Stand: 28.07.2014 09:00 Uhr

Fischerhude - die wahre Künstlerkolonie

von Harald Ganswindt

"Wir haben uns mit Worpswede geirrt", soll der Maler Fritz Overbeck zu seinem Freund Otto Modersohn gesagt haben, als die beiden auf einer Wanderung ins wenige Kilometer entfernte Fischerhude kamen.

Fischerhude liegt am Meer - diesen Eindruck haben Reisende noch heute, wenn sie sich dem Dorf, eingebettet in den Zwischenarmen der Wümme, nähern. Es ist ein weites Meer aus Feldern, Wiesen und Koppeln, die zuweilen tatsächlich immer wieder überschwemmen. Der Wind in den Blättern der Pappeln - wie das Rauschen einer tosenden Brandung. Stolz und mächtig ragen im Ort selbst die vielen alten Eichen in den Himmel. Sie bieten Schutz gegen die Stürme, die mit Kraft auf die “Waldinsel” Fischerhude treffen.

Fischerhude - ein Dorf, wie gemalt

Ein Dorf wie gemalt

Als Otto Modersohn, schon damals einer der bedeutendsten Maler in Deutschland, mit seinem Malerfreund Fritz Overbeck auf einer Wanderung durch die weite Heidelandschaft des Teufelsmoores in die Nähe von Fischerhude gelangte, waren die beiden auf die Hilfe eines Bauern angewiesen, der ihnen Holzschuhstiefel lieh, damit sie trockenen Fußes die überflutete Straße überqueren konnten.

Porträt

Der Maler und das Moor - Otto Modersohn

Es ist vor allem die Natur, die den Maler Otto Modersohn angeregt hat. Sein umfangreiches Werk wird auf rund 12.000 Bilder geschätzt. Vor 150 Jahren wurde er geboren. mehr

So gelangten sie im Oktober 1896 nach Fischerhude und waren "entzückt von seinem urwüchsigen Charakter", wie Modersohn später notiert: "Wir zeichneten bis unsere Skizzenbücher voll waren".  

Modersohn und Overbeck fanden, dass Fischerhude die benachbarte Künstlerkolonie Worpswede, wo sich die beiden Maler wenige Jahre zuvor niedergelassen hatten, an malerischen Reizen noch übertrifft. Und tatsächlich: Das Dorf wirkt noch heute wie gemalt. Der dörfliche Kernbereich mit seiner traditionellen Bausubstanz ist noch immer intakt, die Straßen sind mit Kopfsteinpflaster befestigt, die tiefstehende Sonne taucht die zahllosen Reetdächer in ein fast magisches, warmes Licht. Auch die umgebene Landschaft mit ihren von Seitenarmen der Wümme durchzogenen weiten Wiesen ist einzigartig und mutet fast unberührt an.

Wenig Malerkonkurrenz

Heinrich Breling (1849 bis 1914) ist der “Vater der Fischerhuder Maler”. Als Genre- und Historienmaler wurde er 1883 an der Akademie der Bildenden Künste München zum Professor ernannt. Er war zudem Hofmaler bei König Ludwig II. 1908 kam Breling zurück nach Fischerhude, wo er ein neues Atelier errichtete.

Malerkonkurrenz gab es damals nicht viel im Ort. Lediglich den hochtalentierten Heinrich Breling, den es als Kind hierher verschlagen hatte, weil sein Vater als Zollgrenzaufseher von Burgdorf bei Hannover hierher versetzt wurde. "Es war wohl gar nicht so sehr die Landschaft, weswegen Modersohn schließlich nach Fischerhude umsiedelte, sondern vor allem die sechs Töchter von Breling”, vermutet Hans-Günther Pawelcik vom Verlag Atelier im Bauernhaus. Eine der Töchter heiratete der berühmte Maler schließlich. In der Kunstszene sprach sich schnell herum, dass der "Star" Modersohn Worpswede verlassen hat, um nach Fischerhude zu gehen.

“Ohne Modersohn wäre Fischerhude als Künstlerort bedeutungslos geblieben und Breling in Vergessenheit geraten”, vermutet Pawelcik heute.

