Stand: 01.03.2016 00:00 Uhr

NDR Buch des Monats: "Der Fuchs"

Der Fuchs
von Nis-Momme Stockmann
Vorgestellt von Katja Weise
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Stockmanns Roman steht schon auf der Liste zum Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik.

Als Dramatiker hat Nis-Momme Stockmann einen wahren Blitzstart hingelegt. Er war schon Hausautor am Schauspiel Frankfurt, bevor seine ersten Stücke überhaupt uraufgeführt worden waren. In den vergangenen Jahren hat der 1981 auf Föhr geborene Autor eng mit Lars-Ole Walburg, dem Intendanten des Schauspielhauses in Hannover, zusammengearbeitet. Seine Stücke sind oft widerständig, zuletzt hagelte es heftige Kritik für ein Musical in Hannover. Jetzt ist Stockmanns erster Roman erschienen: "Der Fuchs".

Ein komplexer Roman mit Sogwirkung

Er ist eine Zumutung, dieser Roman. Auf über 700 Seiten hebt Nis-Momme Stockmann die Welt aus den Angeln. Entwirft apokalyptische Szenarien biblischen Ausmaßes, zeichnet grandiose Porträts norddeutscher Seelen- und Deichlandschaften, taucht ein in die Welt babylonischer Gottheiten. Ein furioser Mix.

"Die Geschichte, die ich erzählen möchte, hat eine Komplexität, die sich nicht herunterreduzieren lässt und auch nicht sollte", meint Stockmann. "Es gibt auch eine ästhetische Lust an der Komplexität. Alles andere wäre für mich zu simpel. Wenn man Bolaño liest - seine Bücher könnten auch nicht kürzer sein, und zwar wegen des Gefühls, das man bekommt, der Sogwirkung, die ein Roman entfalten muss. Und das ist das Schöne: Man kann sich im Roman wahnsinnig breit machen - und das habe ich genossen."

Tatsächlich entfaltet auch Stockmanns Roman einen ungeheuren Sog: Ein bisschen fühlt man sich wie in einem Labyrinth, aus dem man unbedingt herausfinden muss und möchte, um zu erfahren, was mit Finn Schliemann, genannt "der Fuchs", passieren wird. Schon am Anfang sieht es nicht gut aus für den jungen Mann. Denn über die norddeutsche Kleinstadt Thule, in der er zu Hause ist, ist eine gewaltige Flut gekommen:

Ich sah die Menschen auf den anderen Dächern in der Ferne fast unbeweglich verharren. Als hätten sie sich für ein prätentiöses Kunstprojekt mit dem Titel "Unbegreiflich" für einen extrem gut ausgestatteten chinesischen Fotokünstler aufgestellt. So standen wir, füreinander nur Strichmännchen in der Ferne, alle zusammen auf unseren sauberen, stabilen Dächern. Gerettet und verloren zugleich. Leseprobe

Rückblenden und immer neue Handlungsstränge

Finn verliert sich in seinen Erinnerungen, die gleichzeitig jedoch zu einer Art Rettungsanker werden. Katja scheint ihm plötzlich gegenüber zu sitzen, das Mädchen, in das er schon als kleiner Junge verliebt war. Früher waren die beiden unzertrennlich, später landete sie in der Psychiatrie. Sie wollte ihn immer davon überzeugen, dass auch er etwas Besonderes sei. Sie, behauptete Katja, sei eine Zeitreisende: "Wir beide sind mehr als nur Statisten. Wir beiden spielen hier die Hauptrolle", sagte sie mit kratziger Stimme.

Aber in welchem Stück? Aufgeführt werden viele in diesem Roman, in dem immer wieder neue Handlungsstränge auftauchen, die auch optisch abgesetzt sind, wie ein Buch im Buch, aufgeblättert und deutlich schmaler gedruckt. Nis-Momme Stockmann setzt an zum großen Welterklärungsroman, in dem Zeit und Raum teilweise aufgehoben scheinen.

Seltsame Gottheiten tauchen auf, verrückte Künstler, und der Leser weiß nie: Entspringen diese fantastischen Gestalten Katjas Fantasie, sind sie Teile eines Romans im Roman? Gleichzeitig rechnet der Autor ab mit der kapitalistischen Gesellschaft und schreibt sich in einen Furor, an dessen Anfang und Ende es nur noch die Apokalypse geben kann.

Der Leser wird gefordert

Das zu lesen ist Arbeit, regt auf, nervt, fordert zum Widerspruch heraus - und doch hat es in seiner Komplexität und in seiner Vermessenheit etwas genial Verwegenes, befreiend Widerborstiges. Zumal Stockmann ein genialer Schreiber ist:

Als wir aus der Hütte treten, zeigt sich der Abend kühl und astral. Ein dunkelblaues Tuch, auf dem sich langsam schwarze Tinte verteilt. In der ozeanischen Weite, fein und silbrig eingewebt: Die Plejaden. Ein Duft von blühendem Löwenzahn, trockenem Schilf, Salzwasser und so dezent wie angenehm: Algen, Muscheln, Meer. So zeigt sie sich während eines ihrer seltenen großen Auftritte: die Nordseenacht. Leseprobe

Vielleicht hat Nis-Momme Stockmann zu viel gewollt. Am Ende geht nicht nur die Welt unter, es verschwimmt auch der Roman, die Teile treiben auseinander. Wer jetzt immer noch den Überblick behalten will, tut sich schwer. Denn dieses Buch ist eine Zumutung, vor der man sich manchmal sogar schützen möchte, aber: Lesen lohnt unbedingt.

Porträt
mit Video

Ein Friese in Leipzig

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NDR Kultur

Welches Buch hatten Sie zuletzt in der Hand? Womit würden Sie Kinder fürs Lesen begeistern? Jede Menge Bücherfragen an den Buchpreis-Nominierten Nis-Momme Stockmann. Video (03:07 min)

Der Fuchs

von
Seitenzahl:
720 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-06153-1
Preis:
24,95 €

Dieses Thema im Programm:

Neue Bücher | 02.03.2016 | 12:40 Uhr