Stand: 01.11.2016 00:01 Uhr

NDR Buch des Monats: "Trümmerkind"

Trümmerkind
von Mechtild Borrmann
Vorgestellt von Claudio Campagna
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Für die Recherchen zu ihrem neuen Buch hat sich die Autorin in Hamburger Archive begeben.

Es ist die Geschichte eines Findelkindes: Den kleinen Joost, vielleicht drei oder vier Jahre alt, entdecken die Geschwister Hanno und Wiebke im zerstörten Hamburg der Nachkriegszeit; allein und offenbar verwaist. Sie nehmen ihn mit.
Jahrzehnte später versucht eben dieser Joost, inzwischen ein erfolgreicher Architekt, das Geheimnis seiner Herkunft zu lüften. Mechtild Borrmanns Roman "Trümmerkind" ist unser Buch des Monats.

"Inzwischen hatten sich seine Augen an das spärliche Licht gewöhnt. Er trat in den hinteren Teil des Raumes. Da lag etwas Großes. Es schimmerte weißlich. Was war das? Zwei, drei Schritte vor, dann blieb er abrupt stehen. Er stand lange da und starrte den nackten Körper an. An Marmor dachte er, an leuchtend weißen Marmor mit graublauen Linien, und daran, dass sie eine schöne Frau gewesen war." Leseprobe

Erfolglose Suche nach Angehörigen der Toten

Später wird der Junge denken, er habe ja schon viele Leichen gesehen: "... aber diese Frau war anders. Anders tot." - Es ist ein authentischer Kriminalfall, der dem Roman zu Grunde liegt: die sogenannten Trümmermorde aus dem Jahr 1947. Vier Menschen sterben damals in Hamburg auf rätselhafte Weise. "Letztendlich ist es so, dass die verteilt in den Trümmern gelegen haben, dass die alle erdrosselt worden sind, dass die alle nackt waren, sodass man davon ausgehen kann, dass es sich um eine Serie gehandelt hat, dass es immer den gleichen Täter gegeben hat. Und erstaunlich war eben, dass das Menschen waren, die gut genährt waren - eine Frau hatte sogar lackierte Nägel und blondiertes Haar. Das heißt, das waren keine armen Leute", erklärt die Autorin.

Mit 50.000 Plakaten sucht die Polizei nach Angehörigen in allen vier Besatzungszonen. Doch keiner meldet sich, der die Opfer kennt. Bis heute ist die Mordserie nicht aufgeklärt. Zufällig stieß Mechtild Borrmann auf den Fall und war sogleich elektrisiert: "Weil mich fasziniert hat, dass diese Menschen nie identifiziert worden sind. Diese Toten haben bis heute keine Namen, man weiß nicht, wo die herkamen. Dann hatte ich das dringende Bedürfnis, denen eine Identität zu geben, wenn auch nur eine fiktive."

Intensiv recherchiertes historisches Zeitgeschehen

Auf drei Zeitebenen erzählt die Autorin ihre Geschichte: 1945, 1947 und 1992. Auf einem Herrenhaus in der Uckermark erlebt Familie Anquist das Ende des Zweiten Weltkriegs und flieht schließlich vor den sowjetischen Besatzern von ihrem Gut. In Hamburg kämpft Familie Dietz ums nackte Überleben im entbehrungsreichen Winter 1947: Die Hansestadt liegt in Trümmern; ein Mörder geht um; und auf der Brennholzsuche finden die Geschwister Hanno und Wiebke den frierenden, kleinen Joost. Im Jahr 1992 will Joost das Geheimnis seiner Herkunft ergründen. Und auch Anna Meerbaum, laut ihrer Mutter eine Nachfahrin jener Anquists aus der Uckermark, ist einem dunklen Familiengeheimnis auf der Spur.

"Ich glaube, dass Geschichte nachwirkt, und zwar noch über Generationen. Davon bin ich fest überzeugt", sagt Mechtild Borrmann. Im Roman schildert sie, wie Schuld und Schweigen in die Familienbeziehungen hineinwirken. Sie zeichnet immer wieder rührende Szenen: Wenn Hanno in dem ausgemergelten Kriegsheimkehrer den Vater wiedererkennt zum Beispiel oder wenn dieser sich betrinkt und seine Frau schlägt, weil er den kleinen Joost für die Folge ihrer Untreue hält. Solche Konflikte und Sorgen kennt die Autorin aus früheren Berufen. Sie war Theater- und Tanzpädagogin, Therapeutin in einer Drogenberatungsstelle und Barfrau, bevor sie mit dem Schreiben begann. Als Journalistin hat sie nie gearbeitet, obwohl sich der Roman bisweilen wie eine Reportage liest.

Unterhaltungslektüre mit Informationsgehalt

"Ich verstehe meine Bücher schon auch als Information. Ich schreibe bewusst Unterhaltungsliteratur, ich möchte Leute unterhalten, aber ich möchte auch etwas transportieren." Für "Trümmerkind" hat Mechtild Borrmann mit Zeitzeugen gesprochen, Schauplätze besucht und in den Akten des Hamburger Staatsarchivs recherchiert. Historische Reportage und Detektivgeschichte verbindet sie gekonnt. Ihre Stärke dabei sind Beschreibungen; von Bildern, Situationen, Stimmungen.

"Erstes wässrig violettes Licht zeigte sich am Horizont, schob sich über Schuttberge, fiel in Bombenkrater und zeichnete die Konturen der Trümmerlandschaft nach.
Er kam jetzt schneller voran, konnte sehen, wohin er seine Füße auf dem unebenen Gelände setzen musste. Die Kälte biss ihm in Gesicht und Lunge, drang durch die Jacke, die seine Mutter aus einer alten Armeedecke genäht hatte, und zog von unten durch die dünnen Schuhsohlen und die löchrigen Strümpfe. Dampfend stieg sein Atem auf, während er sich jetzt sicher und mit geübtem Blick über die Trümmer von Hammerbrook bewegte." Leseprobe

Trümmerkind

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Krimi Roman
Verlag:
Droemer Verlag
Bestellnummer:
978-3-426-28137-6
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

Buchtipp | 01.11.2016 | 10:12 Uhr

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