Stand: 06.11.2015 15:00 Uhr

Schlichte Formen kühl in Szene gesetzt

von Inken Steen

Als Julia Bulk vor einem Jahr ihren neuen Job als Direktorin in der Wilhelm-Wagenfeld Stiftung in Bremen antrat, da entdeckte sie im Keller einen Schatz. Rund 2.000 Fotografien, schön ordentlich in über 53 Aktenordnern archiviert, die noch nie öffentlich gezeigt worden waren. Das ist auch der Grund warum in der neuen Ausstellung, "Die Entdeckung der Dinge - Fotografie und Design" keine Teekannen, Löffel und Vasen von dem berühmten Bremer Designer zu sehen sind, sondern Fotografien von Glasschalen, Aschenbechern und Sektgläsern. Warum aber hat sich der am sachlichen Bauhaus geschulte Produkt-Designer dieses umfassende Archiv angelegt?

Die Eleganz der Schlichtheit

Das Produkt ohne schmückendes Beiwerk

Wilhelm Wagenfeld entwirft in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts ein feuerfestes Teeservice für die Jenaer Glaswerke. Er lässt es fotografieren, um beim Kunden damit zu werben. Der Designer betritt Neuland, denn gewöhnlich warben Holzschnitte, Zeichnungen und kolorierte Drucke für Geschirr und Kochgerät, erzählt die Direktorin in der Wilhelm-Wagenfeld Stiftung, Julia Bulk: "Also, es waren sehr pittoreske Bilder, überladen mit Speisen und verschiedenen Petersiliensträußchen, die noch zum Schmuck dazu kamen und dann gab es die sachliche Fotografie. Da gab es nur das Produkt - also wirklich eine schwarz-weiß Fotografie ohne schmückendes Beiwerk."

Die gläserne Backform, nackt gewissermaßen ohne Kuchen oder Auflauf darin. Alte Prospekte zeigen in der Ausstellung wie drastisch die sachliche Fotografie mit den Sehgewohnheiten brach. Eine gewiss kühle Ästhetik, doch wenn man die berühmten Salz-und Pfefferstreuer "Max und Moritz" aus den 50er-Jahren ansieht, dann wirken sie wie Gespielen, die einander zarte Schatten zuwerfen.

Die schlichten Formen sprechen für sich

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Der Industrie-Designer Wilhelm Wagenfeld (1900-1990) in seinem Atelier, aufgenommen 1953. Der gebürtige Bremer gilt als Pionier des deutschen Industriedesigns.

Die Direktorin, Julia Bulk, gibt den gar nicht so großen Fotografien viel Raum, um zu zeigen, wie Gläser, Tassen und Teller als schlichte, aber elegante Formen für sich sprechen. Dass es sich dabei zugleich um günstige, in Serie produzierte Massenware handelt, auch das zeigen die Fotos, denn sie folgten Wagenfelds Ethos: "Für ihn war Werbung eigentlich Information. Also es ging nicht darum, den Verbraucher zu verführen, etwas zu kaufen, was er eigentlich nicht braucht oder eigentlich nicht will. Sondern für ihn war gute Werbung für ein gutes Produkt vor allem ehrlich. Und Werbung, die irgendwie marktschreierisch ist, Werbung, die Superlative benutzt, das war für ihn ein Zeichen dafür, dass das Produkt, was dahinter steht, schlecht sein muss."

Einziges Stilmittel in Fotos: Hände

Natürlich haben Wagenfelds Produktfotografen den Sektkelch, das Wasserglas und den Suppenlöffel inszeniert, haben mit Schatten und Reflektionen gespielt. Aber ihnen war immer wichtig zu zeigen, dass die Hausfrau die schlanke, weiße Kaffeekanne auch gut halten kann. Als einziges Stilmittel erlaubte Wagenfeld Hände in den sachlichen Fotos, erzählt die Direktorin des Wagenfeld-Hauses, Julia Bulk: "Ein Mitarbeiter sagte auch mal, bei Wagenfeld hätte er gelernt, dass man mit den Händen sehen muss. Man kann dann sehen: 'Aha, dieses Objekt liegt gut in der Hand.' Das konnte man dann zum Beispiel sehen, wenn zwei Hände eine Schale umfassen."

Produktdarstellung im Wandel der Zeit

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Der britische Fotograf Martin Parr sitzt vor zwei seiner Fotografien im Sprengel Museum. Das Haus zeigte 2013 eine Ausstellung mit seinen Fotos.

Praktisch und doch immer formschön, so wirken Wagenfelds Alltagsgegenstände noch heute und man bekommt richtig einen Schock, wenn man plötzlich vor der knallbunten Fotowand des britischen Fotografen Martin Parr steht. Nichts als Trash, Fast Food, Requisiten billiger Vergnügungssucht britischer Urlauber - Parr porträtiert eine vulgäre Konsumgesellschaft. Aber was hat die in der Wagenfeld-Ausstellung zu suchen?

Julia Bulk erklärt: "Uns ging es nicht um das Produkt, das auf den Fotos ist, sondern um die Frage, wie es dargestellt ist. Das ist heute noch wichtig. Es sind ja nach wie vor viele Designer, die Produkte herstellen. Da ist es fast wichtiger, wie sie auf den Fotos rüberkommen - weil es das ist, was verbreitet wird."

Schlichte Formen kühl in Szene gesetzt

Die Ausstellung im Bremer Wilhelm-Wagenfeld-Haus "Die Entdeckung der Dinge" zeigt Fotografien der Produkte des berühmten Designers. Allein diese Bilder sind wahre Meisterwerke.

Datum:
Ende:
Ort:
Wilhelm Wagenfeld Stiftung
Am Wall 209
28195  Bremen
Telefon:
(0421) 33 999 33
E-Mail:
info@wilhelm-wagenfeld-stiftung.de
Öffnungszeiten:
Di 15 - 21 Uhr,
Mi bis So. 10 - 18 Uhr
Hinweis:
Führungen zur aktuellen Ausstellung jeden Sonntag, 13 Uhr und nach Vereinbarung unter Tel (0421) 33 999 37.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 06.11.2015 | 11:20 Uhr