Stand: 21.09.2017 18:23 Uhr

Der Kunstverkauf des Goldenen Zeitalters

von Danny Marques Marcalo

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen nach einem langen Arbeitstag in der Kneipe, gemütlich beim Bierchen. Da kommt ein Mann rein und bietet Ihnen Landschaftsgemälde und Porträts an. Heute ist das eine absurde Vorstellung, aber im 16. und 17. Jahrhundert war das in den Niederlanden völlig normal. Denn im sogenannten Goldenen Zeitalter der niederländischen Gesellschaft wurden jedes Jahr 70.000 Gemälde produziert - und die mussten an den Mann gebracht werden. Es entstand ein riesiger Kunstmarkt, wie nun die Ausstellung "Die Entstehung des Kunstmarktes" im Bucerius Kunst Forum in Hamburg zeigt.

Bucerius Kunstforum zeigt Rembrandt und Ruisdael

Gleich doppelt so viele Maler wie Bäcker gibt es Mitte des 16. Jahrhunderts in Antwerpen. Auch in Amsterdam oder Haarlem gibt es so viele Gemälde, dass sie sogar bei Lotterien verlost werden. Der Grund: Die Niederlande entwickeln sich in dieser Zeit zu einer wirtschaftlichen Weltmacht. Adel und Kirche sind entmachtet. Das Bürgertum ist für den Erfolg verantwortlich und es hat seine eigenen Vorstellungen von Kunst.

Erfolg mit gemalten Realitäten des Alltags

"Das waren Händler, Handwerker, Seefahrer, also Bürger, die oft keine humanistische Bildung hatten und sich sehr mit den Realitäten des Alltags auseinandersetzten. Das Erhabene, das Höhere war denen fremd. Das Alltägliche war wichtig", erklärt Franz Wilhelm Kaiser, der Direktor des Bucerius Kunst Forums. Er hat die Ausstellung selbst zusammengestellt und nutzt die beiden Etagen des Gebäudes, um die Bedeutung der Werke klarzumachen.

Rationalisierung und Wiedererkennung

Im Erdgeschoss: Gemälde für die Masse. "Eine Reihe von sechs Bildern und da sind immer Pferde drauf zu sehen. Das lernt man in Kunstgeschichte im ersten Jahr. Wenn man so ein Bild sieht, dann ist das ein Philips Wouwerman, denn der hat sich auf Landschaften mit Pferden spezialisiert. Das bedeutet eine Rationalisierung des Arbeitsprozesses, ein höheres Qualitätsniveau und Erkennbarkeit."

Tatsächlich. Die Bilder ähneln sich. Unten rechts: immer eine Gruppe Reiter. Unten links: Bäume oder Sträucher. Der Rest des Bildes ist Himmel. Die serielle Produktion sorgt dafür, dass viele Bilder entstehen, die sich schon ein Facharbeiter für einen Tageslohn leisten kann.

Wände oder Bilder - Malen im Akkord

Im ersten Stock hängen vor allem historische Darstellungen und Porträts. Sie steigern das Prestige der Besitzer, aber nicht der Maler. "Um überhaupt existieren zu können, mussten sie sich in Gilden organisieren", sagt Kaiser. "Das waren die Handwerksorganisationen. Der Häuseranstreicher war in derselben Gilde wie ein Maler, weil beide einen Pinsel gebrauchen."

Selbst ein heute so bekannter Maler wie Rembrandt arbeitet im Akkord. Mit einem Kunsthändler geht er ein Geschäft ein und malt für ihn in vier Jahren unzählige Porträts. Als Künstler bezeichnet er sich nicht. Ein Kunstbegriff, wie wir ihn heute kennen, habe sich erst im 18. Jahrhundert herauskristallisiert. "Das war gekoppelt an die philosophische Disziplin der Ästhetik, aber auch an den gesellschaftlichen Austausch in den Städten, wo es Salons und Zeitschriften gab. Und dann vor allem mit der Gründung der Kunstmuseen. Das ist ja auch erst im 18. Jahrhundert passiert", stellt Kaiser fest.

Heutiges Kunstgeschäft ohne Realitätsbezug

Es ist eine faszinierende Ausstellung. Wenn Bilder sich ähneln, dann ist das Absicht. So macht Kurator Kaiser deutlich, dass die Maler die Nachfrage in einem Land bedienten, in dem relativer Wohlstand herrschte. Vom Metzger bis zum Bankier konnte jeder sich Gemälde leisten. "Das ist leider Gottes heute eine bedauernswerte Entwicklung, dass Kunstwerke für Preise verkauft und versteigert werden, die nichts mehr mit der Realität zu tun haben. Das ist reinster Fetischismus, das ist total absurd."

Der Kunstverkauf des Goldenen Zeitalters

In den Niederlanden wurden im 16. und 17. Jahrhundert jedes Jahr 70.000 Gemälde produziert. Es entstand ein riesiger Kunstmarkt, wie eine Ausstellung im Bucerius Kunst Forum zeigt.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Bucerius Kunst Forum
Rathausmarkt 2
20095  Hamburg
Telefon:
(040) 36 09 960
E-Mail:
info@buceriuskunstforum.de
Preis:
9 Euro, ermäßigt 6 Euro, montags Einheitspreis 6 Euro, Eintritt frei für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre
Öffnungszeiten:
täglich 11 bis 19 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 21.09.2017 | 19:00 Uhr

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