose Gerdts-Schiffler von der Bremer Innenbehörde. Vermutlich gebe es aber noch weitere Faktoren. "Diese werden derzeit analysiert", sagte Gerdts-Schiffler Panorama 3.

Nur in Mecklenburg-Vorpommern konstante Zahlen

Auch in den anderen Ländern Norddeutschlands bleibt der Salafismus attraktiv. Der Verfassungsschutz in Niedersachsen zählt 730 Salafisten - vor wenigen Monaten waren es noch 50 weniger. In Schleswig-Holstein gab es 2015 noch rund 300 Salafisten, aktuell vermeldet das Innenministerium 360. Nur in Mecklenburg-Vorpommern bleibe die Zahl konstant "im mittleren zweistelligen Bereich", wie das Innenministerium mitteilte.

Deutschlandweit mehr als 10.000 Salafisten

Erst am Freitag hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz vermeldet, man gehe von mehr als 10.000 Salafisten deutschlandweit aus. Die Zahl habe sich seit 2011 mehr als verdoppelt. Salafisten predigen einen Islam, der sich eng am Wortlaut des Koran und den Überlieferungen aus dem Leben des Propheten orientiert. Der Salafismus ist geprägt von stark intoleranten Zügen gegenüber anderen Religionen. Die Anhänger verstehen sich als die einzig wahre Gemeinschaft der Gläubigen und betrachten auch alle nicht-salafistischen Muslime als Ungläubige.

Was wollen die Extremisten?

Als Islamismus bezeichnet man eine religiös motivierte Form des politischen Extremismus. Islamisten sehen in den Geboten des Islam Handlungsanweisungen für eine islamistische Staats- und Gesellschaftsordnung. Sie sagen, alle Staatsgewalt könne ausschließlich von Gott (Allah) ausgehen. Damit richten sich islamistische Bestrebungen gegen die Wertvorstellungen des deutschen Grundgesetzes.
Der Salafismus ist eine ultrakonservative Strömung des Islam, der eine Rückkehr zu den Wurzeln des Islams will. Ihre Ideologie ist vom Wahhabismus geprägt. Diese Lehre geht auf Muhammad Ibn Abdalwahhab (1703-1792) zurück und vertritt die Reinigung des Islam von späteren "Neuerungen". Ziel von Salafisten ist es, Staat, Rechtsordnung und Gesellschaft nach einem salafistischen Regelwerk umzugestalten. In letzter Konsequenz soll ein islamischer Gottesstaat errichtet werden. Die demokratische Grundordnung in Deutschland lehnen Salafisten somit ab.
Der Dschihad stellt als eines der Grundgebote des islamischen Glaubens und eine allen Muslimen auferlegte Pflicht ein wichtiges Glaubensprinzip des Islam dar. Die islamische Tradition kennt den "kleinen Dschihad" und den "großen Dschihad". Der "große Dschihad" ist friedlich. Er bezeichnet das individuelle Bemühen um das richtige religiöse Verhalten gegenüber Gott und den Mitmenschen. Der "kleine Dschihad" ist kriegerisch. Er beschreibt den gewalttätigen Kampf zur Verteidigung und Ausweitung des Herrschaftsgebiets des Islam. Dschihadistische Islamisten berufen sich ausschließlich auf den "kleinen Dschihad". Gewalttaten werden für sie durch den Islam gerechtfertigt.

Mit Material vom Bundesamt für Verfassungsschutz

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Aktuell | 09.03.2016 | 14 Uhr

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