Sendedatum: 30.11.2015 12:40 Uhr

NDR Buch des Monats: "Ich - Dylan - Ich"

Ich - Dylan - Ich
von Peter Wawerzinek
Vorgestellt von Andrea Gerk
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In seinem neuen Buch tritt Peter Wawerzinek in ein Zwiegespräch mit seinem Idol Dylan Thomas.

Der 1954 in Rostock geborene Schriftsteller Peter Wawerzinek hatte sich schon zu DDR-Zeiten als Stegreifpoet am Prenzlauerberg einen Namen gemacht, stürzte dann aber komplett in seine Alkoholsucht ab. Davon - und wie er zum kontrollierten Trinker wurde - erzählte er unter anderem in seinem Roman "Schluckspecht". Jetzt hat er sein neues Buch einem echten Bruder im Geiste gewidmet, dem walisischen Dichter Dylan Thomas: "Ich - Dylan - Ich".

Vorbild Dylan Thomas

Als 14-Jähriger entdeckte Peter Wawerzinek nicht nur die Glücksverheißungen von Eierlikör und Rumtopf im Keller seiner Adoptiveltern, sondern vernahm auch eine Stimme aus dem Küchenradio, die ihn ähnlich berauschte:

"Ich schaltete einmal den Sender um und hörte dich an diesem Tag, vernahm nur deine Stimme im Radio. Und das will ich dir sagen: Du kannst verdammt gut lesen. Du bist ein Genie, Dylan. Du bist eine Ikone der Vortragskunst. Das hab ich in meiner Jugend am Radiogerät gleich herausgehört." Leseprobe

Nach der Wende macht sich Wawerzinek immer wieder auf den Weg nach Wales, um auf den Spuren seines Idols zu wandeln: Er wandert durch die herbe Landschaft, erkennt in den walisischen Küstenstrichen seine eigenen mecklenburgischen Strände wieder, wohnt in Dylans Geburtshaus, vergleicht Schicksalszahlen und Trinkrituale, und kauft für sich und seine Begleiterin bei einem Altkleiderhändler Klamotten aus Dylans Zeit, um noch mehr in dessen Haut zu schlüpfen. Immer wieder sucht er die Lieblingspubs seines Bruders im Geiste auf, der weder mit Geld noch Erfolg umgehen konnte und mit nur 39 Jahren an den Folgen seiner Trunksucht starb, und den er sich deshalb auch mal mahnend vorknöpft, ihm geradezu väterlich ins Gewissen redet:

"Ja, Dylan, ja doch. So sah ich auch aus in meiner schlimmsten Saufzeit. Aber eins ist bei mir anders geworden. Ich endete nicht wie du. Ich sehe mich erschreckend wieder auf diesen letzten Bildern von dir." Leseprobe

Wawerzinek bekämpft seine Alkoholsucht

Anders als Dylan Thomas hat Peter Wawerzinek "die Kurve gekriegt" und gemeinsam mit dem Therapeuten Gerd Gedig - der ihn auch mal nach Wales begleitet - kontrolliertes Trinken gelernt. Während Dylan Thomas zuletzt 18 Whiskey zum Verhängnis wurden, ist bei Wawerzinek nach drei Gläsern Schluss, meistens zumindest.

Was ist der Grund für die auffallend enge Verbindung zwischen Alkohol und Literatur, warum trinken so viele Künstler? "Ich glaube, das eine ist, dass man durch den Alkohol, den Rausch, mutig wird, dass man dann Dinge, die man im Kopf schon hat, dann eher angeht. Also sich dann eher entschließt zu sagen, okay ich mach das. Und das zweite ist diese Einsamkeit am Schreibtisch, die auch dazu verführt, dann immer wieder unkontrolliert zu trinken, und das dritte ist, wenn man jung ist und sich so seine Schriftsteller heraussucht, die man mag, stellen sich dann sehr viele, fast die Hälfte oder drüber, als Alkoholiker heraus", sagt Wawerzinek.

Alkohol als Treibstoff und Betäubungsmittel, ein Rauschgift und Suchtmittel wie das Schreiben und die damit verbundene Einsamkeit - ob in Berliner Schreibklausen oder kargen Hütten an der walisischen Küste.

"Ich rede übrigens auch so gern wie du. Ich bin lebhaft. Ich schreibe und trinke und lese in Büchern, um immer besser in all den Dingen des Schreibens zu werden. Mein Start ist so miserabel wie deiner. Ich bin verklemmt wie du. Ich muss mir später Mut antrinken, die Pubertät auszuhalten. Ich traue mich nur angetrunken an die Mädchen heran." Leseprobe

Hoher autobiografischer Anteil

Natürlich ist Wawerzineks Zwiegespräch mit Dylan Thomas vor allem ein Selbstgespräch, bei dem der andere zum Spiegel wird: in seinen Lebensadern und Abstürzen werden biografische Parallelen aufgespürt, abgewogen und stets mit einem feinen Humor kommentiert, der für Wawerzinek so typisch ist, wie seine leise Ironie und seine ungeheuer genaue poetische Sprache. In ihr hebt er das Eigene auf, transformiert es auf eine Ebene, die das Leben des Schriftstellers zu einem literarischen Ereignis werden lässt:

"Ich hab ja das Problem, dass ich immer autobiografisch schreibe, immer um mich selber rumkreise, als der Satellit, wenn man mich als Erde sehen würde", erklärt der Autor. "Ich hab immer so viele Themen und ich glaube, jeder Mensch hat so viele Themen in sich, dass er jedes Mal ein Buch darüber schreiben könnte, wenn er sich nur konzentriert auf das Thema. Mehr oder weniger versuch ich immer, die Sachen, die man so beschreibt, die auch wirklich da waren im Leben, nicht so tagebuchmäßig aufzuschreiben, sondern alles in irgend so einen poetischen Sinnraum reinzubringen."

Ich - Dylan - Ich

von
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Wortreich
Bestellnummer:
978-3-903091-01-6
Preis:
19,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 30.11.2015 | 12:40 Uhr