Stand: 03.08.2017 10:29 Uhr

Fischerhude - die wahre Künstlerkolonie

von Harald Ganswindt

"Wir haben uns mit Worpswede geirrt", soll der Maler Fritz Overbeck zu seinem Freund Otto Modersohn gesagt haben, als die beiden auf einer Wanderung ins wenige Kilometer entfernte Fischerhude kamen.

Fischerhude liegt am Meer - diesen Eindruck haben Reisende noch heute, wenn sie sich dem Dorf, eingebettet in den Zwischenarmen der Wümme, nähern. Es ist ein weites Meer aus Feldern, Wiesen und Koppeln, die zuweilen tatsächlich immer wieder überschwemmen. Der Wind in den Blättern der Pappeln - wie das Rauschen einer tosenden Brandung. Stolz und mächtig ragen im Ort selbst die vielen alten Eichen in den Himmel. Sie bieten Schutz gegen die Stürme, die mit Kraft auf die “Waldinsel" Fischerhude treffen.

Fischerhude - ein Dorf, wie gemalt

Ein Dorf wie gemalt

Als Otto Modersohn, schon damals einer der bedeutendsten Maler in Deutschland, mit seinem Malerfreund Fritz Overbeck auf einer Wanderung durch die weite Heidelandschaft des Teufelsmoores in die Nähe von Fischerhude gelangte, waren die beiden auf die Hilfe eines Bauern angewiesen, der ihnen Holzschuhstiefel lieh, damit sie trockenen Fußes die überflutete Straße überqueren konnten.

Porträt

Der Maler und das Moor - Otto Modersohn

Es ist vor allem die Natur, die den Maler Otto Modersohn angeregt hat. Sein umfangreiches Werk wird auf rund 12.000 Bilder geschätzt. Vor 150 Jahren wurde er geboren. mehr

So gelangten sie im Oktober 1896 nach Fischerhude und waren "entzückt von seinem urwüchsigen Charakter", wie Modersohn später notiert: "Wir zeichneten, bis unsere Skizzenbücher voll waren".  

Modersohn und Overbeck fanden, dass Fischerhude die benachbarte Künstlerkolonie Worpswede, wo sich die beiden Maler wenige Jahre zuvor niedergelassen hatten, an malerischen Reizen noch übertrifft. Und tatsächlich: Das Dorf wirkt noch heute wie gemalt. Der dörfliche Kernbereich mit seiner traditionellen Bausubstanz ist noch immer intakt, die Straßen sind mit Kopfsteinpflaster befestigt, die tiefstehende Sonne taucht die zahllosen Reetdächer in ein fast magisches, warmes Licht. Auch die umgebene Landschaft mit ihren von Seitenarmen der Wümme durchzogenen weiten Wiesen ist einzigartig und mutet fast unberührt an.

Wenig Malerkonkurrenz

Heinrich Breling (1849 bis 1914) ist der “Vater der Fischerhuder Maler”. Als Genre- und Historienmaler wurde er 1883 an der Akademie der Bildenden Künste München zum Professor ernannt. Er war zudem Hofmaler bei König Ludwig II. 1908 kam Breling zurück nach Fischerhude, wo er ein neues Atelier errichtete.

Malerkonkurrenz gab es damals nicht viel im Ort. Lediglich den hochtalentierten Heinrich Breling, den es als Kind hierher verschlagen hatte, weil sein Vater als Zollgrenzaufseher von Burgdorf bei Hannover hierher versetzt wurde. Otto Modersohn heiratete eine der sechs Töchter von Breling und siedelte schließlich nach Fischerhude um. Ohne den Maler wäre Fischerhude als Künstlerort vielleicht bedeutungslos geblieben.

Bertha Schilling: "Wilkensscheune an der Wümme" (ca. 1915) in Fischerhude © Verlag Atelier im Bauernhaus Foto der Wilkensscheune an der Wümme in Fischerhude © Verlag Atelier im Bauernhaus
Die Künstlerin Bertha Schilling malte die "Wilkensscheune an der Wümme" bei Fischerhude um 1915 - und so sieht es dort heute aus derselben Perspektive aus. Für einen Vergleich können Sie einfach den Schieberegler auf den beiden großen Bildern bewegen (linke Maustaste gedrückt halten oder mit dem Finger auf Smartphone/Tablet).

Künstler als Naturschützer

Bemerkenswert ist die Art und Weise, wie sich die Maler in den Ort integrierten. Sie bewohnten keine protzigen Villen und entwickelten ein Gespür für den Ort und die Landschaft. Alle Fischerhuder Künstlergenerationen bemühten sich, den Ort zu erhalten und nicht zu zerstören.

Etwa der Maler Wilhelm Heinrich Rohmeyer, der sein Atelier direkt an der Wümmeebene mit weitem Blick über die Wiesen hatte. Heute ist die Flussebene Wasserschutzgebiet. In den 20er-Jahren sollte der Sumpf ausgetrocknet und die Wümme vertieft und begradigt werden. Die Landschaftsmaler protestierten damals mit Erfolg dagegen protestiert.

Ganz sind die Veränderungen nicht an dem kleinen Ort vorbeigegangen. Statt der wogender Weizenfelder sieht man heute fast nur noch Maisfelder. Schön ist Fischerhude aber immer noch.

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