Stand: 11.02.2016 10:38 Uhr

Vom Goldenen Zeitalter der dänischen Malerei

von Anette Schneider

Dänische Maler sind hierzulande eher unbekannt. Jedenfalls, wenn sie nicht gerade Per Kirkeby heißen. Grund genug für die Hamburger Kunsthalle, ab und an "Klassiker" aus unserem Nachbarland vorzustellen. So wie jetzt Christoffer Eckersberg. Er gilt als wichtigster Vertreter des "Goldenen Zeitalters" der dänischen Malerei und prägte sie mit seinen ungewöhnlichen Bildern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 90 seiner Gemälde sowie 40 Zeichnungen und Grafiken sind nun in der Ausstellung "Faszination Wirklichkeit" erstmals außerhalb Dänemarks zu sehen.

Eckersberg - Beobachter des Nebensächlichen

Von der Wirklichkeit fasziniert

Eine hohe Mauer, davor Kopfsteinpflaster - und drei Passanten, die, beladen mit Körben und Säcken, gegen den Wind kämpfen. Eine Momentaufnahme wie aus einem Film - 1846 gesehen und mit Öl auf Leinwand festgehalten von Christoffer Eckersberg. Die thematisch gegliederte Ausstellung zeigt die ganze Bandbreite des Künstlers, der auch Marine- und Historienbilder malte, Porträts und Landschaften. "Deswegen hatten wir eben auch nach einem roten Faden seiner Kunst gesucht und kamen da auf den Titel 'Faszination Wirklichkeit'", erklärt Kurator Markus Bertsch. "Weil er sich sehr von der realen Erfahrung inspirieren ließ und sich das in all diesen unterschiedlichen Gattungen zeigt."

Akademische Regeln gingen über Bord

Das war nicht immer so: Eckersberg, 1783 in Süddänemark geboren, studierte an der Akademie in Kopenhagen und malte erst einmal die damals üblichen idealisierten Landschaftsansichten. Doch schon bald schmiss er alle akademischen Regeln über Bord: 1809 reiste er nach Paris und lernte bei dem Revolutionsmaler Jaques Louis David den modernen Klassizismus kennen. Und wenig später saß er in Rom und malte als erster dänischer Maler unter freiem Himmel. "Da kam er mit neuen Landschaftsräumen, aber auch mit Stadtlandschaften in Kontakt und begann stärker zu experimentieren. Sein konstruktiver Geist kam im Besonderen zum Tragen, was einerseits die perspektivische Komposition von Bildern und Bildräumen anbelangt -  und andererseits den Versuch, wirklich Ungewöhnliches auf die Leinwand zu bringen", sagt Bertsch.

Abwasserkanal statt antiker Monumente

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Blick durch drei Bögen im dritten Stockwerk des Kolosseums, 1815, Öl auf Leinwand, 32 x 49,5 cm, Kopenhagen, Statens Museum for Kunst.

Anstatt, wie seine Kollegen, die berühmten antiken Monumente zu malen, malt Eckersberg die Cloaca Maxima, den größten Abwasserkanal der Stadt. Er zeigt auch nicht das Colosseum, sondern blickt vom dritten Stockwerk des Monuments durch drei Bögen über die Landschaft. Und auch der Blick aus dem Fenster, der damals Sinnbild war für den Blick aus der Begrenztheit des Privaten in die Ferne, fällt bei ihm in einen engen, verschachtelten Hinterhof! "Das Auge wird von diversen Blumentöpfen und Öffnungen und abblätterndem Putz an der Wand aufgehalten", erläutert Bertsch. "Das ist eigentlich nichts Besonderes, was man sehen könnte. Es ist absolut unprätentiös. Man könnte auch sagen: Es ist ein Nicht-Motiv, was er durch das Gemälde eben adelt und zu einem Motiv macht."

Eckersberg - ein beim Bürgertum gefragter Maler

Nachdem er 1816 nach Kopenhagen zurückgekehrt war und an der Akademie lehrte, war sein ungewöhnlicher Blick besonders beim aufstrebenden Bürgertum gefragt. 1818 etwa entstanden zwei große Bildnisse des Ehepaars Schmidt: In fast entlarvend genauer Malweise zeigt Eckersberg sie, wie sie vor beißend lila Hintergrund auf einem grünen Sofa sitzt und abweisend aus dem Bild guckt. Daneben ihr Mann an einem Schreibtisch im Kontor. "Der Herr Schmidt war Ostindienhändler. Er hatte damals schon profitiert von den guten Handelsbeziehungen der Dänen und kam entsprechend zu Reichtum", so Bertsch. "Die Bilder sind Riesenformate. Das sind Formate, mit denen das dänische Bürgertum dem Adel Konkurrenz machen wollte."

Unbeirrtes Festhalten an Lehrprinzipien

An der Akademie setzte Eckersberg das Malen unter freiem Himmel durch. Und er führte das Aktstudium nach weiblichen Modellen ein. In der Ausstellung "Faszination Wirklichkeit" sind einige große, fast erschreckend realistisch wirkende Bildnisse nackter junger Männer und Frauen zu sehen, die Studierende wohl als Vorlagen nutzten, wenn kein Lebendmodell zur Verfügung stand. Und dann - stutzt man plötzlich in der Ausstellung. Denn all die versammelten Bilder lassen keinerlei tiefgreifende künstlerische Entwicklung erkennen! Plötzlich wird deutlich: Was Eckersberg um 1810 als fortschrittliche Ideen entwickelte, lehrte er 40 Jahre lang an der Akademie und behielt es bei bis zu seinem Tod 1853. "Man weiß eben nur, dass der alte Eckersberg nicht bereit war, von seinen Lehrprinzipien abzusehen. Und auch wirklich unbeirrt daran festhielt", erklärt Kurator Bertsch. "Und daran wurde auch durchaus Kritik geäußert."

Fortschrittliche Ideen enden in Erstarrung

Die rasante industrielle und gesellschaftliche Entwicklung seit den 1830er-Jahren und die Suche nach adäquaten Ausdrucksmöglichkeiten interessierten ihn nicht. Und so führt die Ausstellung auch vor, wie das jahrzehntelange Beharren auf einst fortschrittlichen künstlerischen Ideen von der Realität überholt wird und in Erstarrung endet, in Landschaften, Genreszenen und Historienbildern, die befremdlich leblos und weltfremd wirken.

Vom Goldenen Zeitalter der dänischen Malerei

Die Ausstellung "Faszination Wirklichkeit" in Hamburg zeigt Werke des Malers Christoffer Eckersberg. Er prägte die dänische Malerei der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Datum:
Ende:
Ort:
Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall am Hauptbahnhof
20095   Hamburg
Telefon:
(040) 428 131 200
E-Mail:
info@hamburger-kunsthalle.de
Preis:
8,- Euro / Ermäßigt 4,- Euro / Kinder und Jugendliche frei
Öffnungszeiten:
Di. bis So.: 10 - 18 Uhr
Do.: 10 - 21 Uhr, vor Feiertagen 10 - 18 Uhr
Montag geschlossen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 10.02.2016 | 19:00 Uhr