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Er kennt sie alle: Hans-Günther Pawelcik ist in nahezu jeder Künstlerkolonie in Europa gewesen. Heute ist er Vorsitzender von Euroart, einem internationalen Verbund von Künstlerkolonien.

Er selbst ist in Worpswede aufgewachsen - der einzigen Künstlerkolonie weltweit, wie er bis zu seinem 40. Lebensjahr glaubte. Bis er anfing zu forschen und fortan alle Künstlerkolonien in Europa besuchte. Heute ist der 65-Jährige Vorsitzender von EuroArt, einem internationalen Verbund der Künstlerkolonien. Verwirrend: Fischerhude gehört nicht mit dazu. Die Gründe dafür seien schwierig und vielfältig, meint Pawelcik: "Fischerhude wollte immer etwas für sich bleiben und die Ruhe genießen".

Ein Dorf will für sich bleiben

“Das wollten auch die Künstler damals”, ergänzt Wolf-Dietmar Stock. Er ist Gründer und Geschäftsführer des Verlags Atelier im Bauernhaus in Fischerhude und selbst Landschaftsmaler aus Leidenschaft. "Die Maler wollten hier in Ruhe und zurückgezogen arbeiten”, ist er überzeugt. Bemerkenswert findet der 72-Jährige dabei die Art und Weise, wie sich die Maler in den Ort integrierten.

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"Ich mache Meditation vor der Natur. Ich öffne mich und lasse zu, was da auf mich reinkommt", sagt Wolf-Dietmar Stock.

Man wollte nicht auffallen. Das sehe man auch an den Häusern, in denen sie wohnten: "Das waren keine protzigen Villen, wie etwa die von Mackensen in Worpswede, ohne ein Empfinden für den Ort". Den Malern in allen Generationen in Fischerhude sei es immer ein besonderes Anliegen gewesen, den Ort zu erhalten und nicht zu zerstören. Man wollte den Ort der Stille, aus dem man das kreative Potential schöpft, erhalten - "die Kuh, die uns die Milch gibt, nicht schlachten".

Künstler als Naturschützer

Die Künstler damals seien auch die ersten Naturschützer gewesen, meint Stock, auf den Fischerhude schon als Kind einen besonderen Reiz ausgeübt hatte. Etwa der Maler Wilhelm Heinrich Rohmeyer, der sein Atelier direkt an der Wümmeebene mit weitem Blick über die Wiesen hatte. Heute ist die Flussebene Wasserschutzgebiet. In den 20er-Jahren sollte der Sumpf ausgetrocknet und die Wümme vertieft und begradigt werden. Die Landschaftsmaler hätten damals mit Erfolg dagegen protestiert.

Wenn man heute mit offenen Augen durch die Landschaft gehe, stelle man starke Veränderungen fest, meint Stock. Man erfahre nicht mehr die Beflügelung, wie damals - statt wogender Weizenfelder und weiß getüpfelte Felder, sehe man fast nur noch Maisfelder. Der Verlagsleiter sagt von sich selbst, er gehöre zu den Menschen, die 100 Jahre zu spät geboren wurden. Was Achtung und Verehrung von Natur angehe, fühle er sich von der Naturphilosophie des 19. Jahrhunderts inspiriert: "Die Künstler damals haben sehr stark gefühlt, da wird sich etwas verändern und wir müssen das festhalten, bevor uns niemand mehr glaubt, wie schön das hier war". Schön ist Fischerhude immer noch.

Bertha Schilling: "Wilkensscheune an der Wümme" (ca. 1915) in Fischerhude © Verlag Atelier im Bauernhaus Foto der Wilkensscheune an der Wümme in Fischerhude © Verlag Atelier im Bauernhaus
Die Künstlerin Bertha Schilling malte die "Wilkensscheune an der Wümme" bei Fischerhude um 1915 - und so sieht es dort heute aus derselben Perspektive aus. Für einen Vergleich können Sie einfach den Schieberegler auf den beiden großen Bildern bewegen (linke Maustaste gedrückt halten oder mit dem Finger auf Smartphone/Tablet).

 

Karte: Fischerhude

 

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