Stand: 03.07.2015 16:13 Uhr

NDR Buch des Monats: "Im Frühling sterben"

Im Frühling sterben
von Ralf Rothmann
Vorgestellt von Melanie Thun
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Ralf Rothmanns Buch ist angelehnt an die Geschichte seines eigenen Vaters, der sein Leben lang unter Kriegserinnerungen gelitten hat.

"Es gibt da eine Stelle in meinem Leben, als ich acht Jahre alt war, da habe ich meinen Vater beim sonntäglichen Frühstück gefragt: 'Sag' mal, hast du im Krieg eigentlich auch geschossen?' Und da sagt er, der tatsächlich Fahrer in einer Versorgungseinheit war: 'Ja, klar, jeder hat geschossen.' Und dann, ich habe damals nur Indianerromane gelesen, habe ich sensationsgierig gefragt: 'Sind da auch Menschen umgefallen, sind die gestorben?' Und da war er so verdattert, dass er meine Mutter angesehen hat: 'Was soll ich denn jetzt sagen?' Meine Mutter sagte dann: 'Geh dein Zimmer aufräumen!' Das war ein Vakuum, das blieb mein ganzes Leben lang."

Dieses Vakuum hat Ralf Rothmann nun mit einem Roman gefüllt. "Im Frühling sterben" ist fiktiv, aber in ganz vielen Punkten auch die Biografie seines Vaters.

Mit 17 als Kanonenfutter an die Ostfront

Die Hauptperson Walter arbeitet wie der Vater als Melker in Norddeutschland. Es ist das Frühjahr 1945, Deutschland wird immer mehr eingekesselt: die Russen auf der einen, die Amerikaner auf der anderen Seite. Walter kümmert das wenig: "Ich bin Melker, ich weiß nichts von Politik. Mich können die sowieso nicht gebrauchen. Ich hab schon bei den Hitlerjungen danebengeschossen. Knick in der Optik", sagt er in dem Buch.

Doch das interessiert die Nazis nicht. Walter muss zusammen mit seinem Freund Fiete an die Ostfront, nach Ungarn. Beide sind erst 17 Jahre alt. Während man Walter als Fahrer in der Versorgungseinheit der Waffen-SS einsetzt, muss der andere, Fiete, an die Front. Für Fiete ist klar, dass er als Kanonenfutter dient. Er sagt Walter, dass er fliehen will.

Vererbte Traumata

Das Leid, dass die Soldaten erlebt haben, bleibt für Ralf Rothmann bis heute spürbar: "Fiete sagt in dem Roman: 'Die Kugeln, die dich treffen, verletzen, sofern du überlebst, deine Nachkommen.' Das Trauma manifestiert sich in den Zellen. Es ist tatsächlich wahr."

Das erforsche man gerade und so sei ihm erklärbar geworden, dass er sein Leben lang immer dasselbe träume - zwei, drei Mal im Jahr. "Nämlich, dass ich erschossen werde."

Auch deshalb ist das Buch für Rothmann so wichtig. "Im Frühling sterben" berührt nicht nur wegen der Geschichte, sondern vor allem auch wegen der Deutlichkeit und der literarischen Sprache, die nichts auslässt. Und eben das macht es so großartig. Es berührt einen, schockiert einen - wenn mitunter fast beiläufig die Toten, die Gehenkten, die Walter überall sieht, erwähnt werden.

Fiete will weg davon, also flieht er und wird erwischt. Die Strafe: Am nächsten Tag soll Fiete von seinen Kameraden erschossen werden. Auch von Walter. Der versucht noch beim Oberst Fiete zu retten. Vergeblich.

Sich erzählend entschulden

Rothmanns Vater ist nicht genau das passiert. Aber Ralf Rothmann traf per Zufall einen Mann, der genau dazu gezwungen wurde: "Den kannte ich nicht mal eine halbe Stunde, da sagte er mir schon, dass er im Krieg seinen besten Freund erschießen musste. Später habe ich dann da ein paar Monate gewohnt und öfter mit ihm und seinen Bekannten Tee getrunken. Wann immer ein Unbekannter dazukam, sagte er dasselbe. Das heißt, er wollte sich erzählend entschulden. Er wollte eigentlich immer dasselbe hören: 'Ja, was solltest du machen, es war der Krieg, man hätte dich auch an die Wand gestellt, wenn du den Befehl verweigert hättest.' So rettete er sich über das Leben."

"Im Frühling sterben" ist nicht nur eins von vielen Kriegsbüchern. Dieses Buch ist mehr: Es schildert selten plastisch die Schrecken der letzten Kriegsmonate, die Idiotie der Durchhalteparolen. Und die Frage von Schuld und Unschuld. Am Ende überlegt Walter, ob er absichtlich danebenschießt. Doch ein anderer Freund rät ihm, zu treffen: "Aus Menschlichkeit, natürlich. Weil du sein Freund bist, wie du sagst. Da wirst du gut zielen, damit er nicht leidet."

Wir brauchen Romane wie diesen

70 Jahre ist das Kriegsende nun her, die letzten Zeitzeugen sterben. Umso dringender brauchen wir Romane wie diesen. "Ich hoffe, dass ich am Ende die Wahrheit gesagt habe über das Leben und Leiden meines Vaters", sagt Rothmann. "Und ich hoffe, wenn er das Buch lesen könnte, dass er dann sagte: 'Ja, es war vielleicht nicht ganz so, aber so hätte es sein können.'"

Nach dem Krieg arbeitet Rothmanns Vater erst wieder als Melker im Norden, dann 30 Jahre lang unter Tage im Ruhrgebiet. Mit nur 61 Jahren stirbt er. Sein Sohn setzt ihm und vielen anderen, die viel zu jung an die Front mussten, mit diesem Buch ein Denkmal. "Im Frühling sterben" ist ein beklemmender, großartiger Roman.

Video
00:28 min

"Im Frühling sterben" - in neun Sekunden

10.07.2015 08:15 Uhr
NDR Kultur

Wie ist das NDR Buch des Monats "Im Frühling sterben" von Ralf Rothmann? Wir sagen es Ihnen - in neun Sekunden. Video (00:28 min)

Im Frühling sterben

von
Seitenzahl:
234 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42475-9
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 08.07.2015 | 00:00 Uhr

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