Stand: 02.02.2015 18:00 Uhr

NDR Buch des Monats: "Konzert ohne Dichter"

Konzert ohne Dichter
von Klaus Modick
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Um die zerbrochene Freundschaft zwischen Vogeler und Rilke geht es in Klaus Modicks neuem Roman.

Das Thema Künstlerfreundschaften ist im Werk des Schriftstellers Klaus Modick schon mehrfach aufgetaucht. Etwa in seinem Roman über Lion Feuchtwanger und Bert Brecht. In seinem neuen Roman "Konzert ohne Dichter" geht es nach Worpswede zu Heinrich Vogeler und Rainer Maria Rilke. "Konzert ohne Dichter" ist auch das "NDR Buch des Monats" im Februar.

Der Mittelpunkt von Worpswede

Klaus Modick lockt uns Leser auf der Zeitebene etwas mehr als 100 Jahre zurück, nach Worpswede, in die berühmte Künstlerkolonie, deren Mittelpunkt Heinrich Vogeler war. Eine vielseitig begabte, hochkreative Künstlerpersönlichkeit: Maler, Architekt, Designer, Schriftsteller, Pädagoge und nicht zuletzt Grafiker.

"Vogeler war ja ein bedeutender Buchgestalter", so Modick. "Die ganze, bis heute typische Corporate Identity des Insel Verlags ist ja Vogelers. Und heute noch erkennbar! Wenn Sie die Inselbibliothek in die Hand nehmen - diese schönen, kleinen Bände - das ist sozusagen immer noch Vogelers Handschrift."

Rilke taucht auf

Der erfolgreiche Vogeler lockt viele andere Künstler nach Worpswede. Auch der Dichter Rainer Maria Rilke taucht dort auf. Als junger Mann nicht unbedingt sympathisch. Ein Schnorrer, Frauenheld, Autor unsäglich schlechter Gedichte, die er unter dem Titel "Mir zur Feier" veröffentlicht hat. Die "Duineser Elegien", die zum Schönsten gehören, das je in deutscher Sprache geschrieben wurde, kamen erst später.

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Der freie Platz zwischen den Frauen links in Vogelers Gemälde "Sommerabend (Das Konzert)", 1905, verweist auf die zerbrochene Freundschaft mit Rilke.

"Rilke dockt jetzt bei Vogeler an", beschreibt Klaus Modick. "Nicht zuletzt in der Hoffnung natürlich, dann von Vogelers Nähe profitieren zu können im Markt. Was auch geschieht, weil Vogeler seinen Einfluss im Insel Verlag geltend macht, um Rilke zum Insel Verlag zu bekommen. Aber relativ schnell ändert sich die ganze Sache, weil Rilke das Dekorative - was in Vogelers Arbeiten da ist und auch übrigens da sein soll, Vogeler wollte ja dekorieren, er wollte das Leben verschönern - dieses Dekorative hat Rilke zutiefst verachtet. Und je erfolgreicher Vogeler wurde, desto mehr hat Rilke das verachtet."

Bei den sonntäglichen Treffen in Vogelers Barkenhoff lernt Rilke die Bildhauerin und Malerin Clara Westhoff kennen; sie heiraten und führen eine seltsame, unglückliche Ehe. Heinrich Vogeler arbeitete damals an einem Gemälde, das den Freundeskreis auf der Terrasse zeigt, bei einem Konzert.

Gemälde mit leerem Stuhl

Klaus Modick hat sich dieses Bild, das als ländliches Idyll hymnisch gefeiert wurde, als es fertig war, einfach noch einmal unvoreingenommen angesehen und bemerkt, was den Zeitgenossen offenbar nicht aufgefallen war. Alle auf diesem Bild sehen tiefunglücklich aus. Und einer aus der Runde fehlt.

"Dies berühmte Bild, das ja das Zentrum meines Romans ausmacht: 'Sommerabend oder Das Konzert' zeigt dieses Zerwürfnis", erklärt der Autor. "Denn, wenn man genau hinsieht, in der Mitte dieses Bildes ist ein leerer Stuhl. Und man fragt sich natürlich: Warum zeichnet da einer in ein Gruppenporträt eigentlich einen leeren Stuhl? Es ist der Platz, den Rilke hätte einnehmen sollen, wenn das alles noch so harmonisch gewesen wäre, wie zu der Zeit als Vogeler mit dem Bild angefangen hat. Aber als er damit fertig wurde, nach fünfjähriger Arbeit, war er mit Rilke derart verkracht, dass er ihn sozusagen aus dem Bild raus komplimentiert hat und nur noch dieser leere Stuhl zu sehen ist. Rilke hatte allerdings ein Talent, es sich mit allen zu verderben. Und die Harmonie, die dieses Bild vorzugeben scheint, ist gar nicht da."

Ein kluges Buch

Vermutlich gehen jedem von uns im Laufe eines Lebens Freundschaften in die Brüche. Manchmal genügt eine kleine Bemerkung, die zum Zerwürfnis führt, manchmal eine Geste oder eine ausbleibende Erklärung. Klaus Modicks historisierender Roman handelt nicht nur von Vogeler, Paula Modersohn-Becker, Otto Modersohn und anderen aus der Worpsweder Künstlerkolonie, natürlich handelt er auch von uns heute, verkleidet in Kostüme des ausgehenden Jugendstils und seiner Dekadenz. Möglicherweise ist ja manche Erkenntnis dieses klugen Buches so leichter anzunehmen.

Weitere Informationen

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Konzert ohne Dichter

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
Klaus
Preis:
17,99 €

Dieses Thema im Programm:

Neue Bücher | 10.02.2015 | 12:40 Uhr