Stand: 17.05.2017 12:40 Uhr

Max Pechstein: Der unbekannte "Brücke"-Künstler

von Anette Schneider

Die Brücke-Künstler um Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Otto Müller kennt und erkennt jeder. Kein Wunder: Seit Jahren hat expressionistische Malerei Hochkonjunktur. Erstaunlicherweise steht dabei ein Mann eher im Hintergrund, obwohl er so farbenstark malte, wie keiner sonst in der Gruppe: Max Pechstein. Nun zeigt das Bucerius Kunst Forum in Hamburg die sage und schreibe erste große Einzelausstellung Pechstein an der Elbe!

Bucerius Kunst Forum zeigt Werke von Max Pechstein

Ein Maler, der nicht greifbar ist

Gleißend gelbe Sonnenaufgänge. Varieté-Szenen. Eine kleine Löwenbändigerin im Zirkus. Und immer wieder Badende an einem See - mit grob gemalten blauen und grünen Farbflächen als Wasser und Schilf - und dazwischen auf ihre Umrisse reduzierte nackte, rotbraune Mädchenkörper.

Max Pechstein, 1906 Mitbegründer der Künstlergruppe "Die Brücke", gilt zwar als einer der wichtigsten Expressionisten, doch ist er weit weniger bekannt als etwa Ernst Ludwig Kirchner. "Das ist tatsächlich merkwürdig", sagt Kuratorin Kathrin Baumstark: "Ich glaube, es liegt daran, dass er nicht so greifbar ist. Er ist nicht so stringent, dass man ihn immer fassen kann."

Auf der Suche nach dem Malerparadies

Die "Brücke"-Künstler

Die "Brücke" bezeichnet eine Künstlergruppe, die am 7. Juni 1905 in Dresden gegründet wurde. Sie gilt als Wegbereiter des deutschen Expressionismus. Wichtigste Mitglieder der Gruppe waren Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein, Emil Nolde und Erich Heckel. Mit ihren holzschnittartigen Werken bildeten sie Szenen aus Stadtleben, Tanz und Varieté ab, später kamen Landschaftsporträts dazu.

Diese Vielfalt führt die Ausstellung vor: Dabei wollen die 70 Arbeiten aus der Zeit von 1906 bis 1932 alle wichtigen Schaffensperioden Pechsteins abdecken. So sieht man frühe Rohrfederzeichnungen im Stile van Goghs, expressionistische Landschaften, kubistisch beeinflusste Stilleben, einige Südsee-Idyllen von seinem kurzen Aufenthalt auf Palau, und einige eindringliche Porträts im Stile der Neuen Sachlichkeit.

"Diese Facetten lassen sich auch an den Orten ausmachen", sagt Baumstark. Deshalb habe sie die Ausstellung auch geografisch geordnet: "Pechstein war immer ein Künstler auf der Suche. Er war auf der Suche nach seinem Malerparadies. Wir beginnen eben mit Paris, also seiner ganz frühen Phase, 1906, als er die Fauve kennengelernt hat, van Gogh kennengelernt hat, Gauguin, und die große Welt sich ihm eröffnet hat."

"Expressionismus" wurde zum Schimpfwort

1881 bei Zwickau geboren, studierte Max Pechstein in Dresden, stieß zur Brücke, zog nach Berlin, ging nach Paris und entdeckte 1909 sein erstes Maler-Paradies - an der Ostsee. Hatte er in Paris gerade noch Menschen von der Straße gezeichnet - etwa eine üppig-runde Concierge, die lässig in der Tür lehnt, oder eine obdachlose Straßensängerin mit Kind - zog er nun mit den Brücke-Kollegen in die Natur und malte unter freiem Himmel expressionistische Landschaften und Akte.

Unscheinbare Motive wie Häuser, Kutter am Meer oder Akte, dazu eine grobe, flächige und extrem farbige Malweise - die Zeitgenossen des wilhelminischen Kaiserreichs waren entsetzt. "Expressionismus" wurde zum Schimpfwort. Ein Kritiker nannte Pechstein einen "elenden und schmierigen Stümper". Der ließ sich nicht irritieren. "Er sucht und wechselt ab, und dann malt er mal trocken, wo man die Leinwand durchsieht, mit ganz wenig Farbe - und dann wieder ganz pastos. Er kann ein Haus in fünf verschiedenen Stilen malen. Und das ist das Spannende", sagt Baumstark.

Düstere Schaffensperioden fehlen

Die Ausstellung zeigt das - und blendet dafür vieles aus: Weder dort noch im Katalog erfährt man, dass Pechstein nach der Novemberrevolution von 1918/19 Mitglied revolutionärer Künstlergruppen wurde und mit seiner Kunst Partei ergriff für die Arbeiter. Oder dass während des Faschismus düstere, symbolhafte Bilder entstanden, in denen er, der unzählige Kutter im Meer gemalt hatte, sie nun aufgebockt an Land zeigte - zur Bewegungslosigkeit verurteilt, wie er selbst, der von den Faschisten aus seiner Professur gedrängt und als "entartet" verfolgt wurde.

"Er hat Arbeitsverbot, er hat Ausstellungsverbot. 300 seiner Bilder sind nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr auffindbar. Man vermutet, dass die alle zerstört wurden", erzählt Kuratorin Baumstark. Mit dem Hinweis, die "wichtigen" Schaffensperioden Max Pechsteins seien die frühen gewesen, fällt all dies weg. Fast könnte man meinen, hier solle ein Künstler auf die "schönen Seiten" seines Werks reduziert werden.

Max Pechstein: Der unbekannte "Brücke"-Künstler

Max Pechstein gilt als einer der wichtigsten Expressionisten. Das Bucerius Kunst Forum widmet ihm die erste große Einzelausstellung in Hamburg - lässt aber wichtige Schaffensperioden aus.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Bucerius Kunst Forum
Rathausmarkt 2
20095  Hamburg
Telefon:
(040) 36 09 960
E-Mail:
info@buceriuskunstforum.de
Preis:
9 Euro, ermäßigt 6 Euro, montags Einheitspreis 6 Euro, Eintritt frei für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre
Öffnungszeiten:
täglich 11 bis 19 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 17.05.2017 | 19:20 Uhr

9 Bilder

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