Stand: 25.07.2014 12:05 Uhr

Studie: Dramatischer Erziehermangel im Norden

Immer mehr Kinder im Norden werden in Kitas betreut - doch es mangelt an Betreuungspersonal. Wie die Bertelsmann-Stiftung am Freitag mitteilte, fehlen einer neuen Studie zufolge Tausende Erzieher. Dies gelte sowohl für die Krippen als auch für die Kindergärten. Weil es zu wenig Personal gebe, bleibe bei der frühkindlichen Förderung gute Qualität oft auf der Strecke. Laut dem Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme ist die Situation in Mecklenburg-Vorpommern besonders dramatisch.

MV: "Personalschlüssel so schlecht wie in keinem anderen Land"

Im Nordosten betreut eine Erzieherin im Kindergarten im Schnitt 14,9 Kinder. Dies sind laut Studie fünf Kinder mehr als im Bundesdurchschnitt - und fast doppelt so viele wie das von der Stiftung empfohlene Betreuungsverhältnis von 1 zu 7,5. "In keinem Bundesland ist der Personalschlüssel schlechter", kommentiert die Studie kritisch.

Ähnlich schlecht sieht es in den Krippen aus. Empfohlen wird ein Erzieher für drei unter Dreijährige - in Mecklenburg-Vorpommern müssen die Krippen-Betreuer für statistisch 6,1 Kleinkinder sorgen. In der Realität sei der Personalschlüssel meist noch schlechter. Der Grund: "Weil eine Erzieherin aufgrund von Teamgesprächen, Fortbildung und Urlaub höchstens 75 Prozent ihrer Arbeitszeit für pädagogische Arbeit nutzen kann, betreut sie in Mecklenburg-Vorpommern tatsächlich mindestens acht unter Dreijährige", heißt es. Um den empfohlenen Personalschlüssel zu erreichen, müsse das Land weitere 6.700 Erzieher einstellen. Dies würde laut Studie die Personalkosten auf 581 Millionen Euro mehr als verdoppeln.

Sozialministerin: Einrichtungen werden schlechtgeredet

Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin Birgit Hesse (SPD) sagte NDR 1 Radio MV, sie finde es erschreckend, wie die Einrichtungen in der Studie schlechtgeredet würden. Sie habe selbst eine kleine Tochter in der Kita und könne das düstere Bild, das die Stiftung zeichne, nicht bestätigen.

Hingegen sieht sich die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in ihren Forderungen bestätigt. Bereits bei der Änderung des Kinderförderungsgesetzes im vergangenen Jahr hatte sie darauf hingewiesen, dass zur Sicherung der Qualität ein besserer Betreuungsschlüssel nötig sei. Um die Qualität frühkindlicher Bildung zu thematisieren, hat Sozialministerin Hesse nun zu einem Runden Tisch eingeladen.

Hamburg: Schlechtester Betreuungsschlüssel für Krippenkinder im Westen

Auch in Hamburg arbeiten laut Studie viel zu wenige Erzieher. Allein in den Krippen fehlen etwa 2.500 Betreuungskräfte. In Hamburg müsse sich eine Erzieherin um so viele Kleinkinder kümmern wie sonst in keinem anderen westlichen Bundesland, heißt es. Dort kommen auf eine Kraft im Durchschnitt 5,4 unter Dreijährige.

Auch die Kindergärten litten an Personalmangel. 850 Erzieher müssten zusätzlich eingestellt werden, damit der empfohlene Betreuungsschlüssel gewährleistet werde. Würde das Personal nach den Empfehlungen aufgestockt, entstünden jährlich Mehrkosten von fast 143 Millionen Euro jährlich - 44 Prozent mehr als aktuell.

Wie NDR 90,3 berichtete, untermauert die Bertelsmann Stiftung damit Forderungen der Wohlfahrtsverbände. Diese betreiben etwa die Hälfte der Kitas in Hamburg. Sie kritisieren ebenfalls, dass gerade bei den jüngsten die Bildung zu kurz komme. Die Sozialbehörde weist angesichts der Kritik darauf hin, dass in Hamburg ab kommenden Monat für alle eine fünfstündige Kita-Betreuung kostenlos ist.

Niedersachsen: 4.200 Erzieher zu wenig

In Niedersachsen weichen der Studie zufolge die Betreuungsschlüssel von durchschnittlich einer Fachkraft auf  4,2  Krippenkinder "deutlich von einem kindgerechten und pädagogisch sinnvollen Betreuungsverhältnis ab". Nach Hamburg sei dies die der zweitschlechteste Personalschlüssel der westlichen Bundesländer. Etwas besser sieht es bei der Betreuung der Kindergartenkinder aus. Hier kümmere sich ein Erzieher um durchschnittlich 8,7 Kinder.

Um den empfohlenen Personalschlüssel zu erreichen, müssten insgesamt etwa 4.200 weitere Erzieher eingestellt werden: 3.200 für die Krippenkinder und 1.000 Vollzeitkräfte für über Dreijährige. Nach Berechnungen der Stiftung würde eine solche Personalaufstockung 182 Millionen Euro kosten.

Situation in Schleswig-Holstein etwas entspannter

Etwas besser gestaltet sich - zumindest im Vergleich - die Situation in Schleswig-Holstein, obwohl auch dort mehr Erzieher benötigt werden. Bei den Krippenkindern ist durchschnittlich eine Erzieherin für 3,9 Kinder zuständig, was in etwa dem westdeutschen Durchschnitt von 3,8 Kindern entspricht.

Ähnlich sieht es bei den Kindergartenkindern aus. Dort kümmert sich eine Erzieherin um durchschnittlich neun Kinder - 1,5 mehr als von der Stiftung empfohlen. Insgesamt benötige Schleswig-Holstein 800 zusätzliche Vollzeitkräfte für unter Dreijährige und 1.300 für Kindergartenkinder. Dies entspreche Personalkosten von etwa 90 Millionen Euro zusätzlich.

Bundesweit fehlen 120.000 Erzieher

Deutschlandweit benötigen die Kitas in Deutschland der Studie zufolge 120.000 zusätzliche Erzieher. Fünf Milliarden Euro müssten nach den Berechnungen der Bertelsmann Stiftung investiert werden, um die Lage zu verbessern, die in den ostdeutschen Ländern generell schlechter sei als im Westen. "Das ist eine gewaltige Kraftanstrengung, die sich aber lohnt, weil die Kita-Qualität entscheidend ist für gutes Aufwachsen und faire Bildungschancen aller Kinder", kommentiert Vorstand Jörg Dräger. Die Stiftung empfiehlt, bundesweite Standards einzurichten, um die teils erheblichen Unterschiede zwischen den Bundesländern auszugleichen.

Betreuung in Bremen am besten

Dass der von der Studie empfohlene Betreuungsschlüssel durchaus machbar ist, beweist das Bundesland Bremen. Dort sorgt bei den unter Dreijährigen durchschnittlich eine Erzieherin für drei Kinder. Damit liegt das kleinste Bundesland neben Baden-Württemberg auf dem ersten Platz. Und auch bei der Betreuung der Kindergartenkinder ist Bremen spitze: In dieser Altersgruppe ist eine Erzieherin durchschnittlich für 7,7 Kinder zuständig und verfehlt den empfohlenen Schlüssel von eins zu 7,5 Kindern nur knapp.

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Aktuell | 25.07.2014 | 09:45 Uhr